Erst kam die Bank und dann der Kai­ser

Der 150. Ge­burts­tag der Com­merz­bank steht un­ter ei­nem un­güns­ti­gen Stern: Kurs­ab­sturz we­gen Co­ro­na, Zin­s­tief, Re­gu­lie­rung und Stel­len­ab­bau. Die Bank feilt noch an der rich­ti­gen Stra­te­gie für die Zu­kunft.

Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald - - Wirtschaft - VON GE­ORG WIN­TERS

FRANK­FURT Es gibt Ge­burts­ta­ge, die wer­den un­ter denk­bar un­güns­ti­gen Um­stän­den ge­fei­ert. Der 150. Jah­res­tag der Com­merz­bank-Grün­dung, der am Mitt­woch be­gan­gen ist, ge­hört da­zu. Sechs Pro­zent hat die Ak­tie der im­mer noch zweit­größ­ten deut­schen Bank am Mon­tag ver­lo­ren, fast noch mal so viel am Di­ens­tag. Der Kurs lei­det un­ter der Furcht, das Co­ro­na­vi­rus könn­te die Welt­wirt­schafts­ak­ti­vi­tä­ten nach­hal­tig läh­men und da­mit die Nach­fra­ge nach Bank­dienst­leis­tun­gen deut­lich sin­ken las­sen. Die Freu­de ist al­so ein biss­chen ge­dämpft. Es gibt ei­ne nicht-öf­fent­li­che Fei­er mit 500 Gäs­ten im Frank­fur­ter Pal­men­gar­ten. Fe­st­red­ner: Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Olaf Scholz (SPD).

Die Angst auch vor den wirt­schaft­li­chen Kon­se­quen­zen des Co­ro­na­vi­rus fällt in ei­ne Zeit, in der Deutsch­lands Groß­ban­ken dar­um rin­gen, sich zu­kunfts­taug­lich zu ma­chen. Das gilt ge­nau­so für die Deut­sche Bank, die auch schon fast ein­ein­halb Jahr­hun­der­te alt ist. Ei­ne ge­mein­sa­me Zu­kunft gibt es (vor­erst?) nicht, nach­dem die bei­den In­sti­tu­te im ver­gan­ge­nen Jahr ih­re Fu­si­ons­ver­hand­lun­gen ab­ge­bro­chen ha­ben. Erst mal, so hieß es, müss­ten bei­de ih­re Haus­auf­ga­ben ma­chen.

Es war der drit­te An­lauf der ehe­mals drei gro­ßen Pri­vat­ban­ken (Deut­sche Bank, Com­merz­bank, Dresd­ner Bank) und der zwei­te, der schei­ter­te nach dem Ver­such der Deut­schen Bank zur Jahr­tau­send­wen­de,

die Dresd­ner zu schlu­cken. Der drit­te, die Über­nah­me der Dresd­ner mit ih­ren Mil­li­ar­den­las­ten durch die Com­merz­bank, ging zwar über die Büh­ne. Aber er hät­te den Käu­fer bei­na­he in den Un­ter­gang ge­stürzt. Nur mit Mil­li­ar­den­hil­fen aus Berlin hat die Com­merz­bank 2009 in­mit­ten der Fi­nanz­kri­se über­lebt, noch heu­te ist der Bund mit 15 Pro­zent der An­tei­le größ­ter Ein­zel­ak­tio­när. Es war das zwei­te Mal, dass der Staat sei­ne schüt­zen­de Hand über das In­sti­tut hal­ten muss­te. 1932, als die Welt­wirt­schafts­kri­se auch die Ban­ken­welt nach­hal­tig er­schüt­tert hat­te, wur­den ge­gen En­de der Wei­ma­rer Re­pu­blik Zwangs­fu­sio­nen an­ge­ord­net. Reich und Reichs­bank be­tei­lig­ten sich mit 70 Pro­zent an der da­ma­li­gen Com­merz- und Pri­vat­bank.

Zu­rück in die Ge­gen­wart. Nach dem Ab­bruch der Ge­sprä­che mit der Deut­schen Bank sind sie bei der Com­merz­bank erst mal be­strebt, haus­in­tern al­les aus­zu­mis­ten, was nicht zu­kunfts­träch­tig er­scheint. Hun­der­te Fi­lia­len wer­den schlie­ßen, die Bank baut 4300 Stel­len ab. Dem ste­hen zwar 2000 neue Jobs in der IT und Di­gi­ta­li­sie­rung ge­gen­über, doch der Spar­kurs ist un­über­seh­bar. Die bis­lang ei­gen­stän­di­ge Di­rekt­bank-Toch­ter Com­di­rect wird in­te­griert, die pol­ni­sche Toch­ter M-Bank ver­kauft. Da­mit will die Com­merz­bank ih­re Ei­gen­stän­dig­keit fürs Ers­te be­wah­ren, nach Jah­ren, in de­nen ih­re dau­er­haf­te Fä­hig­keit, al­lein zu be­ste­hen, häu­fig in Fra­ge ge­stellt wur­de, in de­nen sie be­lä­chelt und als Über­nah­me­kan­di­dat für aus­län­di­sche Kon­kur­ren­ten ge­han­delt wur­de.

