Hass­fi­gur im Netz

Kaum ein Po­li­ti­ker wur­de so oft an­ge­fein­det wie der Bon­ner EU-Ab­ge­ord­ne­te Axel Voss. Den Chef­ver­hand­ler der um­strit­te­nen Ur­he­ber­rechts­re­form er­reich­ten 2019 Zehn­tau­sen­de E-Mails mit Hä­me und Dro­hun­gen. Nun könn­te er er­neut ins Fa­den­kreuz ge­lan­gen.

Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald - - Politik - VON ALEX­AN­DER TRIESCH

Axel Voss wuss­te, dass es kon­tro­vers wer­den könn­te. Er wuss­te nicht, dass er ei­ne schuss­si­che­re Wes­te braucht. Der CDU-Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­te er­zählt oft vom 15. März 2019, dem Tag, an dem die Sa­che end­gül­tig aus dem Ru­der lief. Es wa­ren noch zwei Wo­chen bis das EU-Par­la­ment über die Ur­he­ber­rechts­re­form ab­stim­men soll­te, für die Voss, 56, Fa­mi­li­en­va­ter aus Bonn, mo­na­te­lang ge­kämpft hat. Die Re­form war um­strit­ten – im In­ter­net, im Par­la­ment, selbst bei Kol­le­gen. Sie be­scher­te Voss so viel Hass, wie wohl kaum ein an­de­rer deut­scher Po­li­ti­ker je zu­vor er­lebt hat.

An je­nem Frei­tag rief die Po­li­zei an. Das Lan­des­kri­mi­nal­amt hat­te in ei­nem fin­ni­schen On­li­ne-Fo­rum ei­nen Bei­trag ent­deckt. Je­mand droh­te, das Bü­ro von Voss zu spren­gen, falls die Re­form durch­geht. Die Po­li­zei rück­te an, fand aber nichts. „Nicht je­der meint das ernst“, sagt Voss heu­te. „Aber was, wenn da drau­ßen ei­ner rum­läuft, der glaubt, er tut al­len ei­nen Ge­fal­len, wenn er den Voss aus dem Weg räumt?“Im Ju­ni wird der Kas­se­ler CDU-Re­gie­rungs­prä­si­dent Wal­ter Lüb­cke er­schos­sen. Mut­maß­li­cher Tä­ter: ein Rechts­ex­tre­mist. Auch Lüb­cke wur­de be­droht, we­gen sei­ner li­be­ra­len Hal­tung zu Flücht­lin­gen. Voss pack­te da­nach die Schuss­wes­te in den Kof­fer­raum.

Die Ge­schich­te über den Ab­ge­ord­ne­ten Voss ist auch ei­ne Ge­schich­te über die Macht des In­ter­nets und wie schnell es Men­schen eint, die lie­ber Hass statt Ar­gu­men­te streu­en. Voss ist zu­rück­hal­tend, ein Ana­ly­ti­ker, bo­den­stän­dig und Mit­glied im Kar­ne­vals­ver­ein. Der Ju­rist sitzt seit 2009 im EU-Par­la­ment und ist rechts­po­li­ti­scher Spre­cher der kon­ser­va­ti­ven EVP-Frak­ti­on.

Als Vor­sit­zen­der der CDU Mit­tel­rhein führt Voss den mäch­tigs­ten Be­zirk der Par­tei in NRW. Be­kannt war er trotz­dem kaum. Dann wur­de er Be­richt­er­stat­ter zur Re­form des Ur­he­ber­rechts. Da­mit war er im EU-Par­la­ment fe­der­füh­rend zu­stän­dig. Durch die Re­form soll­ten Platt­for­men wie Youtu­be künf­tig haf­ten, wenn Nut­zer ur­he­ber­recht­lich ge­schütz­tes Ma­te­ri­al hoch­la­den. Kri­ti­ker fürch­te­ten, Web­sites könn­ten des­halb Upload­fil­ter in­stal­lie­ren, die al­le In­hal­te scan­nen und wo­mög­lich auch le­ga­les Ma­te­ri­al aus­sor­tie­ren.

Die Re­form ist mitt­ler­wei­le be­schlos­sen, die Na­tio­nal­staa­ten müs­sen sie bis 2021 um­set­zen. Die Bun­des­re­gie­rung will Upload­fil­ter ver­mei­den, so steht es im Ko­ali­ti­ons­ver­trag, aber noch ist nicht klar, wie die Al­ter­na­ti­ve aus­se­hen soll. Im Zwei­fel schrei­ben die Kri­ti­ker wie­der an Voss. Noch heu­te be­kommt er E-Mails. We­ni­ger und im Ton ent­spann­ter, aber ganz hört die Hä­me nicht auf. Vor ei­nem Jahr ka­men noch rund 30.000 pro Wo­che, kaum freund­li­che, die Ab­sen­der schimpf­ten Voss ei­nen Hu­ren­sohn oder wünsch­ten ihm den Tod in der Gas­kam­mer. Als das Te­le­fon in sei­ner pri­va­ten Woh­nung klin­gel­te, muss­te er den bei­den Töch­tern er­klä­ren, was da im EU-Par­la­ment ge­ra­de dis­ku­tiert wur­de, und bat sie, nicht nach ih­rem Va­ter zu goo­geln.

