Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald

Die Hard­li­ne­rin ist un­zu­frie­den

Die Bun­des­kanz­le­rin kann die Mi­nis­ter­prä­si­den­ten trotz der stark ge­stie­ge­nen In­fek­ti­ons­zah­len nicht in al­len Punk­ten von stren­ge­ren Co­ro­na-Re­geln über­zeu­gen. Beim Be­her­ber­gungs­ver­bot gibt es kei­ne Ei­nig­keit un­ter den Län­dern.

- VON BIR­GIT MAR­SCHALL UND KERS­TIN MÜNSTERMAN­N European Politics · Coronavirus (COVID-19) · Politics · Angela Merkel · Auch · Germany · Berlin · Manuela Schwesig · Hermann von Helmholtz · Braunschweig · German Ministry of the Interior · Horst Seehofer · Christian Social Union · Armin Laschet · Jens Spahn · Rhineland-Palatinate · Hamburg · Saxony · Helmholtz Centre for Infection Research · Malu Dreyer · Dietmar Woidke · Reiner Haseloff

BERLIN Wie be­sorg­nis­er­re­gend die Co­ro­na-La­ge für sie jetzt ge­wor­den ist, zeigt die erns­te Mie­ne der Bun­des­kanz­le­rin an die­sem spä­ten Mitt­woch­abend. „Wir sind be­reits in der ex­po­nen­ti­el­len Pha­se“, sagt An­ge­la Mer­kel nach ih­rem über sechs­stün­di­gen Tref­fen mit den Re­gie­rungs­chefs der Län­der im Kanz­ler­amt. „Ich bin über­zeugt, dass das, was wir jetzt tun – oder was wir nicht tun –, ent­schei­dend für die Fra­ge ist, wie wir durch die­se Pan­de­mie kom­men.“Sie ap­pel­lie­re an die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger, dass sie in die­ser ent­schei­den­den Pha­se mit­mach­ten. Auch öko­no­misch kön­ne sich Deutsch­land ei­nen zwei­ten Lock­down nicht leis­ten.

Mer­kel hat­te vor dem Tref­fen ho­he Er­war­tun­gen ge­weckt. Denn an­ders als in den Wo­chen zu­vor und zum ers­ten Mal seit März hat die Kanz­le­rin die 16 Län­der­chefs ge­be­ten, per­sön­lich nach Berlin in ih­ren Amts­sitz zu kom­men – für vie­le kein pro­blem­lo­ses Un­ter­fan­gen, schließ­lich ist die Haupt­stadt ei­ner der Co­ro­na-Hots­pots. Zu­vor hat­te die Run­de meist vir­tu­ell ge­tagt. Ihr

Kanz­ler­amts­mi­nis­ter Hel­ge Braun (CDU) sprach am Vor­abend gar von ei­nem „his­to­ri­schen Tref­fen“.

We­nig spä­ter rin­gen Mer­kel und die Län­der­chefs um wie­der stren­ge­re Co­ro­na-Re­geln. Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Ma­nue­la Schwe­sig (SPD) kam mit der här­tes­ten ei­ge­nen Re­ge­lung nach Berlin: In Meck­len­burg-Vor­pom­mern gilt ne­ben der Test­pflicht für Ur­lau­ber aus Ri­si­ko­ge­bie­ten auch noch ei­ne Qua­ran­tä­ne­ver­pflich­tung.

Alar­mie­rend ist für die Teil­neh­mer der Run­de zu­nächst der Be­richt ei­nes Fach­manns, dem Lei­ter der Ab­tei­lung Sys­tem-Im­mu­no­lo­gie am Helm­holtz-Zen­trum für In­fek­ti­ons­for­schung in Braun­schweig. „Es ist nicht fünf vor zwölf, son­dern zwölf, um das Schiff noch zu dre­hen“, sagt Micha­el Mey­er-Her­mann nach An­ga­ben von Teil­neh­mern. Deutsch­land ste­he an der Schwel­le zu ei­nem ex­po­nen­ti­el­len Wachs­tum der In­fek­tio­nen. Mey­er-Her­mann hat­te zu­vor so­gar ein ge­ne­rel­les Aus­rei­se­ver­bot für Men­schen aus Ri­si­ko­ge­bie­ten ge­for­dert – für die Run­de bei Mer­kel ist das aber kein Mit­tel der Wahl.