All das ist nicht ge­sche­hen. Was aber wohl auch dar­an liegt, dass die At­trak­ti­vi­tät deut­scher Geld­häu­ser mas­siv ge­lit­ten hat. Die Pro­ble­me sind bran­chen­üb­lich: Zin­s­tief, Kon­junk­tur­flau­te, Re­gu­lie­rung. Da­zu kom­men ho­he Kos­ten für die Di­gi­ta­li­sie­rung. Vor al­lem die Nied­rig­zins­pha­se macht al­len zu schaf­fen. In sol­chen Zei­ten kann man bei Kun­den ein biss­chen punk­ten, wenn man ih­nen we­nigs­tens die Ne­ga­tiv­zin­sen er­spart. „Wir ver­su­chen den Spa­rer weit­ge­hend von den Be­las­tun­gen frei­zu­hal­ten. Das funk­tio­niert im Mo­ment auch noch“, hat Kon­zern­chef Mar­tin Ziel­ke der „Bild“-Zei­tung ge­sagt. Noch. Die ers­ten Mo­na­te des neu­en Jah­res sei­en gut ge­lau­fen, hat er au­ßer­dem ver­kün­det. Aber vie­len fehlt im­mer noch die Vi­si­on ei­ner nach­hal­ti­gen Stra­te­gie. En­de of­fen.

Von all die­sen Din­gen war am 26. Fe­bru­ar 1870 noch nicht die Re­de. Es gab noch nicht mal ein Deut­sches Reich, kei­nen Kai­ser und auch kei­ne So­zi­al­de­mo­kra­tie, de­ren spä­te­rer Groß­ko­ali­ti­ons-Fi­nanz­mi­nis­ter Peer St­ein­brück vor elf Jah­ren maß­geb­lich an der Ret­tung be­tei­ligt war. Aber es gab Theo­dor Wil­le, Ree­der und Kauf­mann, der sein Geld vor al­lem mit Kaf­fee ver­dien­te und in Bra­si­li­en ei­ne Ex­port­fir­ma ge­grün­det hat­te. Je mehr das Ge­schäft wuchs, um­so wich­ti­ger wur­de es, ei­ne Schnitt­stel­le zu ha­ben, über den die fi­nan­zi­el­len Trans­ak­tio­nen ab­ge­wi­ckelt wur­den. Die wach­sen­de Koh­le- und Stahl­in­dus­trie, die Tex­til­bran­che, die Händ­ler – al­le brauch­ten Ban­ken.

Am 25. April 1870 wur­de der ers­te Com­merz­bank-Schal­ter er­öff­net. 1905 war das Un­ter­neh­men durch den Kauf der Ber­li­ner Bank auch in der Haupt­stadt ver­tre­ten, 32 Jah­re, nach­dem die Kauf­leu­te in Lon­don ei­ne Fi­lia­le ge­grün­det hat­ten. Zur Un­ter­neh­mer­bank für den Mit­tel­stand, als die sich die Bank auch heu­te gern prä­sen­tiert, kam die Pri­vat­kun­den­spar­te, das In­sti­tut ver­stärk­te sei­ne Ak­ti­vi­tä­ten in Über­see. Aus der Ham­bur­ger Bank für

Kauf­leu­te war längst ei­ne glo­ba­le Uni­ver­sal­bank ge­wor­den. Wei­te­re Sta­tio­nen: Ams­ter­dam, Ma­drid, Jo­han­nes­burg, 1971 als ers­te deut­sche Bank in New York.

Zu den düs­te­ren Mo­men­ten der Com­merz­bank ge­hört die NS-Zeit. „Ein dunk­les Ka­pi­tel in der deut­schen Ge­schich­te, aber auch un­se­rer Ge­schich­te. Auch das ge­hört zur Wahr­heit“, sagt ei­ne Frau­en­stim­me in ei­nem drei­mi­nü­ti­gen Youtube-Vi­deo zum Com­merz­bank-Ge­burts­tag, in dem die Bank sehr of­fen auch mit ih­ren Ver­feh­lun­gen um­geht. In der Zeit des brau­nen Ter­ror-Re­gimes hat der Kon­zern jü­di­sche Mit­ar­bei­ter los­wer­den wol­len, er hat Ge­schäf­te in den be­setz­ten Län­dern Eu­ro­pas ge­macht, mit dem Elend der Men­schen. Die Bank will die­se Ver­gan­gen­heit nicht un­ter den Tisch keh­ren. Im März soll es da­zu ei­ne wis­sen­schaft­li­che Au­f­ar­bei­tung ge­ben.

Nach dem Krieg ist die Bank mit dem Wirt­schafts­wun­der ge­wach­sen. Mit vie­len Aufs und Abs, die es über Jahr­zehn­te ge­ge­ben hat. In dem Youtube-Vi­deo fei­ert sie sich als ers­te deut­sche Groß­bank mit ei­nem Geld­au­to­ma­ten, sie prä­sen­tiert sich als Kon­zern, de­ren bes­ter Mann in der Wer­bung schon 1984 ei­ne Frau ge­we­sen sei, und als Un­ter­neh­men, das mit mo­der­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­teln wie Ban­king-Apps und In­ter­net ein Geld­haus der di­gi­ta­len Zu­kunft sein will. Und kun­den­nah na­tür­lich. Aber Luft nach oben sei noch ge­nug, sagt die Frau. Da wird kaum je­mand wi­der­spre­chen.

FOTO: COM­MERZ­BANK

Blick in den Wert­pa­pier­t­re­sor der Co­m­erz­bank Berlin 1928. Ein Jahr spä­ter be­gann die Welt­wirt­schafts­kri­se – und die traf die Bank im­mens.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.