„Die Kri­se hat auch po­si­ti­ve Ef­fek­te“.

Das Co­ro­na­vi­rus ängs­tigst die Bür­ger. Doch die Kri­se kann in ei­ni­gen we­ni­gen Fäl­len auch ei­ne Chan­ce sein, sagt die Wer­mels­kir­che­ner Psy­cho­lo­gin Sil­vina Him­mel­rath.

Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald - - Wermelskir­chener Anzeiger - VON ME­LA­NIE APRIN

WER­MELS­KIR­CHEN Sil­vina Him­mel­rath kennt Men­schen, die den Co­ro­na-Shut­down als Er­leich­te­rung emp­fan­den. „Ich spre­che von Per­so­nen, die zu­vor das Ge­fühl hat­ten, im­mer et­was ma­chen zu müs­sen“, er­klärt die Di­plom-Psy­cho­lo­gin, die seit 2013 ei­ne Pra­xis für Psy­cho­lo­gi­sche Psy­cho­the­ra­pie auf der Eich be­treibt: „Sol­che Men­schen ha­ben oft das Ge­fühl, im All­tag kaum noch zur Ru­he zu kom­men.“Und nun ha­be die Pan­de­mie mit all ih­ren Be­schrän­kun­gen „von oben ver­ord­net für ei­ne Ent­schleu­ni­gung ge­sorgt“. Et­was, wo­zu „man­che Pa­ti­en­ten von selbst nur nach vie­len und lan­gen The­ra­pie-Sit­zun­gen den Mut ge­habt hät­ten“.

Ähn­lich ver­hal­te es sich mit der Kon­takt­sper­re: „Für das Gros der Men­schen war sie ge­wiss ei­ne ab­so­lut neue Si­tua­ti­on und auch ei­ne Be­las­tung.“Den­noch weiß Him­mel­rath von „Pa­ti­en­ten, die ge­nau die­se Re­strik­ti­on als et­was im Prin­zip Wun­der­ba­res er­leb­ten“. Für die er­fah­re­ne Psy­cho­lo­gin, die ar­gen­ti­ni­sche Wur­zeln hat, aber schon seit Stu­di­en­zei­ten in Deutsch­land lebt, kommt das nicht über­ra­schend: „Es gibt vie­le er­wach­se­ne Men­schen, die sich zum Bei­spiel ver­pflich­tet füh­len, ih­re El­tern re­gel­mä­ßig zu tref­fen, ob­wohl die Be­geg­nun­gen als enor­mer Stress emp­fun­den wer­den.“Nun dür­fen die­se Men­schen auf Dis­tanz ge­hen, „oh­ne sich schul­dig zu füh­len“. Das sei „ei­ne ers­te Er­leich­te­rung, auch wenn der da­hin­ter lie­gen­de Kon­flikt da­mit nicht ge­löst ist“. Him­mel­rath sind wei­te­re Bei­spie­le da­für be­kannt, „wie die Co­ro­na-Kri­se bei Pa­ti­en­ten zu­nächst po­si­ti­ve Ef­fek­te her­bei­ge­führt hat“. Für die Mehr­heit und ins­be­son­de­re für Men­schen mit Angst­stö­run­gen oder De­pres­sio­nen dürf­te die Pan­de­mie mit all ih­ren Kon­se­quen­zen „je­doch ein eher schwer­wie­gen­des Pro­blem“sein: „Weil Men­schen in Kri­sen­si­tua­ti­on ei­gent­lich mit dem Be­dürf­nis nach Bin­dung und Nä­he re­agie­ren.“In der ver­ord­ne­ten Iso­la­ti­on ge­he ge­nau das nicht: „Wer es bis­her ge­wohnt war, Ängs­ten vor dem Al­lein­sein et­wa mit ei­nen spon­ta­nen Gang in die Stadt und ei­nem Auf­ent­halt im Ca­fé zu be­geg­nen, kann sich nun schlag­ar­tig ab­ge­schnit­ten füh­len.“Für Men­schen, die zur De­pres­si­on nei­gen, kön­ne hier­aus „ei­ne ge­fähr­li­che Si­tua­ti­on“er­wach­sen. Hoch­be­las­tend wer­de die Kri­se aber auch, „wenn mit an­hal­ten­dem Shut­down die Exis­tenz­ängs­te zu­neh­men oder die for­cier­te Ver­la­ge­rung des Le­bens in den fa­mi­liä­ren Be­reich Men­schen an ih­re psy­chi­schen Gren­zen führt“.

Him­mel­rath rech­net fest mit Pa­ti­en­ten, „die die Co­ro­na-Kri­se erst noch her­vor­brin­gen wird“. Für die­se Men­schen, aber auch für all die­je­ni­gen, die be­reits vor den Re­strik­tio­nen in The­ra­pie wa­ren, sei es gut und wich­tig, dass Psy­cho­the­ra­peu­ten auf der Lis­te der sys­tem­re­le­van­ten Be­ru­fe ste­hen und „die Tü­ren zu­nächst ein­mal grund­sätz­lich of­fen­ste­hen“. In­des sei­en „die Pra­xen mit­un­ter schon vor der Pan­de­mie gut ge­füllt ge­we­sen“. Den­noch sei es mög­lich, „sich auch jetzt bei Be­darf um ei­nen The­ra­pie­platz zu be­mü­hen“. Erst­ge­sprä­che mit neu­en Pa­ti­en­ten wür­den al­ler­dings in der Pra­xis statt­fin­den: „Vi­deo-Sprech­stun­den, von de­nen schon ei­ni­ge Pa­ti­en­ten Ge­brauch ma­chen, gibt es nur für Men­schen, die be­reits in The­ra­pie sind.“Erst­ge­sprä­che, bei de­nen „der Psy­cho­lo­ge oder die Psy­cho­lo­gin ent­schei­den muss, ob ei­ne psy­chi­sche Er­kran­kung vor­liegt oder ob es sich viel­leicht nur um nor­ma­le Pha­sen der Kum­mer oder auch der Trau­er han­delt“, sei­en auf di­gi­ta­lem We­ge nicht mög­lich und auch nicht er­laubt. Him­mel­rath fin­det das gut: „Im­mer­hin ist es ei­ne enor­me Ver­ant­wor­tung, ei­nen Men­schen als krank ein­zu­stu­fen.“Sie stel­le sich die­ser Ver­ant­wor­tung ger­ne, kön­ne das we­gen ih­rer Zu­las­sung aber nur für Er­wach­se­ne tun: „Für Kin­der und Ju­gend­li­che gibt es Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, die auf jün­ge­re Pa­ti­en­ten spe­zia­li­siert sind.“

Wer auch im­mer erst­mals ei­nen Psy­cho­the­ra­peu­ten auf­sucht, soll­te ei­nes wis­sen: „Die Kran­ken­kas­sen be­zah­len nur Psy­cho­the­ra­pi­en, bei de­nen es nicht um Selbst­er­fah­rung oder den Wunsch geht, sich selbst bes­ser ken­nen­zu­ler­nen.“Auch das fin­det Him­mel­rath grund­sätz­lich rich­tig: „Wir sind für Men­schen da, die lei­den und psy­chisch er­krankt sind.“The­ra­pie als Li­fe­style wer­de da­her nicht von den Kran­ken­ver­si­che­run­gen über­nom­men und „muss selbst be­zahlt wer­den“.

FO­TO: JÜR­GEN MOLL

Sil­vina Iris Him­mel­rath ist In­ha­be­rin der psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Pra­xis auf der Eich.

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