Feld­strä­ßer ze­le­brie­ren „Bal­kon­sin­gen“

Seit sie­ben Wo­chen gibt es in Hü­ckes­wa­gen die Ak­ti­on „Bal­kon­sin­gen“– das ge­sang­li­che Mit­ein­an­der soll Mut und Hoff­nung ma­chen in der Co­ro­na-Kri­se. Wie auf der Feld­stra­ße.

Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald - - Hückeswage­n - VON HEI­KE KARS­TEN

HÖCHS­TEN Die Son­ne steht schon tief am Him­mel, und im­mer mehr Men­schen wer­fen ih­re lan­gen Schat­ten auf den As­phalt der Feld­stra­ße. Der Klang ei­ner Trom­pe­te er­klingt, dann setzt Ge­sang ein und das Lied „Die Ge­dan­ken sind frei“er­klingt. Je­den Abend um 19 Uhr ver­sam­meln sich die Feld­strä­ßer auf dem Höchs­ten, um ge­mein­sam zu sin­gen und zu mu­si­zie­ren. Je­der vor sei­nem Haus oder auch mit Ab­stand auf der Stra­ße – aber den­noch durch die Mu­sik mit­ein­an­der ver­bun­den.

Es in zu ei­nem lieb­ge­won­ne­nen Ri­tu­al in den ver­gan­ge­nen Wo­chen ge­wor­den, die von der Co­ro­na-Kri­se do­mi­niert wur­den. Mehr als 25 An­woh­ner neh­men am so­ge­nann­ten Bal­kon­sin­gen an der Feld­stra­ße teil – vom Klein­kind bis zum Rent­ner. Ute Wal­deck-Pfit­zer kommt vom Son­nen­plätz­chen ein Stück die Stra­ße her­un­ter, um mit­zu­sin­gen. „Lie­sel Mers­mann und ich ha­ben al­lei­ne an­ge­fan­gen, mitt­ler­wei­le kommt es bei al­len Mit­be­woh­nern gut an“, freut sich die An­woh­ne­rin. Sie ist froh, dass nun auch Ti­mon Ra­benau mit sei­ner Trom­pe­te die Lie­der be­glei­tet, die bis zur Ring­stra­ße zu hö­ren sind.

Zu den neu­en Feld­strä­ßern zäh­len Do­re­en Steh­le und ih­re Fa­mi­lie. „Wir woh­nen erst seit ein­ein­halb Jah­ren hier. So schnell wie durch das ge­mein­sa­me Sin­gen lernt man sei­ne Nach­barn sonst nicht ken­nen“, nennt sie ei­nen po­si­ti­ven Nut­zen der Ak­ti­on. Auch ih­re Kin­der sind be­geis­tert und je­den Abend vol­ler Vor­freu­de. „Sie fra­gen schon zwei St­un­den vor­her, wann’s los­geht“, sagt die drei­fa­che Mut­ter. Das liegt aber nicht nur an den Lie­dern, son­dern auch an den Sü­ßig­kei­ten, die die Nach­barn mit­brin­gen und auf der Gar­ten­mau­er aus­le­gen.

Das „Bal­kon­sin­gen“wur­de von der Evan­ge­li­schen Kir­che Deutsch­land Mit­te März sind Le­ben ge­ru­fen. Die Ak­ti­on lädt da­zu ein, täg­lich um 19 Uhr am of­fe­nen Fens­ter, auf dem Bal­kon oder im Gar­ten „Der Mond ist auf­ge­gan­gen“zu sin­gen oder zu mu­si­zie­ren. In­ga Kuh­nert, Kan­to­rin der Evan­ge­li­schen Kir­chen­ge­mein­de, hat das Gan­ze for­ciert. Re­gel­mä­ßig ver­schickt sie E-Mails mit Lied­tex­ten, No­ten und auch Mit­sing-Vi­de­os an In­ter­es­sier­te. Der Kreis der „Bal­kon­sin­ger“wird so­mit im­mer grö­ßer und dehnt sich schon auf Wip­per­fürth, Ra­de­vorm­wald, Len­nep und Wer­mels­kir­chen aus. „In Hü­ckes­wa­gen hat sich das ,Bal­kon­sin­ge’ et­was ver­selbst­stän­dig“,

