„Höl­der­lin ist für vie­le ein My­thos“

Der Phi­lo­soph spricht über den ge­heim­nis­vol­len Dich­ter, des­sen 250. Ge­burts­tag im März ge­fei­ert wird.

Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald - - Kultur - LOTHAR SCHRÖ­DER FÜHR­TE DAS INTERVIEW.

DÜS­SEL­DORF Fried­rich Höl­der­lin gilt als ei­ner der größ­ten Ly­ri­ker deut­scher Spra­che – und ist doch bis heu­te ein weit­ge­hend Un­be­kann­ter ge­blie­ben. Der Phi­lo­soph und viel­fach aus­ge­zeich­ne­te Buch­au­tor Rüdiger Safranski ver­sucht zum 250. Ge­burts­tag Höl­der­lins im kom­men­den Jahr, den Ly­ri­ker und Re­vo­lu­tio­när in sei­ner Bio­gra­fie für Leser des 21. Jahr­hun­derts er­fahr­bar wer­den zu las­sen.

Im All­tag be­geg­net man Höl­der­lin kaum. Wie kommt man heu­te noch auf den Ge­dan­ken, Höl­der­lin zu le­sen?

SAFRANSKI Für mich ist er im­mer wich­tig ge­we­sen und auch ge­blie­ben. Und in der Zeit um 1800 ist er ei­ne Fi­gur, die ei­ne be­son­de­re Stel­lung ein­nimmt. Aber si­cher: Im all­ge­mei­nen Pu­bli­kum ist er ein My­thos – wenn’s hoch­kommt; und wird kaum mehr ge­le­sen.

Und wel­che Rol­le spielt sein Werk für Sie?

SAFRANSKI Ich ha­be ei­ne län­ge­re Zeit je­den Mor­gen sei­ne Ge­dich­te ge­le­sen und sie dann auch aus­wen­dig ge­lernt. Da­mit kommt man gut in den Tag hin­ein. Mei­nes Erach­tens hat er die schöns­ten Ge­dich­te deut­scher Spra­che ge­schrie­ben. Nur fehlt heu­te voll­stän­dig der Sinn für die­se Art von Dich­tung. Dar­um ver­su­che ich mit mei­nem Buch auch wie­der den Sinn da­für zu schär­fen, was das ei­gent­lich Be­son­de­re ist an die­sem Höl­der­lin.

Sie ha­ben al­so ein mis­sio­na­ri­sches An­lie­gen? SAFRANSKI Ja, schon, nur ver­su­che ich da­bei nicht zu pre­di­gen. Ich ver­su­che lie­ber, die

Leu­te mit mei­ner ei­ge­nen Be­geis­te­rung an­zu­ste­cken. Je­man­dem et­was ein­re­den zu wol­len oder – wie man heu­te so sagt – ihn ab­zu­ho­len, ist mir viel zu päd­ago­gisch.

Wel­che Son­der­stel­lung konn­te Höl­der­lin um 1800 denn ein­neh­men? SAFRANSKI Wir le­ben ja heu­te in ei­ner Si­tua­ti­on, in der zu­min­dest die christ­li­chen Kir­chen enorm an Be­deu­tung ver­lie­ren, wäh­rend gleich­zei­tig ein Man­gel­ge­fühl exis­tiert, so ei­ne me­ta­phy­si­sche Ob­dach­lo­sig­keit. Das hält der Mensch auf Dau­er gar nicht aus. Höl­der­lin hat das in sei­ner Zeit der Auf­klä­rung, der Sä­ku­la­ri­sie­rung und der Ent­zau­be­rung da­mals schon wahr­ge­nom­men.

Er war ja auch ein gro­ßer An­hän­ger der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on …

SAFRANSKI … die ja auch ver­sucht hat, die Re­li­gi­on zu be­er­ben und die dann die kar­ge Ver­nunft zum Gott er­klärt hat. Aber Höl­der­lin war in die­ser Zeit des­halb so ei­ne be­son­de­re Fi­gur, weil er ein Pries­ter der Poe­sie war. In ei­nem sei­ner Ge­dich­te heißt es dem­ent­spre­chend: „Ist mir einst das Hei­li­ge... das Ge­dicht ge­lun­gen“– dann, so fährt er fort, sei er be­reit zu ster­ben. Und das meint er eins zu eins. Wenn die Kir­chen sich lee­ren, wird die Poe­sie mög­li­cher­wei­se zum letz­ten Ort, an dem spi­ri­tu­el­le Ener­gi­en noch spür­bar sind.

Poe­sie dann als Al­ter­na­ti­ve zur Auf­klä­rung?

SAFRANSKI Ja, es ist der Ver­such, ei­ne spi­ri­tu­el­le Di­men­si­on noch zu ret­ten. Wenn man be­denkt: Höl­der­lin lebt und wirkt in der so­ge­nann­ten Goe­the-Zeit, in der Li­te­ra­tur und Kunst zwar ei­ne enorm gro­ße Rol­le spie­len, aber eben doch nur auf ar­tis­ti­sche Wei­se. Poe­sie aber hat für ihn ei­ne an­de­re, noch tie­fe­re Be­deu­tung. Das hat ihn da­mals schon zu ei­ner fremd­ar­ti­gen Fi­gur ge­macht. Vie­le fei­er­ten da­mals die grie­chi­sche An­ti­ke, Höl­der­lin aber schien an die grie­chi­schen Göt­ter auch wirk­lich zu glau­ben. Das Re­li­gi­ös-Poe­ti­sche ist das Be­son­de­re an Höl­der­lin.

