rgend­wann saß ich da und dach­te: Ho­me­of­fice ist wie Kon­zert. Es piept, klickt, ploppt und zischt. Fast je­de App hat näm­lich ei­nen ei­ge­nen Be­nach­rich­ti­gungs­ton: Email, SMS, Nach­rich­ten, Mes­sen­ger, Fa­ce­time, Twit­ter. Ich möch­te sie di­ri­gie­ren, gro­ße Sin­fo­ni

Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald - - Kultur - VON PHIL­IPP HOL­STEIN

Ies das schöns­te Sound­lo­go al­ler Zei­ten. Die Gre­ta Gar­bo der Pro­duk­ti­vi­täts­tö­ne so­zu­sa­gen. Bri­an Eno hat es kom­po­niert. Mi­cro­soft gab ihm ein paar Be­grif­fe an die Hand. So mö­ge das Stück klin­gen, ba­ten sie: sen­ti­men­tal, emo­tio­nal, fu­tu­ris­tisch, op­ti­mis­tisch, in­spi­rie­rend. Eno fer­tig­te 84 Stü­cke. Er fand, dass das, was vie­le von uns noch im Ohr ha­ben, am bes­ten zu den Vor­ga­ben pass­te. Es dau­er­te fast sechs Se­kun­den, al­so rund dop­pelt so lan­ge, wie Mi­cro­soft es be­stellt hat­te. Aber das war egal. Bei Youtube fin­det man die­sen Sound, und herr­lich sind die Kom­men­ta­re dar­un­ter: „Ich werf mei­nen PC weg und nehm den von 1995.“Un­be­dingt emp­feh­lens­wert ist auch die um 2300 Pro­zent ver­lang­sam­te Ver­si­on die­ses Stücks – eben­falls bei Youtube zu fin­den. Sie dau­ert zwei Mi­nu­ten und 32 Se­kun­den, und ehr­lich: Sie ist wun­der­schön.

Mei­ne ak­tu­el­len Lieb­lings­sounds sind zum ei­nen der von Sky­pe. Wo­bei ich sa­gen muss, dass der Sound an sich gar nicht so schön ist: ei­ne Mi­schung aus rhyth­mi­schem „DüDö­dö“und her­ein­we­hen­dem, di­gi­ta­lem „Ku­ckuck“-Ruf. Aber die­ser Klang ist auf­ge­la­den mit Sehn­sucht, Wie­der­se­hens­freu­de und Heim­weh. Wenn ich ihn hö­re, den­ke ich dar­an, wie Lie­ben­de, die sich auf un­ter­schied­li­chen Kon­ti­nen­ten auf­hal­ten, die paar Se­kun­den bis zum Er­schei­nen des Bil­des der ge­lieb­ten Per­son da­sit­zen und die­se Tö­ne hö­ren. Oder Fa­mi­li­en, die auf Zeit ge­trennt sind und per Sky­pe Kon­takt hal­ten. An der Vor­stel­lung kann ich mich wär­men. Selbst im Bü­ro. Und, auch schön: die Be­nach­rich­ti­gungs-App Slack. Ein Schnal­zen, das sich zum En­de hin über­schlägt. Im Grun­de die laut­ma­le­ri­sche Ent­spre­chung des App-Na­mens.

Ono­ma­to­poe­sie nennt man es, wenn man au­ßer­sprach­li­che Schall­er­eig­nis­se sprach­lich nach­ahmt. Auf Deutsch: Schall­wort­bil­dung. „Tickt­ack“für das Ti­cken ei­ner Uhr et­wa. Pas­send da­zu sa­gen ja vie­le Kol­le­gen, dass sie ei­nen gleich „an­schle­cken“wer­den, wenn sie mei­nen, dass sie spä­ter per Slack et­was sen­den. An­schle­cken, hihi. Bü­ro­hu­mor halt.

Der Fu­tu­rist Lu­i­gi Rus­so­li ver­fass­te über die Ge­räu­sche, die un­se­ren All­tag be­herr­schen, be­reits vor mehr als 100 Jah­ren ei­ne grund­le­gen­de

Ab­hand­lung. „Die Ge­räusch­kunst“heißt sie, sie er­schien 1916, und sie gilt noch heu­te als In­spi­ra­ti­on für Mu­si­ker aus den Be­rei­chen Elec­tro, Tech­no und In­dus­tri­al. „Das Le­ben frü­her war nichts als Stil­le“, schrieb Rus­so­li. Erst „im 19. Jahr­hun­dert, mit der Er­fin­dung der Ma­schi­nen, ent­stand das Ge­räusch. Heu­te tri­um­phiert das Ge­räusch und be­herrscht un­ein­ge­schränkt die Emp­fin­dung der Men­schen.“

Rus­so­li grenz­te den „Ge­räusch-Ton“vom „hei­li­gen Ton“ab, je­nem ers­ten Ton, den die Men­schen auf ei­ner ge­spann­ten Sai­te oder ei­nem hoh­len Rohr zu­stan­de­ge­bracht ha­ben. Rus­so­li un­ter­schied sechs Fa­mi­li­en von Ge­räu­schen: Brum­men, Pfei­fen, Sur­ren, Krei­schen, Schla­gen von Stahl und Schril­len. Und er emp­fahl, die­se Ge­räu­sche wie ein fu­tu­ris­ti­sches Orches­ter zu be­trach­ten. Dann wer­de es nicht so an­stren­gend, da­mit zu le­ben.

Bei ei­ni­gen Apps kann man sich die Be­nach­rich­ti­gungs­tö­ne selbst aus­su­chen, bei Whatsapp et­wa. Und das ist ei­ne schö­ne Vor­stel­lung, dass man das blö­de Pling, das die An­kunft ei­ner Mail si­gna­li­siert, durch Mee­res­rau­schen er­setzt. Und das Piep für die SMS durch das Zwit­schern exo­ti­scher Vö­gel, und all die an­de­ren Tö­ne durch das Rau­schen des Win­des in ei­ner Pal­me oder das Plät­schern von Meer­was­ser.

Es wür­de den Ar­beits­tag ver­än­dern. Ho­li­day im Ho­me­of­fice. An­schle­cken er­laubt.

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