War­um ei­ne Sa­ti­re der­art em­pört

Mit der Par­odie ei­nes po­pu­lä­ren Kin­der­lie­des lös­te der WDR ei­ne Em­pö­rungs­wel­le aus. Er traf da­mit auf ei­ne zwi­schen Ge­ne­ra­tio­nen, Kli­ma­schutz-Kon­zep­ten und ex­tre­mis­ti­schen Ein­stel­lun­gen ge­spal­te­ne Ge­sell­schaft.

Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald - - Stimme Des Westens - VON GREGOR MAYNTZ

Die Zei­len ge­hö­ren zu den ab­so­lu­ten Al­bern­hei­ten deut­schen Lied­guts. „Mei­ne Oma fährt im Hüh­ner­stall Mo­tor­rad“ist schon als Sprach­bild nur als Blö­de­lei zu ver­ste­hen. Und des­halb lädt es seit En­de der 20er Jah­re be­reits zu Ver­ball­hor­nun­gen ein. Man nimmt es nicht ernst, man wett­ei­fert beim Er­fin­den neu­er Stro­phen, die die Par­odi­en auf die Spit­ze trei­ben. Mal fährt Oma oh­ne Licht, mal oh­ne Schlauch, mal bringt sie ei­nen Schutz­mann vor La­chen zu Fall, mal hat sie mit 80 im­mer noch kei­nen Mann. Doch jetzt stei­gert sie die Er­re­gungs­kur­ven in den so­zia­len Netz­wer­ken in un­ge­ahn­te Es­ka­la­ti­ons­win­dun­gen.

Ein In­ter­net-Vi­deo des Dort­mun­der WDR-Kin­der­cho­res hat das mit drei Zei­len aus­ge­löst: „Mei­ne Oma fährt im Hüh­ner­stall Mo­tor­rad. Das sind tau­send Li­ter Su­per je­den Mo­nat. Mei­ne Oma ist ’ne al­te Um­welt­sau“, lau­te­te der Text, über den sich am Wo­che­n­en­de Zehn­tau­sen­de Zu­schau­er beim WDR be­schwer­ten. Da­bei war nicht nur der Ur­sprungs­text im Be­reich des Iro­ni­schen an­ge­sie­delt, son­dern na­tür­lich auch sei­ne neu­er­li­che Per­si­fla­ge.

Re­u­mü­tig nah­men die WDR-Ver­ant­wort­li­chen das Vi­deo aus dem Netz. Sie star­te­ten ei­ne Son­der­sen­dung, in der sich auch WDR-In­ten­dant Tom Buhrow te­le­fo­nisch vom Kran­ken­bett sei­nes Va­ters mel­de­te, „oh­ne Wenn und Aber“um Ent­schul­di­gung bat und emo­tio­nal da­von sprach, wie er sein gan­zes Be­rufs­le­ben da­für ge­kämpft ha­be, „dass wir die Men­schen nicht spal­ten und ge­gen­ein­an­der in Stel­lung brin­gen, son­dern das Mit­ein­an­der stär­ken“.

Hät­te der Sen­der mit die­sen Re­ak­tio­nen rech­nen kön­nen, als er „mit ei­nem gro­ßen Ham­mer auf ei­nen re­la­tiv klei­nen Na­gel“schlug, wie es WDR-2Chef Jo­chen Rausch for­mu­lier­te? Zum Zeit­punkt der Pro­duk­ti­on des Vi­de­os war das Feld der po­ten­zi­el­len Em­pö­rung noch nicht der­art ge­wei­tet, wie es durch ei­nen Tweet von „Fri­days for Fu­ture“kurz vor den Fei­er­ta­gen be­rei­tet wor­den war. Auch die Kli­ma­schutz­ak­ti­vis­ten hat­ten sich am an­geb­lich man­geln­den Um­welt­be­wusst­sein der Omas und Opas mit der Fra­ge ab­ge­ar­bei­tet: „War­um re­den uns die Groß­el­tern ei­gent­lich im­mer noch je­des Jahr rein? Die sind doch eh bald nicht mehr da­bei.“Auch hier ver­such­ten es die Ur­he­ber zu­nächst mit dem Hin­weis auf Sa­ti­re, bis sie um Ent­schul­di­gung ba­ten.

Die Ge­sell­schaft war al­so in Sa­chen Zy­nis­mus zu­las­ten der Groß­el­tern be­son­ders sen­si­bi­li­siert, als der WDR das Mo­tor­rad, ei­nen SUV und Dis­coun­ter-Fleisch in neue Zei­len pack­te, um Oma gleich mehr­fach als „Um­welt­sau“an den iro­ni­schen Pran­ger zu stel­len. Doch die ak­tu­ell auf­ge­la­de­ne Auf­merk­sam­keit für ei­nen mög­li­chen Ge­ne­ra­tio­nen­kon­flikt war es nicht al­lein, die zur Es­ka­la­ti­on in der In­ter­net-Öf­fent­lich­keit führ­te.

