Sci­ence-Fic­tion oh­ne Span­nung

In „Litt­le Joe“geht die Ge­sell­schaft mit Tech­nik ge­gen die Na­tur vor.

Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald - - Kino - VON MICHA­EL KIENZL

(kna) In dem Thril­ler „Ver­dacht“(1941) de­po­nier­te Al­f­red Hitch­cock ei­ne klei­ne Glüh­lam­pe in ei­nem Milch­glas. Das un­na­tür­li­che Leuch­ten soll­te die Auf­merk­sam­keit des Zu­schau­ers auf sich zie­hen und die Fra­ge auf­wer­fen, ob die Milch viel­leicht ver­gif­tet sei. In „Litt­le Joe“von Jes­si­ca Haus­ner ist es ei­ne Blu­me, die ei­nem so­fort su­spekt ist. In den Ein­stel­lun­gen des Films, in de­nen je­der Farb­ton pe­ni­bel auf den an­de­ren ab­ge­stimmt ist, wirkt das ag­gres­si­ve Rot der pu­schel­ar­ti­gen Blü­ten wie ein Warn­si­gnal, das kei­ne der Fi­gu­ren zu­nächst rich­tig deu­ten will.

Der Film han­delt von der Pflan­zen­züch­te­rin Ali­ce (Emi­ly Bee­cham), die für ein bio­tech­no­lo­gi­sches Un­ter­neh­men eben je­ne Blu­me mit dem Na­men Litt­le Joe ge­schaf­fen hat. Durch ih­ren Duft ist sie in der La­ge, Men­schen glück­lich zu ma­chen; sie soll des­halb als ei­ne Art An­ti­de­pres­si­vum ge­nutzt wer­den. Weil Ali­ce auf ei­nen Tri­umph bei der be­vor­ste­hen­den Pflan­zen­mes­se hofft, igno­riert sie be­harr­lich, dass ih­re Schöp­fung auch ge­fähr­li­che Ne­ben­wir­kun­gen hat.

Al­lein die Tat­sa­che, dass es ei­ne Blu­me wie die­se braucht, of­fen­bart be­reits, wie viel in Haus­ners küh­ler Sci­ence-Fic­tion-Welt im Ar­gen liegt. Der zwi­schen­mensch­li­che Um­gang ist hier steif und un­be­hol­fen.

Vor den scheu­en An­nä­he­rungs­ver­su­chen ih­res Ar­beits­kol­le­gen Chris (Ben Whis­haw) er­greift Ali­ce je­des Mal pa­nisch die Flucht. Und für ih­ren Sohn Joe (Kit Connor) sorgt sie zwar mit ei­ner ge­wis­sen Op­fer­be­reit­schaft, je­doch oh­ne dass man die­ses Ver­hält­nis als wirk­lich herz­lich be­zeich­nen könn­te. Dass in die­sem fil­mi­schen Pup­pen­stu­ben-Kos­mos aus­ge­rech­net die Be­zie­hung zwi­schen Ali­ces psy­chisch la­bi­ler Kol­le­gin Bel­la (Ker­ry Fox) und de­ren Hund am na­tür­lichs­ten ist, zeigt mit ei­nem Au­gen­zwin­kern, wie ver­lo­ren die Mensch­heit ist.

„Litt­le Joe“er­zählt von ei­ner Ge­sell­schaft, die sich mit den Mit­teln der Tech­nik ge­gen die Na­tur auf­lehnt. Für die Wär­me und Nä­he, die sich die Men­schen nicht mehr ge­gen­sei­tig ge­ben kön­nen, soll ei­ne Zau­ber­pflan­ze sor­gen, die auch noch den­sel­ben Na­men wie Ali­ces Sohn trägt. Die Na­tur rächt sich für sol­che Ma­ni­pu­la­tio­nen: Weil die Blu­me ste­ril ge­züch­tet wur­de, sorgt sie für ihr Fort­be­ste­hen, in­dem sie Men­schen mit ih­ren Pol­len in­fi­ziert. Die in­ter­es­sie­ren sich nicht mehr für ih­re Art­ge­nos­sen, son­dern nur für das Heil der Pflan­ze.

Das Um­feld von Ali­ce ver­än­dert sich zu­neh­mend. Wenn sie et­wa heim­lich ei­ne der Pflan­zen als Ge­schenk für ih­ren Sohn mit nach Hau­se nimmt, spielt Haus­ner mehr­mals mit der Un­si­cher­heit, ob der Jun­ge sich be­reits ver­wan­delt hat. Ab­ge­se­hen von sol­chen kur­zen Mo­men­ten zeigt „Litt­le Joe“aber kaum In­ter­es­se an ei­ner her­kömm­li­chen Span­nungs­dra­ma­tur­gie.

Wohl­wol­lend könn­te man sa­gen, dass „Litt­le Joe“mit sei­ner red­un­dan­ten Er­zähl­wei­se Gen­re­er­war­tun­gen un­ter­läuft. Tat­säch­lich wirkt der Film aber wie ein un­be­hol­fe­ner und aus der Zeit ge­fal­le­ner Ver­such, ei­ne neue Per­spek­ti­ve auf ein klas­si­sches Su­jet zu fin­den.

Litt­le Joe – Glück ist ein Ge­schäft, Ös­ter­reich, BRD, GB 2019 – Re­gie: Jes­si­ca Haus­ner, mit Emi­ly Bee­cham, Ben Whis­haw, Ker­ry Fox 100 Min

FO­TO: DPA

Emi­ly Bee­cham als Wis­sen­schaft­le­rin Ali­ce.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.