„Die SPD wird sich nicht ver­krie­chen“

Der Bun­des­ar­beits­mi­nis­ter will die Zahl be­fris­te­ter Ar­beits­ver­hält­nis­se ein­däm­men und die Wahl von Be­triebs­rä­ten er­leich­tern.

Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald - - Politik -

BER­LIN Hu­ber­tus Heil emp­fängt uns in sei­nem Ber­li­ner Mi­nis­ter­bü­ro an die­sem letz­ten Ar­beits­tag vor der Weih­nachts­pau­se le­ge­rer als sonst: in Je­ans und oh­ne Kra­wat­te. Wie die meis­ten Spit­zen­po­li­ti­ker macht der Ar­beits­mi­nis­ter nach ei­nem an­stren­gen­den Jahr über die Weih­nachts­ta­ge ei­ne Wo­che Pau­se.

Herr Heil, will die SPD mit ih­rem Plan für ei­nen staat­lich fest­ge­leg­ten Min­dest­lohn die Ta­rif­part­ner­schaft von Ar­beit­ge­bern und Ge­werk­schaf­ten an den Na­gel hän­gen? HEIL Nein. Im Ge­gen­teil. Wir wol­len die So­zi­al­part­ner­schaft und die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en stär­ken.

Aber ein staat­lich fest­ge­leg­ter Min­dest­lohn schwächt doch die Ta­rif­au­to­no­mie.

HEIL Zu­nächst steigt der Min­dest­lohn zum 1. Ja­nu­ar 2020 auf 9,35 Eu­ro. Im Mai wer­den die So­zi­al­part­ner in der Min­dest­lohn­kom­mis­si­on wei­te­re Vor­schlä­ge für ei­ne Er­hö­hung des Min­dest­lohns ma­chen. Da­nach wer­den wir den Mecha­nis­mus, wie die Hö­he des Min­dest­lohns fest­ge­legt wird, über­prü­fen – so, wie es im Ko­ali­ti­ons­ver­trag vor­ge­se­hen ist.

Ha­ben Sie nicht die Sor­ge, dass ein deut­lich hö­he­rer Min­dest­lohn auch zu hö­he­rer Ar­beits­lo­sig­keit führt? HEIL Nein. Das war ja auch die Kri­tik vor Ein­füh­rung des Min­dest­lohns, die sich über­haupt nicht be­wahr­hei­tet hat.

Wann wol­len Sie die ge­wünsch­ten zwölf Eu­ro Min­dest­lohn er­rei­chen? HEIL Ich hal­te zwölf Eu­ro per­spek­ti­visch für ei­ne ver­nünf­ti­ge Grö­ße. Ich ge­he da­von aus, dass man sich die­sem Ziel in ei­nem über­schau­ba­ren Zei­t­raum nä­hern wird.

Noch in die­ser Wahl­pe­ri­ode?

HEIL War­ten wir doch erst­mal ab, was das Er­geb­nis der Eva­lu­ie­rung der Min­dest­lohn­kom­mis­si­on im nächs­ten Jahr er­gibt. Dem wer­de ich nicht vor­grei­fen.

Ist die Fra­ge des Min­dest­lohns ei­ne Soll­bruch­stel­le für die Ko­ali­ti­on? HEIL Ich will, dass wir in die­ser Bun­des­re­gie­rung zu Fort­schrit­ten kom­men. Und da­für ar­bei­te ich.

Wä­re die Glaub­wür­dig­keit der SPD hö­her, wenn sie end­lich ei­ne kla­re Ent­schei­dung über ih­ren Ver­bleib in der Re­gie­rung tref­fen wür­de? HEIL Wir ha­ben doch ei­ne kla­re Ent­schei­dung. Wir wol­len, dass die Re­gie­rung

ih­re Zeit wei­ter nutzt, um un­ser Land ins­ge­samt vor­an­zu­brin­gen. Wir ha­ben ei­ne gu­te Bi­lanz vor­zu­wei­sen. Un­ser ge­mein­sa­mer An­spruch muss doch sein, et­was zu be­we­gen. Wä­re die gro­ße Ko­ali­ti­on ei­ne Re­gie­rung des Still­stan­des, wä­re es rich­tig, die Re­gie­rung auf­zu­kün­di­gen. Aber dem ist nicht so.

Se­hen Sie sich als neu­er SPD-Vi­ze als Kor­rek­tiv zu den eher links­ge­rich­te­ten neu­en Par­tei­chefs?

HEIL Ich se­he mich als Teil ei­nes Füh­rungs­teams. Wir al­le ar­bei­ten für ei­ne stär­ke­re So­zi­al­de­mo­kra­tie, weil wir über­zeugt sind, dass das gut für un­ser Land ist. Die SPD wird sich nicht an den Rand der Ge­sell­schaft ver­krie­chen.

Die Ko­ali­ti­on will ja auch die Or­ga­ni­sa­ti­on der Be­triebs­rä­te re­for­mie­ren. Was pla­nen Sie da kon­kret? HEIL Wir wol­len ein Initia­tiv­recht von Be­triebs­rä­ten für Wei­ter­bil­dung und Qua­li­fi­zie­rung schaf­fen. In Ab­spra­che mit der Un­ter­neh­mens­füh­rung und dem Ma­nage­ment sol­len sie die Initia­ti­ve für die Wei­ter­qua­li­fi­zie­rung von Mit­ar­bei­tern er­grei­fen kön­nen.

Wol­len Sie auch die Grün­dung von Be­triebs­rä­ten er­leich­tern?

