Di­tib be­ginnt Imam-Aus­bil­dung in Deutsch­land

Der Is­lam­ver­band be­rei­tet in der Ei­fel Vor­be­ter auf den Di­enst in den Ge­mein­den vor. Ech­te Un­ab­hän­gig­keit vom tür­ki­schen Staat be­deu­tet das aber nicht.

Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald - - Politik - VON ALEV DOGAN

DAHLEM Der Is­lam­ver­band Tür­kisch-Is­la­mi­sche Uni­on der An­stalt für Re­li­gi­on (Di­tib) bil­det nach viel Kri­tik künf­tig ei­nen Teil sei­ner Ima­me in Deutsch­land aus. In ei­ner ehe­ma­li­gen Ju­gend­bil­dungs­stät­te in Dahlem in der Ei­fel hat die Di­tib-Spit­ze da­für ein Zen­trum er­öff­net. Es han­de­le sich um ei­nen „Neu­an­fang“mit zu­nächst 22 Teil­neh­mern, sag­te der Vor­sit­zen­de der bun­des­weit größ­ten Is­la­mor­ga­ni­sa­ti­on, Ka­zim Türk­men. Er sprach von ei­ner „his­to­ri­schen Ent­wick­lung auch für Deutsch­land“.

Zu den Auf­ga­ben ei­nes Imams ge­hö­ren das Vor­be­ten, Seel­sor­ge,

Ge­mein­de­päd­ago­gik und re­li­giö­se Un­ter­wei­sung. Zu­dem soll er An­sprech­part­ner nach Ge­bur­ten, To­des­fäl­len oder bei Hoch­zei­ten sein.

Die Teil­neh­mer ha­ben in Deutsch­land ihr Abitur ge­macht und da­nach in der Tür­kei Is­la­mi­sche Theo­lo­gie stu­diert. Bis­her kom­men die mehr als 1000 Di­tib-Ima­me hier­zu­lan­de aus der Tür­kei und wer­den von der Re­li­gi­ons­be­hör­de Diya­net in An­ka­ra be­zahlt. Nur rund 110 sind deutsch­spra­chig und in Deutsch­land auf­ge­wach­sen. Po­li­ti­ker in Bund und Län­dern for­dern seit Län­ge­rem ei­ne struk­tu­rel­le, fi­nan­zi­el­le und po­li­ti­sche Los­lö­sung von der Tür­kei.

Den Di­tib-Ima­men wur­de un­ter an­de­rem vor­ge­wor­fen, mut­maß­li­che An­hän­ger der Gü­len-Be­we­gung in Deutsch­land zu be­spit­zeln. Die deut­sche Po­li­tik for­dert von Di­tib seit­dem ei­ne grö­ße­re Un­ab­hän­gig­keit von der Diya­net. We­gen der Spit­zel­vor­wür­fe wer­den seit 2017 kei­ne Di­tib-Pro­jek­te mehr mit Bun­des­mit­teln ge­för­dert. Auch NRW hat­te die Zu­sam­men­ar­beit auf Eis ge­legt; ei­ne er­neu­te An­nä­he­rung zeich­net sich aber ab.

„Grund­sätz­lich ist ein sol­ches Zen­trum zu be­grü­ßen“, sag­te der So­zio­lo­ge und Re­li­gi­ons­päd­ago­ge Rauf Cey­lan von der Uni­ver­si­tät Os­na­brück. Er er­war­te, dass sich Di­tib of­fen zei­ge für Aus­tausch und sich an­se­he, wie an­de­re Ein­rich­tun­gen in Deutsch­land ih­ren Nach­wuchs aus­bil­den, et­wa im ka­tho­li­schen Pries­ter­se­mi­nar, im evan­ge­li­schen Vi­ka­ri­at und in den jü­di­schen Ge­mein­den. Cey­lan kri­ti­sier­te, Men­schen, die sich in Di­tib-Ge­mein­den en­ga­giert hät­ten, sei­en „von der tür­ki­schen Re­gie­rung für ih­re Zwe­cke in­stru­men­ta­li­siert“wor­den.

Die Di­tib müs­se struk­tu­rell und fi­nan­zi­ell un­ab­hän­gig vom tür­ki­schen Staat wer­den, mahn­te der Wis­sen­schaft­ler, denn: „Das Haupt­pro­blem bleibt die Fi­nan­zie­rung der Ima­me. Auch die­se Ab­sol­ven­ten wer­den aus der Tür­kei be­zahlt. Die mus­li­mi­schen Ge­mein­den müs­sen ei­nen Weg fin­den, sich selbst zu fi­nan­zie­ren.“Nach sei­ner An­sicht könn­te ei­ne Mo­scheesteu­er ein Mit­tel sein. Wenn die Men­schen plötz­lich 800 bis 1000 Eu­ro im Jahr für die Ge­mein­de zah­len müss­ten, kön­ne das al­ler­dings da­zu füh­ren, dass der ei­ne oder an­de­re sei­ne Mit­glied­schaft über­den­ke: „Und da­vor ha­ben die Mo­schee­ge­mein­den na­tür­lich Angst.“

Auch die Aka­de­mie für Is­lam in Wis­sen­schaft und Ge­sell­schaft äu­ßer­te sich po­si­tiv: „Das ist ein gro­ßer Schritt für die Di­tib“, sag­te der Ge­schäfts­füh­rer der Aka­de­mie, Jan Fe­lix En­gel­hardt. „Kri­ti­kern wird das nicht weit ge­nug ge­hen, aber für ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on, de­ren Ima­me bis­her im Aus­land aus­ge­bil­det und nach Deutsch­land ent­sen­det wer­den, ist das wich­tig.“Wich­ti­ger als die Frage der fi­nan­zi­el­len Un­ab­hän­gig­keit sei al­ler­dings „zu­nächst die Frage, in­wie­weit die­se Aus­bil­dung der Ima­me auf die Er­for­der­nis­se der Ge­mein­den in Deutsch­land vor­be­rei­tet“, sag­te En­gel­hardt. So­wohl Di­tib als auch Diya­net wür­den die Be­dürf­nis­se in Deutsch­land ken­nen. „Wie weit die Di­tib dar­auf in der Aus­bil­dung nun kon­kret ein­ge­hen wird, wird sich zei­gen.“

Das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um wer­tet die Plä­ne der Di­tib als „wich­ti­gen Schritt“. „So wer­den ers­te Vor­aus­set­zun­gen ge­schaf­fen, da­mit ver­mehrt Per­so­nal aus Deutsch­land in Di­tib-Ge­mein­den ein­ge­stellt wer­den kann“, sag­te Staats­se­kre­tär Mar­kus Ker­ber. (mit epd)

FO­TO: AFP

Die deut­sche Schu­le in Istan­bul. Nach ih­rem Vor­bild plant die tür­ki­sche Re­gie­rung Schu­len in Deutsch­land.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.