be­rich­tet die Kan­to­rin, die ihr En­ga­ge­ment als Teil ih­rer Ar­beit sieht. Im­mer­hin sei es der­zeit kaum mög­lich, mu­si­ka­lisch ak­tiv zu sein, da we­der Chor- noch In­stru­men­tal­pro­ben statt­fin­den dür­fen.

Pas­send zum neu­en Mo­nat wur­de in der vo­ri­gen Wo­che „Der Mai ist ge­kom­men“als neu­es Lied aus­ge­wählt. Auch Kin­der ha­ben ein Mit­spra­che­recht und wünsch­ten sich „Got­tes Lie­be ist so wun­der­bar“auf der Me­lo­die von „Rock my soul“. Die Feld­strä­ßer sind je­doch fle­xi­bel und wäh­len oft ei­ge­ne Lie­der – ei­ne Mi­schung aus Hei­mat­und christ­li­chen Lie­dern. „Ich ha­be noch nie so viel von Gott ge­sun­gen“, ge­steht Ga­bi Wie­nert. „Aber die Ge­mein­schaft ist sehr schön,

und auf das Ber­gi­sche Hei­mat­lied freue ich mich.“Auch Haupt­schul­leh­rer Klaus Krus­ka lässt sich das „Bal­kon­sin­gen“mit den Nach­barn nicht ent­ge­hen. „Es ist wie ein Kult ge­wor­den. Es kom­men Leu­te zu­sam­men, die sonst nie was mit­ein­an­der zu tun ha­ben“, sagt er. Schön sei auch, dass Mit­sän­ger von bei­den Sei­ten der Feld­stra­ße, die durch die Nord­stra­ße ge­teilt ist, für die Ak­ti­on zu­sam­men­kä­men.

Ti­mon Ra­ba­nus hat sich als Mit­glied des Po­sau­nen­chors Schei­de­weg schnell über­re­den las­sen, die Feld­strä­ßer beim Sin­gen zu be­glei­ten. Soll­te ein Ge­burts­tags­kind un­ter den An­woh­nern sein, gibt es noch ein Ständ­chen zu­sätz­lich. „Wir ver­su­chen je­den Abend da­bei zu sein, denn mit In­stru­ment trau­en sich mehr Leu­te zu sin­gen“, sagt der Fa­mi­li­en­va­ter.

In der vo­ri­gen Wo­che be­ka­men die An­woh­ner so­gar noch Zu­hö­rer vom Ord­nungs­amt: Andrea Jör­rens und Ur­su­la Thiel leg­ten auf ih­rer Kon­troll­fahrt ei­ne Pau­se ein und lausch­ten dem Ge­sang bei Son­nen­un­ter­gang. Es ist ei­ne Mit­mach­ak­ti­on in tol­ler At­mo­sphä­re, die trotz der au­ßer­ge­wöhn­li­chen Si­tua­ti­on Mut macht und Ge­mein­schaft ent­ste­hen lässt.

FO­TOS (2): KARS­TEN

Je­den Abend um 19 Uhr ver­sam­meln sich die An­woh­ner ent­lang der Feld­stra­ße. Dort, wie auch in an­de­ren Tei­len Hü­ckes­wa­gens, wird ge­gen die Co­ro­na-Kri­se und für Mut und Zu­ver­sicht an­ge­sun­gen.

FOTO: PRIVAT (AR­CHIV)

Auch Ka­rin und Edu Ot­ter aus Ra­de­vorm­wald ma­chen beim „Bal­kon­sin­gen“mit.

Ti­mon Ra­benau (mit Ehe­frau Jen­ny und dem jüngs­ten Kind) be­glei­tet die Sän­ger mit Trom­pe­te.

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