Wer das heu­te tut, stößt vor al­lem auf Spott. Man fin­det Bil­der, in de­nen je­mand den Kopf von Voss über ein Fo­to von Jo­seph Go­eb­bels ge­legt hat, dar­über steht: „Wollt ihr die to­ta­le Zensur?“Es exis­tie­ren Ver­ball­hor­nun­gen sei­nes Na­mens, et­wa „Voll­voss­ten“. „Hät­te ich ge­wusst, wie häss­lich das wird, hät­te ich den Be­richt­er­stat­ter nur mit pro­fes­sio­nel­ler Kom­mu­ni­ka­ti­on ge­macht.“Er meint da­mit auch die ei­ge­nen Leu­te, die sich stän­dig in die De­bat­te ein­ge­mischt ha­ben. So be­haup­te­te et­wa Da­ni­el Cas­pa­ry, Vor­sit­zen­der der CDU/CSU-Grup­pe im EU-Par­la­ment, US-Kon­zer­ne hät­ten De­mons­tran­ten be­zahlt. Mehr als 100.000 Men­schen pro­tes­tier­ten in Deutsch­land ge­gen die Re­form. Im Netz for­mier­te sich Wi­der­stand, auch kon­struk­tiv, an­ge­führt un­ter an­de­rem vom po­pu­lä­ren Me­di­en­an­walt Chris­ti­an Sol­me­cke. Im­mer wie­der hat sich aber auch Voss selbst un­glück­lich ge­äu­ßert, stell­te et­wa klar, nicht tech­nik-af­fin zu sein und auch nicht al­le Aus­wir­kun­gen der Re­form zu ken­nen.

Voss war im In­ter­net ein leich­tes Ziel. Die Fron­ten wa­ren schnell klar. Al­ter – dem An­schein nach – ah­nungs­lo­ser Po­li­ti­ker ge­gen jun­ge Di­gi­tal Na­ti­ves. „Ar­gu­men­te ha­ben nicht viel ge­bracht, ir­gend­wann wur­de gar nicht mehr dis­ku­tiert“,

sagt Voss. Sei­ne Ak­ti­vi­tä­ten in den so­zia­len Me­di­en hat er nach der Ab­stim­mung über die Ur­he­ber­rechts­re­form zu­rück­ge­fah­ren, aber Zeit zum Ent­span­nen blieb nicht. Im Mai kan­di­dier­te Voss er­neut für ei­nen Sitz im Eu­ro­pa­par­la­ment. Der Hass folg­te ihm in den Wahl­kampf. Pla­ka­te von Voss wur­den ab­ge­ris­sen oder ver­un­stal­tet, ein­mal wur­de eins über das Uri­nal ei­ner öf­fent­li­chen Toi­let­te ge­stülpt. Dar­über schrieb je­mand das Wort „ge­fil­tert“.

Die Ent­schei­dung, in der Po­li­tik zu blei­ben, fiel lange vor den An­fein­dun­gen. Ob er sonst auf­ge­hört hät­te? Voss zö­gert. „Ich wuss­te im­mer, man­che Din­ge muss man als Po­li­ti­ker aus­hal­ten. Aber die­ser Hass war so un­fass­bar groß.“Nun ist er wie­der für fünf Jah­re da­bei. Ob er da­nach wei­ter­macht, will er noch nicht sa­gen. Auch die CDU Mit­tel­rhein wird er in Zu­kunft füh­ren, im No­vem­ber kan­di­dier­te Florian Braun, Lan­des­vor­sit­zen­der der Jun­gen Uni­on, er­folg­los ge­gen Voss. Die CDU-Nach­wuchs­or­ga­ni­sa­ti­on hat­te im­mer wie­der ge­gen die Ur­he­ber­rechts­re­form ge­wet­tert. In Brüs­sel wird Voss sich nun um den „Di­gi­tal Ser­vices Act“küm­mern, ein Di­gi­tal­pakt, den die neue Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin Ur­su­la von der Ley­en in ih­rer Agen­da für Eu­ro­pa an­ge­kün­digt hat. Es geht um neue Haf­tungs­re­geln im In­ter­net. De­tails sind kaum be­kannt, nur so viel: Es könn­te für Auf­ruhr sor­gen. Und Axel Voss ist wie­der mit­ten­drin.

FO­TO: PICTURE ALLIANCE

Axel Voss, CDU-Eu­ro­pa­po­li­ti­ker.

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