Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald

Was bleibt

Kers­tin Haa­se ist schwer an Krebs er­krankt. In ei­nem Hör­buch spricht sie über das, was ihr wich­tig war und was ih­re Kin­der wis­sen soll­ten. Ei­ne Köl­ne­rin pro­du­ziert die Auf­nah­men.

- VON JÖRG ISRINGHAUS Cologne · Bludenz Sonnenbergstraße Kindergarten · Rhine

„Als ich die Dia­gno­se hör­te, war mein ers­ter Ge­dan­ke, ich se­he mei­ne Kin­der nicht auf­wach­sen“

Kers­tin Haa­se

KÖLN Ei­ne Stim­me ver­rät viel über die Per­sön­lich­keit. Die von Kers­tin Haa­se ist fest, klar, kämp­fe­risch. Es ist die Stim­me ei­ner Frau, die nicht so schnell auf­gibt. Haa­se ist nicht ihr rich­ti­ger Na­me, die 40-Jäh­ri­ge lebt in ei­ner klei­nen Stadt am Nie­der­rhein und möch­te an­onym blei­ben. Seit nun­mehr ein­ein­halb Jah­ren ringt sie mit ei­ner Krebs­er­kran­kung, hat meh­re­re Ope­ra­tio­nen hin­ter sich. Zu­letzt fan­den die Ärz­te Me­ta­sta­sen in der Le­ber, stell­ten um auf pal­lia­ti­ve The­ra­pie. Da­mit ist das vor­ran­gi­ge Ziel nicht mehr zu hei­len, son­dern Sym­pto­me zu lin­dern. „Als ich das hör­te, war mein ers­ter Ge­dan­ke: Ich se­he mei­ne bei­den Kin­der nicht auf­wach­sen“, sagt Haa­se, „mir läuft die Zeit da­von.“Pro­gno­sen ge­ben die Ärz­te nicht ab. Freun­de be­rich­te­ten ihr von der Mög­lich­keit, selbst ein Hör­buch ein­zu­spre­chen, sich al­les, was sie be­wegt, von der See­le zu re­den – Ge­füh­le, Wün­sche und Hoff­nun­gen. Und ih­ren Lie­ben ne­ben all dem auch ih­re ver­trau­te Stim­me zu hin­ter­las­sen.

Seit 2017 bie­tet Ju­dith Grüm­mer mit ih­rem in Köln an­ge­sie­del­ten Pro­jekt „Fa­mi­li­en­hör­buch“tod­kran­ken Men­schen die Mög­lich­keit, Er­in­ne­run­gen, Ge­dan­ken und Ge­schich­ten für ih­re An­ge­hö­ri­gen auf­zu­zeich­nen. Rund 60 Ton­do­ku­men­te sind seit­her ent­stan­den, die Nach­fra­ge steigt ste­tig, so dass mitt­ler­wei­le ei­ne klei­ne War­te­lis­te exis­tiert. Aber Grüm­mer ver­sucht, je­dem ge­recht zu wer­den, weil sie weiß, wie wich­tig es für die Men­schen ist, wel­chen Ge­winn sie und ih­re Fa­mi­li­en dar­aus zie­hen kön­nen, und dass die Zeit drängt. Man­che Pro­jekt­teil­neh­mer kom­men nicht ein­mal mehr da­zu, ih­re Auf­nah­men ab­zu­hö­ren. Die Krank­heit ist un­be­re­chen­bar, und sie ist oft un­er­bitt­lich.

Das Re­den hält die Zeit an, und es ver­län­gert sie in ge­wis­ser Wei­se ins Unend­li­che. Baut ei­ne Brü­cke in die Zu­kunft. Wor­über aber spricht man, wenn man weiß, dass die Wor­te blei­ben? Dass es sich die Frau, der Mann, die Kin­der vi­el­leicht noch in

