Maas legt sich nicht auf EU-Mis­si­on vor Li­by­en fest

Mit der Li­by­en-Kon­fe­renz ist Deutsch­lands An­se­hen in der Welt ge­stie­gen. Das weckt Er­war­tun­gen. Auch für die Zeit nach der Kanz­le­rin.

Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald - - Vorderseit­e - VON KRISTINA DUNZ

BRÜSSEL (wd­pa) Au­ßen­mi­nis­ter Hei­ko Maas will sich nicht dar­auf fest­le­gen, ob ei­ne Wie­der­be­le­bung der EU-Mis­si­on „So­phia“vor Li­by­en bei den Frie­dens­be­mü­hun­gen für das Bür­ger­kriegs­land hel­fen könn­te. Jetzt ge­he es dar­um, „aus der brü­chi­gen Waf­fen­ru­he, die wir ha­ben, erst ein­mal ei­nen Waf­fen­still­stand zu ma­chen“, sag­te der SPD-Po­li­ti­ker in Brüssel. Beim Li­by­en-Gip­fel hat­ten sich 16 Staa­ten und Or­ga­ni­sa­tio­nen dar­auf ge­ei­nigt, in­ter­na­tio­na­le An­stren­gun­gen zur Über­wa­chung des UN-Waf­fen­em­bar­gos zu ver­stär­ken.

BER­LIN Es ist ei­ne Be­schrei­bung, die die Deut­schen nicht als ers­tes mit ih­rer Bun­des­kanz­le­rin in Ver­bin­dung brin­gen wür­den. Da­für ken­nen sie die 65-Jäh­ri­ge zu lan­ge als be­herrscht, sach­lich und ana­ly­tisch. Aber UN-Ge­ne­ral­se­kre­tär An­tó­nio Gu­ter­res sagt nach dem er­folg­reich ver­lau­fe­nen Li­by­en-Gip­fel im Kanz­ler­amt, „en­thu­si­as­tisch“ha­be An­ge­la Mer­kel al­le Be­mü­hun­gen um Frie­den und Sta­bi­li­tät un­ter­stützt. Und der UN-Son­der­be­auf­trag­te für Li­by­en, Ghas­san Sa­l­a­mé, emp­fin­det die deut­sche Re­gie­rungs­che­fin ge­nau­so: „en­thu­si­as­tisch“. Feu­rig, flam­mend, lei­den­schaft­lich.

Lei­den­schaft kann Be­we­gung selbst in so schwie­ri­ge Ver­hand­lun­gen wie über Frie­den in ei­nem Bür­ger­kriegs­land brin­gen. Die Ver­ein­ten Na­tio­nen brau­chen das drin­gend ob der Zer­strit­ten­heit wich­ti­ger Mit­glie­der und der Nicht­ach­tung des US-Prä­si­den­ten im schwie­ri­gen All­tags­ge­schäft des Aus­gleichs. Er den­ke an mor­gen, sagt Sa­l­a­mé, aber zu­nächst wol­le er sa­gen, „dass heu­te ein groß­ar­ti­ger Tag ge­we­sen ist“. Ein­mal in­ne­hal­ten, be­vor die nächs­te Hür­de über­wun­den wer­den muss.

In­zwi­schen ist das Heu­te schon Ver­gan­gen­heit, und die kom­pli­zier­te Um­set­zung der Ver­ein­ba­run­gen von 16 – zum Teil ver­fein­de­ten – Staa­ten und Or­ga­ni­sa­tio­nen vom Sonn­tag­abend hat be­gon­nen. Aus der Waf­fen­ru­he in dem nord­afri­ka­ni­schen Bür­ger­kriegs­land soll ein dau­er­haf­ter Waf­fen­still­stand ge­macht wer­den. An die­ser Stel­le hat der Gip­fel vom Sonn­tag im Kanz­ler­amt wohl sei­nen größ­ten Er­folg er­zielt. Der in­ter­na­tio­nal an­er­kann­te Mi­nis­ter­prä­si­dent Fa­jis al Sarr­adsch und der ab­trün­ni­ge Ge­ne­ral Cha­li­fa Haftar ha­ben sich – in ge­trennt von­ein­an­der ge­führ­ten Ge­sprä­chen – end­lich dar­auf ein­ge­las­sen, je­weils fünf ei­ge­ne Ver­trau­te für ein Mi­li­tär­ko­mi­tee zu be­nen­nen. Ei­ne Gr­und­vor­aus­set­zung für Ver­hand­lun­gen. Die­ses Ko­mi­tee

soll nun in Genf Be­din­gun­gen für ei­nen ver­läss­li­chen Waf­fen­still­stand aus­lo­ten. Ent­waff­nung von Mi­li­zen ein­ge­schlos­sen. Wird da­ge­gen ver­sto­ßen, soll der UN-Si­cher­heits­rat mit Sank­tio­nen re­agie­ren.

