Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald

Bay­ers „Mann der Re­kor­de“ver­sucht bis­her ver­ge­bens, aus Ru­di Völ­lers Schat­ten zu tre­ten.

Der Sport­di­rek­tor von Bay­er Le­ver­ku­sen ist kein Mann der lau­ten Tö­ne. Da­bei hät­te er viel zu er­zäh­len.

- VON DORIAN AUDERSCH UND SE­BAS­TI­AN BERG­MANN David, Panama · Bayer · Rudi Völler · Chelsea F.C. · European Union · Europe · Leverkusen · Atlético de Madrid · Madrid · Santiago · Colombia · North Rhine-Westphalia · David Alaba · Simon Rolfes · Thomas Helmer · Kerem Demirbay · Exequiel Palacios · Moussa Diaby · Patrik Schick · Bayer 04 Leverkusen · Niemandsland · Milot Rashica · Peter Bosz · Santiago Arias · ZDF

LE­VER­KU­SEN Über den In­for­ma­ti­ons­ge­halt des TV-Stamm­ti­sches „Dop­pel­pass“lässt sich strei­ten. Si­cher ist aber, dass die Sen­dung ei­ne gro­ße Reich­wei­te hat. Als Uli Ho­en­eß vor we­ni­gen Wo­chen den Be­ra­ter von Da­vid Ala­ba als „geld­gie­ri­gen Pi­ran­ha“be­zeich­ne­te, hall­te das Echo ta­ge­lang durch Fuß­bal­ldeutsch­land. Nicht nur Bou­le­vard­me­di­en schlach­te­ten das The­ma ge­nüss­lich aus. Je­der hat­te ei­ne Mei­nung da­zu.

Zwei Wo­chen spä­ter saß Bay­er Le­ver­ku­sens Sport­di­rek­tor Si­mon Rolfes vor den sel­ben Ka­me­ras. Der Auf­tritt des 38-Jäh­ri­gen war al­ler­dings Mi­nu­ten, nach­dem sich Mo­de­ra­tor Tho­mas Hel­mer von den Zu­schau­ern ver­ab­schie­det hat­te, be­reits ver­ges­sen. Es ist klar, dass Rolfes nicht die glei­che Wucht wie der ger­ne über das Ziel hin­aus pol­tern­de Ho­en­eß ent­fal­tet. Et­was mehr hät­te der En­de 2018 nach ent­spre­chen­dem Stu­di­um zum Ma­na­ger avan­cier­te Eh­ren­spiel­füh­rer der Werks­elf al­ler­dings schon an­bie­ten kön­nen. Viel zu er­zäh­len hät­te er al­le­mal.

Rolfes hat seit sei­nem Amts­an­tritt zwei be­mer­kens­wer­te Best­mar­ken auf­ge­stellt. Ke­rem De­mir­bay kam im Som­mer 2019 für 32 Mil­lio­nen Eu­ro als teu­ers­ter Zu­gang der Le­ver­ku­se­ner Klub­ge­schich­te aus Hof­fen­heim – und an der Sei­te von Ge­schäfts­füh­rer Fer­nan­do Car­ro so­wie Sport­ge­schäfts­füh­rer Ru­di Völ­ler wi­ckel­te er den Re­kord­trans­fer von Kai Ha­vertz zum FC Chel­sea ab, der Bay­er in­klu­si­ve al­ler Bo­ni rund 100 Mil­lio­nen Eu­ro in die Kas­se spült. Der Ka­der des Eu­ro­pa-Le­ague-Teil­neh­mers trägt zu­dem mehr denn je die Hand­schrift des Sport­di­rek­tors.

Ed­mond Taps­oba, Na­diem Ami­ri, Florian Wirtz, Exe­quiel Pa­la­ci­os, Da­ley Sink­gra­ven, Mous­sa Dia­by und zu­letzt Pa­trik Schick – die Lis­te der Pro­fis, die in sei­ner Amts­zeit un­ters Bay­er-Kreuz ge­wech­selt sind, wird län­ger. Zu­dem dürf­te sich un­ter der Re­gie des ehe­ma­li­gen Na­tio­nal­spie­lers das Ge­halts­ge­fü­ge im Team nach oben ver­scho­ben ha­ben. Im­mer­hin hat­ten ei­ni­ge der

Zu­gän­ge auch an­de­re In­ter­es­sen­ten. Sie ent­schie­den sich wohl nicht nur der schö­nen Stadt we­gen für Le­ver­ku­sen.

Nie­mand ist oh­ne Kri­tik. Das gilt auch für Rolfes. Längst nicht je­der Zu­gang ist ein­ge­schla­gen. Vor al­lem „Kö­nigs­trans­fer“De­mir­bay bleibt bis­lang hin­ter den Er­war­tun­gen zu­rück. Und von Pa­la­ci­os hört man nun schon län­ger nichts mehr. Nach­dem ne­ben Ha­vertz auch Ke­vin Vol­land Bay­er 04 ver­las­sen hat, hat­ten vie­le Fans des Werks­klubs die Hoff­nung auf ei­nen wei­te­ren klang­vol­len Of­fen­siv­trans­fer – ver­geb­lich. Die Fol­ge wa­ren un­zäh­li­ge er­bos­te Kom­men­ta­re in den so­zia­len Me­di­en nach Ablauf der Wech­sel­frist.