Jahr­zehn­ten an­hö­ren, lan­ge nach dem ei­ge­nen Ab­le­ben? „Ich ha­be aus dem Her­zen er­zählt“, sagt Kers­tin Haa­se. Un­ver­blümt, so wie es ihr in den Sinn kam. Von ih­rer glück­li­chen Kind­heit, dem be­hü­te­ten El­tern­haus, ih­rer ers­ten Freun­din im Kin­der­gar­ten, wie es war, das ers­te Mal ver­liebt zu sein. Von Schwie­rig­kei­ten in der Schu­le, ih­rer Lei­den­schaft für den Kar­ne­val, da­von, wie sie ih­ren Mann ken­nen­lern­te. „Das hat mich al­les sehr dank­bar wer­den las­sen. Ei­gent­lich müss­te je­der Mensch ein­mal sein Le­ben so Re­vue pas­sie­ren las­sen.“

Ge­nau um die­se Er­fah­rung geht es Ju­dith Grüm­mer. Nicht um Trau­er, nicht um Schmerz, son­dern um Trost. Für die An­ge­hö­ri­gen, aber auch für die­je­ni­gen, die er­zäh­len. „Wir fei­ern das Le­ben“, sagt sie. Die 61-Jäh­ri­ge rät je­dem, Fo­tos der Fa­mi­lie mit­zu­brin­gen, über Lieb­lings­bü­cher, -fil­me und -lie­der nach­zu­den­ken. Al­les das wird ein­ge­baut, be­nutzt als Fens­ter in ei­nen Men­schen, in ein Le­ben. Ihr An­satz ist ein jour­na­lis­ti­scher, kein the­ra­peu­ti­scher. Es wer­de viel ge­lacht bei den Auf­nah­men, über den ers­ten Kuss, über die Mo­de, die man trug, den All­tag oh­ne Han­dy und In­ter­net. Die

Pro­jekt­teil­neh­mer spre­chen über ih­re Lieb­lings­re­zep­te, über Tanz­ver­su­che, über Traum­zie­le. Auch mal aus­ufernd. Das längs­te Fa­mi­li­en­hör­buch bringt es auf 15 St­un­den, im Schnitt kom­men sie­ben bis zwölf St­un­den zu­sam­men. Ei­ne aus­fül­len­de Ar­beit, sagt Grüm­mer, aber genau­so ei­ne er­fül­len­de.

So hat es auch Kers­tin Haa­se emp­fun­den. In drei Sit­zun­gen hat sie sich viel von der See­le ge­re­det, sich zwar vor­her No­ti­zen ge­macht, was und wen sie er­wäh­nen möch­te, aber dann drauf­los ge­plau­dert. Und die Auf­nah­me, in die sie auch 30 Lie­der mit hin­ein­ge­nom­men hat, bis­lang nicht noch mal ab­ge­hört. Sie hat Angst da­vor, Aus­sa­gen kor­ri­gie­ren zu wol­len. „Dann wä­re es nicht mehr au­then­tisch“, sagt sie, und das ma­che es ja ge­ra­de aus. An­de­rer­seits kom­men Fra­gen hoch. Wie wird ihr Mann auf be­stimm­te Pas­sa­gen re­agie­ren? Ab­ge­stimmt mit ihm hat sie sich im Vor­feld nicht. „Und was sol­len die Kin­der wirk­lich wis­sen?“, sagt Haa­se. „Ich bin vi­el­leicht nicht mehr da, um es zu er­klä­ren.“Was zu der Fra­ge führt, ob man nicht schon jetzt ge­mein­sam Tei­le oder so­gar die ge­sam­te Auf­nah­me hört. Kers­tin Haa­se möch­te das. Sie hat zum Bei­spiel er­zählt, war­um sie ih­ren Mann liebt. „Wie­so soll­te er da­mit war­ten, sich das an­zu­hö­ren?“, sagt sie. „Un­se­re ge­mein­sa­me Zeit ist be­grenzt. Vi­el­leicht macht das was mit uns, mit un­se­rer Ehe, bringt uns nä­her zu­sam­men. Das fin­de ich ei­nen schö­nen Ge­dan­ken.“