Der Si­cher­heits­rat der Ver­ein­ten Na­tio­nen ist ein ei­ge­nes Pro­blem. Er gilt als zer­strit­ten und durch­set­zungs­schwach. Das seit 2011 gel­ten­de Waf­fen­em­bar­go für Li­by­en wur­de un­ter­lau­fen, oh­ne dass da­ge­gen vor­ge­gan­gen wor­den wä­re. Die in Ber­lin

be­schlos­se­nen 55 Punk­te wer­den erst für al­le bin­dend, wenn der UN-Si­cher­heits­rat mit sei­nen fünf stän­di­gen Mit­glie­dern Russ­land, Chi­na, Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en und USA auch zu­stimmt. Nach al­len bit­te­ren Er­fah­run­gen mit die­sem Gre­mi­um kann man nicht si­cher sein, wie die Ab­stim­mung am En­de aus­ge­hen wird. Der Chef der Münch­ner Si­cher­heits­kon­fe­renz, Wolf­gang Ischin­ger, mahn­te in der ARD: „Das wird ein ganz ent­schei­den­der Prüf­stein.“

Feh­ler der Ver­gan­gen­heit bei in­ter­na­tio­na­len Ver­hand­lun­gen über die Lö­sung ei­nes krie­ge­ri­schen Kon­flikts sol­len ver­mie­den wer­den. Da­mit die Ver­ein­ba­run­gen nicht gleich wie­der im San­de ver­lau­fen, wur­de schon in der Er­klä­rung in Ber­lin ein kon­kre­ter Fol­ge­pro­zess, ein so­ge­nann­tes Fol­low-up, ver­ein­bart. Von Fe­bru­ar an sol­len Fra­gen der Si­cher­heit, des Mi­li­tärs, der Wirt­schaft, Po­li­tik und Hu­ma­ni­tät ge­klärt wer­den.

Da­zu kommt die heik­le Fra­ge, ob der Waf­fen­still­stand durch ei­ne Mi­li­tär­mis­si­on der Eu­ro­päi­schen Uni­on oder ei­ne zi­vi­le Be­ob­ach­ter­mis­si­on ab­ge­si­chert wird. Der ver­tei­di­gungs­po­li­ti­sche Spre­cher der Uni­ons­frak­ti­on, Hen­ning Ot­te (CDU), sag­te: „Das Waf­fen­em­bar­go muss ge­stärkt und ein trag­fä­hi­ger Waf­fen­still­stand er­reicht wer­den. In ei­nem nächs­ten Schritt kön­nen wir prü­fen, wie auch die Bun­des­wehr hier­zu bei­tra­gen kann, ge­mein­sam mit un­se­ren eu­ro­päi­schen Part­nern und un­ter dem Dach der Ver­ein­ten Na­tio­nen. Deutsch­land steht wei­ter zu sei­ner Ver­ant­wor­tung für Sta­bi­li­tät in un­se­rer Nach­bar­schaft.“Da­mit dürf­te im Bun­des­tag die nächs­te De­bat­te über ei­nen bri­san­ten Aus­lands­ein­satz an­ste­hen.

Und dann ist da noch der Vor­schlag, die EU-Ma­ri­nemis­si­on „So­phia“zur Be­kämp­fung von Schleu­sern im Mit­tel­meer – aber auch zur Ret­tung von Flücht­lin­gen – wie­der­zu­be­le­ben. Die Mis­si­on war vor al­lem am rechts­po­pu­lis­ti­schen ita­lie­ni­schen In­nen­mi­nis­ter Mat­teo Sal­vi­ni ge­schei­tert. Er ist nicht mehr im Amt, Ita­li­en saß in Ber­lin am Tisch.

Mer­kels An­trieb für Li­by­en sind auch die dra­ma­ti­sche La­ge von Flücht­lin­gen und die mög­li­chen Aus­wir­kun­gen auf Deutsch­land und Eu­ro­pa. Ih­re Flücht­lings- und Frie­dens­po­li­tik dürf­te sie wei­ter im Ge­spräch für den Frie­dens­no­bel­preis hal­ten. Deutsch­lands in­ter­na­tio­na­les An­se­hen ist mit der Kon­fe­renz in Ber­lin je­den­falls wie­der ge­stie­gen. Das hat auch mit dem Re­spekt vor Mer­kel zu tun, die stets ver­sucht, ge­sichts­wah­rend mit Kon­tra­hen­ten zu spre­chen. Sie hin­ter­lässt da­mit zu­gleich der nächs­ten Bun­des­re­gie­rung ho­he Er­war­tun­gen an Deutsch­lands Rol­le für Si­cher­heit in der Welt.

FO­TO: AP

Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel am Sonn­tag wäh­rend des Li­by­en-Gip­fels im Kanz­ler­amt in Ber­lin. Links ne­ben ihr Russ­lands Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin, rechts vorn Ägyp­tens Staats­chef Ab­del Fat­tah al Si­si, vorn (von hin­ten) Frank­reichs Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron.

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