Vie­le An­hän­ger un­ken, dass Bay­er nach dem ent­täu­schen­den Sai­son­start mit nur drei Punk­ten aus den ers­ten drei Li­gaspie­len im Nie­mands­land der Ta­bel­le stran­den könn­te. Sie schmun­zeln in­zwi­schen eher über die no­to­risch ge­äu­ßer­ten Cham­pi­ons-Le­ague-Am­bi­tio­nen der Ver­ant­wort­li­chen. Dass der Wech­sel von Bre­mens Links­au­ßen Mi­lot Ra­shi­ca auf der Ziel­ge­ra­den schei­ter­te, weil schlicht die Zeit für den De­al fehl­te, wirft kein gu­tes Licht auf das Ma­nage­ment. Nun steht Trai­ner Pe­ter Bosz vor der an­spruchs­vol­len Auf­ga­be, das Team mög­lichst auf Platz vier zu füh­ren. Dass sich der just von At­lé­ti­co Ma­drid aus­ge­lie­he­ne Rechts­ver­tei­di­ger San­tia­go Ari­as bei ei­nem Län­der­spiel mit Ko­lum­bi­en schwer ver­letz­te und min­des­tens sechs Mo­na­te aus­fällt, macht die Mis­si­on nicht ein­fa­cher.

Rolfes be­grün­det die Zu­rück­hal­tung am Markt mit ver­gan­ge­nen Trans­fers, die ein Vor­griff ge­we­sen sei­en, und den fi­nan­zi­el­len Fol­gen der Co­ro­na-Pan­de­mie. Das ist eben­so nach­voll­zieh­bar wie der Ge­dan­ke, mehr von den be­reits vor­han­de­nen Spie­lern zu for­dern, um den Ver­lust von Ha­vertz aus­glei­chen zu kön­nen. Klub­chef Car­ro lobt den Sport­di­rek­tor aus­drück­lich: „Si­mon ver­bin­det lang­jäh­ri­ge Pro­fi­fuß­bal­l­er­fah­rung auf höchs­tem Ni­veau mit ei­nem aus­ge­präg­ten Ge­spür für die An­for­de­run­gen an ein mo­der­nes Fuß­ball-Un­ter­neh­men. Da­zu kommt die in die­sem Zu­sam­men­hang sehr hilf­rei­che, lang­jäh­ri­ge Ver­bin­dung zu die­sem Klub.“Zu­dem ha­be Rolfes „ei­ne ex­zel­len­te Wahr­neh­mung“, ob und wie ein Spie­ler zu Bay­er 04 pas­sen kön­ne. „Die­se emo­tio­na­le Kom­po­nen­te er­gänzt sich her­vor­ra­gend mit sei­nen ana­ly­ti­schen Fä­hig­kei­ten. Hin­zu kommt der aus­ge­präg­te Ehr­geiz und Wil­le, sich im­mer wei­ter­ent­wi­ckeln zu wol­len.“

Aus­bau­fä­hig bleibt die Au­ßen­wir­kung. Rolfes ist frei­lich sym­pa­thisch, elo­quent und durch­aus mei­nungs­freu­dig, was er nicht nur in sei­ner Zeit als TV-Ex­per­te beim ZDF be­wie­sen hat. Und auch in sei­ner Funk­ti­on als Funk­tio­när beim Werks­klub ist er ein Freund der kla­ren Wor­te – zu­min­dest wenn kei­ne Ka­me­ras und Mi­kro­fo­ne in der Nä­he sind. Wenn doch, wirkt es, als wür­de er je­den Satz drei Mal ab­wä­gen. Er bleibt da­her meist un­ver­bind­lich und di­plo­ma­tisch. Für je­man­den, der mit­tel­fris­tig in die Fuß­stap­fen von Sport­ge­schäfts­füh­rer Ru­di Völ­ler tre­ten soll, ist er (noch) zu lei­se. Ein for­sche­res Auf­tre­ten könn­te ihm nicht zu­letzt da­bei hel­fen, Trans­fer­ent­schei­dun­gen noch kla­rer zu be­grün­den, und so den ei­ge­nen An­hang hin­ter sich zu brin­gen.

So aber bleibt bis auf Wei­te­res der in­zwi­schen 60-jäh­ri­ge Welt­meis­ter von 1990 die bun­des­weit wahr­nehm­ba­re Stim­me des Ver­eins, der nicht nur im fuß­bal­le­risch dicht be­sie­del­ten Nord­rhein-West­fa­len um Auf­merk­sam­keit buhlt. Denn wenn Völ­ler im „Dop­pel­pass“spricht, blei­ben im­mer ein paar Sät­ze hän­gen.

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 ?? FO­TO: MA­RI­US BE­CKER/DPA ?? Bay­ers Sport­di­rek­tor Si­mon Rolfes läuft wäh­rend des Eu­ro­pa-Le­ague-Fi­nal­tur­niers im Au­gust durch die Düs­sel­dor­fer Are­na.
FO­TO: MA­RI­US BE­CKER/DPA Bay­ers Sport­di­rek­tor Si­mon Rolfes läuft wäh­rend des Eu­ro­pa-Le­ague-Fi­nal­tur­niers im Au­gust durch die Düs­sel­dor­fer Are­na.

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