Hin­zu kam der seit den Kli­ma­pro­tes­ten auf­ge­kom­me­ne Kon­flikt um den An­teil, den je­der Ein­zel­ne zum Kli­ma­schutz bei­tra­gen soll. Die­ser Kon­flikt be­glei­tet mit im­mer skur­ri­le­ren Bei­spie­len die pri­va­te und ge­sell­schaft­li­che De­bat­te. Da sind die klei­nen Kin­der, die kaum spre­chen kön­nen, aber von ih­ren El­tern mit auf Kli­ma­de­mos ge­nom­men wer­den, in de­nen sie ih­ren Hass auf die un­tä­ti­ge Po­li­tik ein­ge­trich­tert be­kom­men, die ih­nen ih­re ei­ge­ne Zu­kunft neh­me. Völ­lig ver­zwei­felt über ihr be­droh­tes Le­ben stei­gen sie dann in das al­te Au­to ih­rer El­tern und fah­ren mit ih­nen durch halb Eu­ro­pa in Ur­laub. Oder gleich in den Flie­ger. Auch ei­ne Vor­zei­ge-Ak­ti­vis­tin wie Ca­ro­la Ra­cke­te fin­det nichts da­bei, beim Stra­ßen­pro­test al­le an­de­ren zum Än­dern ih­rer Le­bens­ge­wohn­hei­ten auf­zu­ru­fen – und dann selbst aus Pa­ta­go­ni­en an der Süd­spit­ze Süd­ame­ri­kas fro­he Fest­ta­ge zu wün­schen.

Sol­che Aus­wüch­se von Dop­pel­mo­ral schü­ren die Emo­tio­nen bei je­der sich bie­ten­den neu­en Ge­le­gen­heit. Und ei­ne sol­che lie­fer­te die Oma-An­kla­ge vom WDR aus­weis­lich vie­ler Re­ak­tio­nen zur Kli­ma­bi­lanz der ein­zel­nen Ge­ne­ra­tio­nen. Da wur­de so­gar die fik­ti­ve Oma, die kein Geld für bes­tes Bi­ofleisch und wei­te Flug­rei­sen ha­be, in ei­nen Ge­gen­satz zur an­kla­gen­den jun­gen Ge­ne­ra­ti­on mit ih­ren strom­fres­sen­den und CO2-pro­du­zie­ren­den Le­bens­ge­wohn­hei­ten ge­bracht. Sa­ti­re-Pro­fi Jan Böh­mer­mann ant­wor­te­te ge­nau­so spitz: „Wer sich je­den Tag bil­li­ges Dis­coun­ter­fleisch auf­brät, ist ei­ne Um­welt­sau.“

Um­ge­hend führ­te Omas Mo­tor­rad­fahrt in ei­ne grund­sätz­li­che po­li­ti­sche Front­stel­lung. Kaum hat­te es Nord­rhein-West­fa­lens Mi­nis­ter­prä­si­dent Ar­min La­schet ge­wagt, an die „Gren­zen des Stils und des Re­spekts ge­gen­über Äl­te­ren“zu er­in­nern, wur­de er auch schon ge­zielt falsch in­ter­pre­tiert und mit dem Ver­dacht be­legt, die Mei­nungs­frei­heit von WDR-Jour­na­lis­ten ein­schrän­ken zu wol­len.

Bald ge­riet der WDR mit sei­nem Rück­zie­her und sei­ner Ent­schul­di­gung des­halb in den Ver­dacht „er­bärm­li­cher Rück­grat­lo­sig­keit“, weil er nicht zu sei­ner Iro­nie und dem Ein­tre­ten ge­gen je­de „Um­welt­sau“ge­stan­den ha­be. Der Kurs­wech­sel des WDR wur­de als Ein­kni­cken ge­gen­über „den Rech­ten“in­ter­pre­tiert, weil nach die­sem Ver­ständ­nis der Shits­torm im Netz aus durch­sich­ti­gen Mo­ti­ven al­lein „von Fa­schis­ten in­iti­iert“wur­de. Am Sonn­tag pro­tes­tier­ten dann Rechts­ex­tre­me vor der WDR-Zen­tra­le in Köln. Und zu al­lem Über­fluss er­gänz­te ein WDR-Mit­ar­bei­ter von sei­nem pri­va­ten Ac­count das Stich­wort „Um­welt­sau“um „Na­zi­sau“und warf den Kri­ti­kern vor, ih­re Groß­müt­ter sei­en sol­che ge­we­sen.

So läp­pisch der An­lass, so ver­nach­läs­si­gens­wert der Kern­vor­gang war, so zei­gen die über­zo­ge­nen Re­ak­tio­nen und es­ka­lie­ren­den De­bat­ten zum Jah­res­en­de doch, wie tief die Spal­tung in die­ser Ge­sell­schaft be­reits vor­an­ge­schrit­ten ist. Viel­leicht fällt das Aus­maß der Po­la­ri­sie­rung bei ei­nem der­art harm­lo­sen Lied­chen so­gar noch schär­fer ins Au­ge als bei grund­sätz­li­chen und schwer­wie­gen­den Be­dro­hun­gen der De­mo­kra­tie. Höchs­te Zeit, sich für 2020 mehr Au­gen­maß und Ge­las­sen­heit vor­zu­neh­men.

„Wer sich je­den Tag bil­li­ges Dis­coun­ter­fleisch auf­brät, ist ei­ne Um­welt­sau“

Jan Böh­mer­mann TV-Sa­ti­ri­ker

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.