HEIL Ja, wir wol­len da­für sor­gen, dass die Grün­dung und Wahl von Be­triebs­rä­ten er­leich­tert wird. Das ver­ein­fach­te Wahl­ver­fah­ren für al­le Be­trie­be mit fünf bis 100 wahl­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­me­rin­nen und

Ar­beit­neh­mern soll ver­pflich­tend wer­den. Das ist wichtig für mehr Mit­be­stim­mung der Be­schäf­tig­ten. Denn in Zei­ten des di­gi­ta­len Wan­dels müs­sen die Rech­te von Be­schäf­tig­ten ge­si­chert wer­den. Ei­nen ent­spre­chen­den Ge­setz­ent­wurf wer­de ich im kom­men­den Jahr vor­le­gen.

Wie wol­len Sie die vie­len be­fris­te­ten Ar­beits­ver­hält­nis­se re­du­zie­ren? HEIL Mein Ziel ist es, sach­grund­lo­se Be­fris­tun­gen ein­zu­däm­men. Es wird na­tür­lich wei­ter­hin Sach­grün­de für ein be­fris­te­tes Ar­beits­ver­hält­nis ge­ben, zum Bei­spiel für El­tern­zeit­ver­tre­tun­gen. Will­kür­li­che Be­fris­tun­gen soll­ten aber die Aus­nah­me wer­den.

In der di­gi­ta­len Ar­beits­welt ha­ben sich die Ar­beits­zei­ten ge­än­dert, Ar­beit­neh­mer kön­nen et­wa je­der­zeit E-Mails be­ant­wor­ten. In Pi­lot­pro­jek­ten ha­ben Sie ge­prüft, ob der star­re Acht-St­un­den-Tag wei­ter gel­ten soll. Was ist her­aus­ge­kom­men? HEIL Das Ar­beits­zeit­ge­setz ist in ers­ter Li­nie ein Ar­beit­neh­mer­schutz­ge­setz. Es ein­fach ein­zu­stamp­fen, wird mit mir nicht zu ma­chen sein. Schließ­lich geht es auch dar­um, die Ge­sund­heit von Be­schäf­tig­ten zu schüt­zen.

… aber die fast schon üb­li­che Um­ge­hung des Ar­beits­zeit­ge­set­zes zeigt doch, dass es da Re­form­be­darf gibt. HEIL Erst ein­mal muss sich je­der an Recht und Ge­setz hal­ten. Fle­xi­bi­li­sie­run­gen der Ar­beits­zei­ten sind durch­aus mög­lich auf Ba­sis von ta­rif­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen. Ich wei­se aber dar­auf hin, dass die psy­chi­schen Er­kran­kun­gen in der Ar­beits­welt dras­tisch zu­ge­nom­men ha­ben. Das hat auch mit der Ver­dich­tung von Ar­beit zu tun. Des­halb geht es bei der Ar­beits­zeit­ge­setz­ge­bung auch um die psy­chi­sche Ge­sund­heit der Be­schäf­tig­ten.

Vie­le In­dus­trie­bran­chen, vor al­lem die Au­to­mo­bil­in­dus­trie und der Ma­schi­nen­bau, ste­hen vor gro­ßen Um­brü­chen, vie­le Jobs sind dort in Ge­fahr. Was be­fürch­ten Sie da? HEIL Wir ha­ben vor al­lem in Ba­den-Würt­tem­berg und im Saar­land An­kün­di­gun­gen von Ent­las­sun­gen und Kurz­ar­beit, die man ernst neh­men muss. Im Ja­nu­ar wird es auf ei­nem klei­nen Au­to­gip­fel da­zu wei­te­re Ge­sprä­che ge­ben. Wir sind aber für ei­ne kon­junk­tu­rel­le Ein­trü­bung gut ge­rüs­tet.

Was mei­nen Sie da­mit ge­nau?

HEIL Bis­her kön­nen wir die Be­zugs­zeit für das Kurz­ar­bei­ter­geld von zwölf auf 24 Mo­na­te nur ver­län­gern, wenn ei­ne Ge­samt­stö­rung des Ar­beits­markts vor­liegt. Wir ha­ben aber kei­ne sol­che Ge­samt­stö­rung, son­dern nur in Tei­len der In­dus­trie Ein­trü­bun­gen. Ich möch­te in der Ko­ali­ti­on über­zeu­gen, dass wir das Kurz­ar­bei­ter­geld auch schon bei sol­chen Teil­stö­run­gen auf 24 Mo­na­te ver­län­gern kön­nen. Das Wich­tigs­te aber ist, dass wir Kurz­ar­beit künf­tig bes­ser mit Qua­li­fi­zie­rung ver­knüp­fen. Un­ser Ar­beit-von-mor­gen-Ge­setz soll Be­trof­fe­nen er­mög­li­chen, Zei­ten von Kurz­ar­beit sinn­voll zu nut­zen, um sich wei­ter­zu­bil­den.

BIR­GIT MAR­SCHALL UND EVA QUADBECK FÜHR­TEN DAS IN­TER­VIEW.

FO­TO: DPA

Bun­des­ar­beits­mi­nis­ter Hu­ber­tus Heil (SPD) kommt zu ei­nem Ko­ali­ti­ons­tref­fen im Bun­des­kanz­ler­amt. Die bis­he­ri­ge Bi­lanz der Re­gie­rung fin­det er re­spek­ta­bel – sie sei je­den­falls kein Grund, das Bünd­nis mit der Uni­on vor­zei­tig auf­zu­kün­di­gen.

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