Der Hai-Flüs­te­rer

Lu­kas Mül­ler ist der ers­te Deut­sche, der oh­ne Kä­fig mit ei­nem Wei­ßen Hai tauch­te. Sei­ne Lei­den­schaft be­gann im Aqua­zoo. Jetzt will er dem Düs­sel­dor­fer Mu­se­um et­was zu­rück­ge­ben – und die Be­su­cher vir­tu­ell mit in den Oze­an neh­men.

Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald - - Magazin - VON ALEX­AN­DER TRIESCH

Die Meis­ten se­hen ih­ren ers­ten ech­ten Hai im Aqua­ri­um. Lu­kas Mül­ler sieht ihn am Strand von Menor­ca. Da ist er drei Jah­re alt und fragt sich, war­um so vie­le nack­te Men­schen vor ei­nem Tier weg­lau­fen, das noch kei­nem et­was ge­tan hat. Es ist ein war­mer Tag im Som­mer 1993, Lu­kas Mül­ler ist für ein paar Ta­ge mit sei­nen El­tern auf der In­sel und hat noch kei­ne Ah­nung, was noch al­les in dem wei­ten Meer auf ihn war­tet. Der Blau­hai taucht plötz­lich auf. Das Tier ge­hört zu ei­ner von nur sie­ben Hai-Ar­ten auf der Welt, die für den Men­schen ge­fähr­lich sein kön­nen. Tat­säch­lich gibt es aber kaum se­riö­se Be­rich­te, in de­nen ein Blau­hai ei­nen Men­schen ver­letzt hat. Ei­gent­lich mei­det er die Küs­te. An die­sem Tag hat sich der Blau­hai aber in die seich­te Bucht ver­irrt, und wäh­rend Ma­ma Mül­ler ih­ren klei­nen Sohn packt, rennt Pa­pa Mül­ler ins Was­ser. Mit Tauch­mas­ke und Schnor­chel. Er möch­te dem mäch­ti­gen Räu­ber ganz nah sein.

Lu­kas be­ob­ach­tet den Va­ter vom Bal­kon der Fe­ri­en­woh­nung aus. Der Blau­hai beißt nie­man­den. Die Bou­le­vard-Zei­tun­gen ti­teln: „Hai-Alarm“. Wie sehr die Men­schen die­se Tie­re wirk­lich fürch­ten, wird der klei­ne Lu­kas erst viel spä­ter er­fah­ren. Er fliegt zu­rück nach Deutsch­land, ins Ruhr­ge­biet, dort, wo er kei­nem frei le­ben­den Hai je be­geg­nen kann. Was für den ganz nor­ma­len Ur­lau­ber ziem­lich be­ru­hi­gend klingt, fühl­te sich für den Jun­gen aus Bochum an wie der kal­te Ent­zug.

In den fol­gen­den Jah­ren malt Lu­kas vie­le bun­te Haie. Im Fern­se­hen will er Do­kus über die Mee­res­be­woh­ner se­hen und liest Bü­cher über al­le mög­li­chen Tie­re – Haupt­sa­che, die Men­schen hal­ten sie für ge­fähr­lich. Spä­ter, beim Ur­laub in Grie­chen­land, taucht er selbst. Und al­le paar Mo­na­te kommt er nach Düs­sel­dorf und schaut sich im Aqua­zoo den klei­nen Schwarz­spit­zen-Riff­hai an. Dann sitzt er vor der Schei­be, dicht dran mit der Na­se, und be­rührt das Glas, hin­ter dem das Tier schwimmt.

Trotz­dem hat er das Ge­fühl, noch nicht nah ge­nug zu sein. Über vie­le Jah­re kommt Lu­kas Mül­ler im­mer wie­der. Von den Tie­ren be­kommt er nicht ge­nug, es sind aber nicht nur die Haie, er schaut sich auch die Ro­chen an, die bun­ten Fi­sche, die ur­al­ten Schild­krö­ten, die See­pferd­chen. Ir­gend­wann be­schließt er, die Fas­zi­na­ti­on zum Be­ruf zu ma­chen – und stürzt sich di­rekt ins Aben­teu­er.

