900-Mil­lio­nen-Eu­ro-Kla­ge ge­gen Daim­ler

Der Au­to­bau­er muss­te we­gen Ab­gas-Pro­ble­men hun­dert­tau­sen­de Die­sel-Fahr­zeu­ge zu­rück­ru­fen. Der Ak­ti­en­kurs brach ein. Nun zie­hen An­le­ger vor Ge­richt, um die ent­schei­den­de Fra­ge zu klä­ren: Hät­te Daim­ler Ak­tio­nä­re war­nen müs­sen?

Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald - - Wirtschaft -

STUTT­GART (dpa) Meh­re­re In­ves­to­ren ha­ben ge­gen den Au­to­bau­er Daim­ler Scha­den­er­satz­kla­gen im Zu­sam­men­hang mit mög­li­chem Die­sel­ab­gas­be­trug ein­ge­reicht. Die Tü­bin­ger Kanz­lei Tilp teil­te am Di­ens­tag mit, sie sei von 219 in­sti­tu­tio­nel­len An­le­gern mit ei­ner ent­spre­chen­den Kla­ge be­auf­tragt wor­den, die ge­sam­te Scha­den­er­satz­for­de­rung be­lau­fe sich auf 896 Mil­lio­nen Eu­ro. Zu den kla­gen­den In­ves­to­ren ge­hö­ren den An­ga­ben zu­fol­ge un­ter an­de­rem Ban­ken, Ver­si­che­run­gen und Pen­si­ons­fonds aus Deutsch­land, an­de­ren EU-Staa­ten, Nord­ame­ri­ka, Asi­en und Aus­tra­li­en. Ei­ne Spre­che­rin des Land­ge­richts Stutt­gart be­stä­tig­te auf An­fra­ge den Ein­gang der Kla­ge.

Tilp er­klär­te, man wer­fe Daim­ler vor, ka­pi­tal­markt­recht­li­che Pflich­ten ver­letzt zu ha­ben. Der Au­to­bau­er ha­be die Ver­wen­dung von il­le­ga­len Ab­schalt­ein­rich­tun­gen in sei­nen Die­sel-Fahr­zeu­gen so­wie die hier­mit ver­bun­de­nen Ri­si­ken und Kos­ten

dem Ka­pi­tal­markt ver­schwie­gen und die In­ves­to­ren über die wah­ren Um­stän­de ge­täuscht. Zwi­schen dem 10. Ju­li 2012 und dem 20. Ju­ni 2018 sei der Kurs der Daim­ler-Ak­tie von über 90 Eu­ro auf un­ter 60 Eu­ro ge­fal­len. Die da­durch er­lit­te­nen Schä­den sei­en Ge­gen­stand der Kla­gen.

Bis­her for­dern In­ves­to­ren des Au­to­bau­ers VW nach dem Ka­pi­tal­an­le­ger-Mus­ter­ver­fah­rens­ge­setz (Ka­pMug) Scha­den­er­satz in Mil­li­ar­den­hö­he für Kurs­ver­lus­te nach Be­kannt­wer­den des Die­sel­be­trugs. An­le­ger wer­fen dem Ma­nage­ment des Volks­wa­gens-Kon­zerns und der Por­sche-Dach­ge­sell­schaft PSE vor, sie zu spät über die fi­nan­zi­el­len Ri­si­ken der im Sep­tem­ber 2015 be­kannt­ge­wor­de­nen Ab­gas­ma­ni­pu­la­tio­nen in­for­miert zu ha­ben.

Auch Daim­ler muss sich mit Ab­gas-Vor­wür­fen aus­ein­an­der­set­zen. Ein zen­tra­ler Streit­punkt hier: so­ge­nann­te Tem­pe­ra­tur­fens­ter, in­ner­halb de­rer die Rei­ni­gung zur Scho­nung von Mo­tor­bau­tei­len her­un­ter­ge­fah­ren wer­den darf. Weil es da­bei recht­li­che Grau­zo­nen gibt, kla­gen auch vie­le Kun­den. Das Kraft­fahrt-Bun­des­amt (KBA) hat­te 2018 und 2019 ge­gen ins­ge­samt meh­re­re Hun­dert­tau­send Daim­ler-Fahr­zeu­ge Rück­ruf-Be­schei­de we­gen ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­gas­tech­nik er­las­sen.

Daim­ler er­klär­te auf An­fra­ge: „Wir hal­ten die uns be­kann­ten Kla­gen für un­be­grün­det und wer­den uns ge­gen die Vor­wür­fe mit al­len ju­ris­ti­schen Mit­teln ver­tei­di­gen – ge­ge­be­nen­falls auch in ei­nem et­wai­gen Mus­ter­ver­fah­ren.“Ein sol­ches Mus­ter­ver­fah­ren könn­te – ähn­lich wie im Fall VW – Be­we­gung in die ju­ris­ti­schen Streits zwi­schen dem Au­to­bau­er und Ak­tio­nä­ren brin­gen. Im Kern geht es bei ei­nem Mus­ter­ver­fah­ren dar­um, zen­tra­le Rechts­fra­gen sämt­li­cher Fäl­le be­reits vor­ab von der nächst­hö­he­ren In­stanz ver­bind­lich ent­schei­den zu las­sen.

Im Fall Daim­ler hat das Land­ge­richt Stutt­gart nach der Be­kannt­ma­chung

ei­nes ers­ten Mus­ter­ver­fah­rens­an­trags im Bun­des­an­zei­ger En­de vor­ver­gan­ge­nen Jah­res 25 wei­te­re An­trä­ge er­hal­ten. In die­sen hät­ten so­wohl die Klä­ger- als auch die Be­klag­ten­sei­te „um­fang­rei­che und kom­ple­xe Fest­stel­lungs­zie­le for­mu­liert“, sag­te die Spre­che­rin. Die zu­stän­di­ge Zi­vil­kam­mer des Ge­richts be­ra­te der­zeit über den wei­te­ren Fort­gang.

Die Kanz­lei Tilp zeig­te sich zu­ver­sicht­lich. Man ha­be al­le for­mel­len Vor­aus­set­zun­gen für ein Mus­ter­ver­fah­ren nach dem Ka­pMug ge­schaf­fen und er­war­te, dass es noch vor der Som­mer­pau­se be­gin­nen kön­ne. Die Kanz­lei hat nach ei­ge­nen An­ga­ben auch für zahl­rei­che pri­va­te An­le­ger Kla­gen ge­gen Daim­ler ein­ge­reicht. Rechts­an­walt Andre­as Tilp sag­te der „Wirt­schafts­wo­che“. „Es wer­den im lau­fen­den Jahr wei­te­re Kla­gen hin­zu­kom­men. Die Ge­samt­scha­dens­sum­me un­se­rer Kla­gen dürf­te 2020 auf 1,8 Mil­li­ar­den Eu­ro stei­gen.“

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