Und auch das bis heu­te Frem­de. SAFRANSKI Das stimmt. Er ist schließ­lich auch da­ran zer­bro­chen. Die Hälf­te sei­nes Le­bens ver­brach­te er in dem be­rühm­ten Tü­bin­ger Turm. Das muss man sich auch ein­mal vor­stel­len: 1806 war sein Zu­sam­men­bruch, mit 36 Jah­ren; und dann hat er wei­te­re 36 Jah­re völ­lig in sich zu­rück­ge­zo­gen und re­du­ziert im Turm ge­lebt. So leb­te er hin, schrieb noch Ge­dich­te wie ei­ne Spiel­uhr. Das funk­tio­nier­te of­fen­bar noch. Aber für die gro­ße Welt war er ver­lo­ren. Die­ses Schick­sal hat ihn fort­an mit so ei­ner my­thi­schen Au­ra um­ge­ben.

Ist der Zu­sam­men­bruch nicht viel­leicht auch sei­nem exis­ten­zi­el­len Rin­gen um Gott ge­schul­det? Fast ge­nau 100 Jah­re spä­ter wird der Phi­lo­soph Fried­rich Nietz­sche Gott für tot er­klä­ren und eben­falls der Welt ab­han­den kom­men. SAFRANSKI Das hängt schon da­mit zu­sam­men. Höl­der­lin sind ja ganz groß­ar­ti­ge Ge­dich­te ge­lun­gen; und das muss man sich wie ei­ne poe­ti­sche Ek­s­ta­se vor­stel­len. Er hat­te das Ge­fühl ei­ner gro­ßen In­spi­ra­ti­on. Und dann kommt zwangs­läu­fig wie­der der Ab­sturz in die Nor­ma­li­tät. Die­ses Auf und Ab hat er im­mer we­ni­ger aus­ge­hal­ten. Die Er­hit­zung und die Er­star­rung ist ein im­mer wie­der­keh­ren­des Mo­tiv bei ihm.

Und mit Blick auf das Schick­sal Nietz­sches?

SAFRANSKI Die­se Par­al­le­le kann man durch­aus zie­hen. Zu­mal Nietz­sche in Höl­der­lin sei­nen Wahl­ver­wand­ten ge­se­hen hat. Höl­der­lin ist für die brei­te Öf­fent­lich­keit erst durch den so­ge­nann­ten Stefan-Ge­or­ge-Kreis um 1900 rich­tig ent­deckt wor­den. Schon vor die­ser Ent­de­ckung aber hat­te der jun­ge Nietz­sche an Höl­der­lin ei­nen Nar­ren ge­fres­sen; er hat in ihm ei­nen ver­wand­ten Geist ge­se­hen. Im Zei­chen des Dio­ny­sos hat sich Nietz­sche mit Höl­der­lin ver­brü­dert.

Wenn für Höl­der­lin die Poe­sie ei­ne spi­ri­tu­el­le Leer­stel­le be­setzt, ist das nicht auch ei­ne un­ge­heu­er­li­che Er­he­bung des Dich­ters?

SAFRANSKI Na­tür­lich ist das ei­ne

Selbst­er­mäch­ti­gung. Er soll­te ja ei­gent­lich Pfar­rer wer­den, Theo­lo­gie war an­ge­sagt. Er aber floh vor dem Pfar­rer-Be­ruf. Er hat sich sei­ne ei­ge­ne Re­li­gio­si­tät ge­schaf­fen, ihm ging es um ein neu­es Da­seins­ge­fühl. Höl­der­lin schaff­te sich sei­ne ei­ge­ne Moral.

Ist uns Höl­der­lin viel­leicht auch fern, weil wir dem pa­the­ti­schen Ton nicht mehr zu­gäng­lich sind und sein wol­len?

SAFRANSKI Die ho­hen Tö­ne, na­tür­lich. Aber wenn man in die­sen Sound ei­ne Wei­le hin­ein­hört, fin­det man es schön, dass es so et­was gibt. Es ist ein Fei­er­tags-Ge­wand der Spra­che. Vom Un-Pa­the­ti­schen ist die Welt oh­ne­hin voll. Man soll­te Fried­rich Höl­der­lin jetzt aber nicht mit Macht po­pu­lär ma­chen wol­len. Viel­mehr soll­te man ak­zep­tie­ren, wenn da ei­ne fas­zi­nie­ren­de Fremd­heit bleibt.

FO­TO: DPA

Der Dich­ter Fried­rich Höl­der­lin (1770 – 1843) auf ei­ner his­to­ri­schen Ra­die­rung aus dem 19. Jahr­hun­dert.

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