Nach dem Abitur fliegt Mül­ler nach Süd­afri­ka. Er jobbt dort für ein Un­ter­neh­men, das Ur­lau­ber in die Tie­fen des Oze­ans bringt. Es gibt dort al­le mög­li­chen Tie­re, aber se­hen wol­len al­le nur den Wei­ßen Hai. In ei­nem ge­schlos­se­nen Kä­fig. Schon da­mals weiß Mül­ler, dass er dem Kö­nig der Mee­re viel lie­ber im frei­en Was­ser be­geg­nen will. Und er möch­te das, was er se­hen kann, auch für al­le an­de­ren sicht­bar ma­chen. Ganz be­son­ders für die Be­su­cher des Aqua­zoos, da, wo al­les an­ge­fan­gen hat.

An der Ruhr-Uni­ver­si­tät Bochum stu­diert Mül­ler Bio­lo­gie. Spä­ter „Ma­ri­ne Re­sour­ces Ma­nage­ment“, ein spe­zia­li­sier­ter Stu­di­en­gang über den nach­hal­ti­gen Schutz der ma­ri­ti­men Öko­sys­te­me, an der nie­der­län­di­schen Uni­ver­si­tät Wa­ge­nin­ge. Heu­te ist Lu­kas Mül­ler mit 29 Jah­ren ei­ner der ge­frag­tes­ten Hai-Ex­per­ten, der schon in In­do­ne­si­en, Me­xi­ko und auf den Ba­ha­mas forsch­te, und der­zeit über ein Pro­jekt in Mo­sam­bik pro­mo­viert. Als ers­ter Deut­scher tauch­te er mit dem Wei­ßen Hai, oh­ne Kä­fig, oh­ne Tauch­fla­sche, so wie er es im­mer woll­te. Ein Atem­zug, zwei­ein­halb Mi­nu­ten un­ter Was­ser. Au­ge um Au­ge mit ei­nem der ge­fähr­lichs­ten Raub­tie­re der Er­de. Oder? Mül­ler wie­der­spricht.

Ge­fähr­li­che Tie­re ge­be es gar nicht. „Es gibt nur ge­fähr­li­che Si­tua­tio­nen“, sagt er und be­ob­ach­tet, wie der Sch­wert­spit­zen­hai im Aqua­zoo-Aqua­ri­um ne­ben ei­ner Grup­pe Oman-Kuh­na­sen­ro­chen schwimmt. Mül­ler sitzt wie­der vor der Schei­be, an der Stel­le, an der er auch als Kind schon saß. Ge­nau wie vor mehr als 20 Jah­ren presst er die Na­se ans Glas. Er ist zu­rück, mal wie­der. Und das, ob­wohl es viel zu tun gibt in Mo­sam­bik. Dort, an der Küs­te des In­di­schen Oze­ans, hilft er sechs Mo­na­te im Jahr, ein Schutz­ge­biet für die be­droh­ten Bul­len­haie auf­zu­bau­en. Lai­en ver­wech­seln sie gern mit dem Wei­ßen Hai, weil die Kie­fer fast iden­tisch aus­se­hen. Und Lai­en ha­ben vor al­lem eins: Angst.

Zu Un­recht, sagt Mül­ler. Er ist in ei­ner Zeit auf­ge­wach­sen, in der – aus­ge­löst durch Ste­ven Spiel­bergs „Der Wei­ße Hai“– ein Film nach dem an­de­ren in die Ki­nos kam, in dem es um mons­trö­se Haie geht, die Jagd auf Men­schen ma­chen. Mül­ler hält da­von nicht viel. Wer vor ei­nem Hai weg­schwim­me, ma­che deut­lich, dass er Beu­te sei. Wenn Mül­ler mit ih­nen taucht, schwimmt er auf die Haie zu – vor­sich­tig und mit Re­spekt. „Der Hai denkt dann: Oh, das ken­ne ich so nicht.“Das sagt je­mand, der be­reits mit hun­der­ten Hai­en im Was­ser war. Es ist kein Tipp für Un­er­fah­re­ne, die im Ur­laub ih­rem ers­ten Hai be­geg­nen.

Im Ba­za­ru­to Na­tio­nal­park in Mo­sam­bik, auch die „Blaue Sa­van­ne“ge­nannt, küm­mert sich Mül­ler mit ei­nem Team aus Tau­chern und For­schern um Haie, Ro­chen, Du­gongs, Wa­le und Del­fi­ne. Es ist ein 1400 Qua­drat­ki­lo­me­ter großes Are­al. Wo sich die Tie­re ge­nau auf­hal­ten, ist zu ih­rem Schutz ge­heim. Um die Rou­ten zu ver­ste­hen, auf de­nen die Haie schwim­men, stat­ten die Mee­res­for­scher sie mit Peil­sen­dern aus. Denn die Haie sind stark ge­fähr­det. Re­gel­mä­ßig lan­den sie als Bei­fang in Fi­scher­net­zen wer­den als Tro­phä­en ge­jagt oder kom­men als De­li­ka­tes­se auf den Tel­ler.