Ju­dith Grüm­mer emp­fiehlt eben­falls, die Auf­nah­me zu­sam­men zu hö­ren, das neh­me ein Stück weit die Angst, auch vor dem, was da plötz­lich aus­ge­spro­chen im Raum steht. Na­tür­lich sei es gut, Din­ge an­zu­spre­chen, die im­mer tot­ge­schwie­gen wur­den, aber ein Hör­buch dür­fe auch kei­nen Scha­den an­rich­ten. „Es soll­te ver­söhn­lich sein, des­halb ist die Wort­wahl wich­tig“, sagt sie. Manch­mal schal­ten Pro­jekt­teil­neh­mer das Mi­kro­fon aus, um et­was raus­zu­las­sen, das sie aber so nicht ar­chi­viert ha­ben wol­len. Grüm­mer sagt, dass sie nichts mehr wun­dert, dass sie aber des­halb be­müht ist, Dis­tanz zu wah­ren. Es wer­de nicht ge­duzt, zu viel Nä­he sei nicht gut, auch nicht für sie und ihr Team, das ihr da­bei hilft, die Bü­cher zu pro­du­zie­ren.

Rund 5000 Eu­ro kos­tet so ei­ne Pro­duk­ti­on, et­wa 100 Ar­beits­stun­den

ste­cken in ei­nem Hör­buch. Für die Pro­jekt­teil­neh­mer ist das An­ge­bot kos­ten­los. Das müs­se so sein, sagt Grüm­mer. „Ich möch­te nicht ent­schei­den, wer zahlt und wer nicht“, sagt sie. Ihr Pro­jekt wur­de von 2017 an drei Jah­re lang von der Rhein-Ener­gie-Stif­tung fi­nan­ziert; in die­sem Früh­jahr stell­te ei­ne Teil­neh­me­rin ei­ne Crowd­fun­ding-Ak­ti­on auf die Bei­ne, so dass die na­he Zu­kunft ge­si­chert ist. Grüm­mer konn­te ein hoch­ka­rä­ti­ges Tech­ni­ker­team auf­bau­en, so dass teil­wei­se „Klang­kunst“ent­ste­he. Ih­re Hoff­nung aber ist es, dass lang­fris­tig die Kran­ken­kas­sen das Pro­jekt fi­nan­zie­ren, auch we­gen der gro­ßen Nach­fra­ge. Denn die Hör­bü­cher wür­den im­mens bei der Trau­er­ar­beit hel­fen, könn­ten bei­spiels­wei­se bei Kin­dern da­zu bei­tra­gen, post­trau­ma­ti­sche Be­las­tungs­stö­run­gen zu ver­hin­dern.

Kers­tin Haa­ses Sohn ist neun, die Toch­ter sechs. Dem Äl­te­ren sei be­wusst, dass sei­ne Ma­ma ster­ben kön­ne, sagt sie, und dass dies auch schon bald ge­sche­hen könn­te. Bei dem, was sie für ih­re Kin­der ein­ge­spro­chen hat, war es ihr wich­tig, dass dies nicht mit er­ho­be­nem Zei­ge­fin­ger ge­schieht. „Ich ha­be mir ge­wünscht, dass sie Freun­de fin­den und ei­nen Be­ruf, der ih­nen Spaß macht“, er­zählt sie. Au­ßer­dem soll­ten ih­re Kin­der wis­sen, dass ih­re Mut­ter ehr­lich über sich selbst, ih­re Fa­mi­lie und ihr Le­ben ge­spro­chen, auch schlech­te An­ge­wohn­hei­ten nicht ver­heim­licht hat.

Vie­les da­von wird wohl bald ge­mein­sam in der Fa­mi­lie be­spro­chen. Denn Kers­tin Haa­se kämpft wei­ter ge­gen den Krebs. „Ich bin po­si­tiv ein­ge­stellt“, sagt sie. „Es kann al­les gut wer­den.“Aber sie ist trotz­dem froh, dass sie das Hör­buch hat, das nun als Da­tei auf ih­rem Com­pu­ter liegt. „Mei­ne Stim­me bleibt“, sagt sie. Als Er­in­ne­rung, als Trost. Das weiß auch Ju­dith Grüm­mer. Noch­mal ein „Ich lie­be dich“zu hö­ren, das sei „ein Schatz, der ins Le­ben trägt“, sagt sie.

Kers­tin Haa­se stellt sich manch­mal vor, dass ihr Mann und ih­re Kin­der ir­gend­wann ih­re Stim­me ne­ben­bei lau­fen las­sen, im Hin­ter­grund, wie ein be­ru­hi­gen­des Rau­schen. Noch so ein schö­ner Ge­dan­ke: ei­ne Stim­me zu sein, die nie ver­stummt.

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