Aber Mül­ler will auch hier et­was tun, in Düs­sel­dorf. Auch, um dem Aqua­zoo et­was zu­rück­zu­ge­ben, dem Ort, an dem er schon als klei­ner Jun­ge so viel über die Ozea­ne und ih­re Be­woh­ner ge­lernt hat. Zu­sam­men mit Jo­chen Rei­ter, dem Lei­ter der städ­ti­schen Ein­rich­tung, will er ein Vir­tu­al-Rea­li­ty-Pro­jekt für den Aqua­zoo auf­bau­en. Be­su­cher sol­len Mül­ler mit Vir­tu­al-Rea­li­ty-Bril­len bei sei­nen Tauch­gän­gen in Mo­sam­bik be­glei­ten kön­nen – von Düs­sel­dorf aus. „Wir wol­len es mög­lich ma­chen, ei­ne kom­plet­te Ex­pe­di­ti­on zu er­le­ben. Von dem Mo­ment, an dem man mit dem Skip­per ab­legt, bis zum Tref­fen mit dem Hai“, sagt Mül­ler. Das kos­tet viel Geld – al­lein für die Ka­me­ras und das Zu­be­hör müss­te er mehr als 40.000 Eu­ro aus­ge­ben.

Und dann sind da noch die VR-Bril­len, die der Aqua­zoo an­schaf­fen will. Das meis­te will Rei­ter mit Spen­den ein­neh­men und setzt da­für auch auf Un­ter­stüt­zung von Fir­men aus der Re­gi­on. Der Aqua­zoo ist ei­ne städ­ti­sche Ein­rich­tung. Steu­er­geld kann er nicht für ein sol­ches Pro­jekt aus­ge­ben. „Wir ha­ben je­des Jahr 450.000 Be­su­cher, die wol­len wir sen­si­bi­li­sie­ren für den Schutz der Ozea­ne“, sagt Rei­ter, der den Zoo seit Fe­bru­ar 2016 lei­tet.

Den 46-jäh­ri­gen Zoo­di­rek­tor und Mül­ler ver­bin­det ei­ne Freund­schaft. Vor drei Jah­ren ha­ben sich die bei­den in ei­ner Fern­sehshow ken­nen­ge­lernt. Sie ver­stan­den sich schnell. Der Zoo­di­rek­tor er­kann­te sich im furcht­lo­sen Tau­cher wie­der. Rei­ter hat in Bochum einst bei dem Pro­fes­sor pro­mo­viert, bei dem Mül­ler im Ba­che­lor Vor­le­sun­gen hör­te. Da­für reis­te er als Stu­dent auf die Phil­ip­pi­nen und er­forsch­te dort, wie Flug­hun­de le­ben. Im Herbst gin­gen die bei­den zu­sam­men auf ei­ne Ex­pe­di­ti­on. Mül­ler nahm Rei­ter mit nach Mo­sam­bik und brach­te ihm das Ap­noe­tau­chen bei. Ein Tau­cher kann durch die Tech­nik mit nur ei­nem Atem­zug meh­re­re Mi­nu­ten un­ter Was­ser blei­ben. In der Blau­en Sa­van­ne zeig­te er dem Zoo­di­rek­tor die Riff­haie, zu­sam­men sind sie mit den Tie­ren ge­schwom­men.

Was Rei­ter in den Un­ter­was­ser­wel­ten der Blau­en Sa­van­ne er­lebt hat, bleibt dem gro­ßen Teil der Mensch­heit für im­mer ver­bor­gen. Das gilt

FO­TO: LU­KAS MÜL­LER

Lu­kas Mül­ler beim Tauch­gang.

FO­TO: LU­KAS MÜL­LER

In Mo­sam­bik tes­ten Schü­ler die ers­ten Un­ter­was­ser-Aus­flü­ge mit Vir­tu­al-Rea­li­ty-Bril­len.

FO­TO: HANS-JÜR­GEN BAU­ER

Mee­res­for­scher Lu­kas Mül­ler drück­te sich schon als klei­ner Jun­ge die Na­se am Aqua­ri­um des Aqua­zoos platt.

FO­TO: LU­KAS MÜL­LER

Ganz nah vor der Lin­se: ein Bul­len­hai.

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