Da­nach for­dert Mer­kel die Län­der­chefs ein­dring­lich zu ei­ner ge­mein­sa­men Kraft­an­stren­gung im

Kampf ge­gen das Vi­rus auf. „Wol­len wir ei­nen be­herz­ten Schritt ma­chen oder uns wie­der Wo­che für Wo­che tref­fen wie im Früh­jahr?“, fragt sie in die Run­de. Auch Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer (CSU) warnt: „Wenn wir nichts spür­bar be­schlie­ßen, ist der nächs­te Lock­down un­ver­meid­lich. Wir sind von Hoch­ri­si­ko­ge­bie­ten um­ge­ben in Deutsch­land. Das Ge­fähr­dungs­po­ten­zi­al ist rie­sig.“

Doch bei den Mi­nis­ter­prä­si­den­ten dringt Mer­kel mit ih­ren Plä­nen für deut­lich här­te­re Maß­nah­men nur zum Teil durch. Der nord­rhein-west­fä­li­sche Re­gie­rungs­chef Ar­min La­schet (CDU) et­wa äu­ßert sich eher zu­rück­hal­tend und skep­tisch zu den ge­plan­ten Ein­schrän­kun­gen von pri­va­ten Fei­ern. Dies sei ihm zu früh und zu ri­go­ros.

In der Run­de ar­gu­men­tie­ren La­schet, der saar­län­di­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent To­bi­as Hans und Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (bei­de CDU) zu­dem ge­gen das Be­her­ber­gungs­ver­bot, das ei­ni­ge Län­der für Ur­lau­ber aus Ri­si­ko­ge­bie­ten ein­ge­führt ha­ben. Auch die Re­gie­rungs­chefs von Rhein­land-Pfalz und Ham­burg, Ma­lu Drey­er und Pe­ter Tschent­scher (bei­de SPD), schlie­ßen sich den Kri­ti­kern an. Doch Schwe­sig, Bran­den­burgs Diet­mar Wo­id­ke und Sach­sen-An­halts Rei­ner Ha­seloff (CDU) hal­ten da­ge­gen. Weil sie den Streit nicht auf­lö­sen kön­nen, wird das The­ma schließ­lich ver­tagt – auf die Zeit nach den Herbst­fe­ri­en.

Im­mer­hin ei­nigt sich die Run­de auf här­te­re Maß­nah­men für die Hots­pots. Hier ist La­schet mit der Kanz­le­rin ei­nig. Aber Mer­kel kann auch nicht al­le ih­re stren­ge­ren Plä­ne ge­gen die Län­der­chefs durch­set­zen. So soll zwar die Mas­ken­pflicht künf­tig schon ab 35 Neu­in­fek­tio­nen (bis­her 50) je 100.000 Ein­woh­ner in sie­ben Ta­gen auch über­all dort gel­ten, wo Men­schen dich­ter und län­ger zu­sam­men­kom­men.

Ei­ne ge­ne­rel­le Sperr­stun­de in der Gas­tro­no­mie um 23 Uhr soll es vor­erst aber nur in Re­gio­nen mit mehr als 50 Neu­in­fek­tio­nen je 100.000 Bür­ger ge­ben, Mer­kel hat­te auch hier ei­nen Grenz­wert von 35 vor­ge­schla­gen. Und pri­va­te Fei­ern sol­len ge­ne­rell auf ma­xi­mal zehn Teil­neh­mer und zwei Haus­stän­de be­grenzt wer­den – auch dies nur in Re­gio­nen mit mehr als 50 Neu­in­fek­tio­nen pro 100.000 Bür­ger, nicht schon ab 35. In Co­ro­na-Hots­pots mit Wer­ten von mehr als 50 sol­len sich zu­dem nur noch ma­xi­mal zehn Per­so­nen im öf­fent­li­chen Raum tref­fen dür­fen.

Mer­kel ist un­zu­frie­den mit den ge­mein­sa­men Be­schlüs­sen, die ihr nicht hart ge­nug sind, und wird ge­gen En­de des Tref­fens un­ge­wohnt deut­lich. „Die An­sa­gen von uns sind nicht hart ge­nug, um das Un­heil von uns ab­zu­wen­den“, sagt sie nach über­ein­stim­men­den An­ga­ben von Teil­neh­mern. „Es reicht ein­fach nicht, was wir hier ma­chen.“

 ?? FO­TO: STEFANIE LOOS/AFP ?? Ber­lins Re­gie­ren­der Bür­ger­meis­ter Micha­el Mül­ler (SPD), Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) und Bay­erns Mi­nis­ter­prä­si­dent Mar­kus Sö­der (CSU) am Abend im Kanz­ler­amt.
FO­TO: STEFANIE LOOS/AFP Ber­lins Re­gie­ren­der Bür­ger­meis­ter Micha­el Mül­ler (SPD), Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) und Bay­erns Mi­nis­ter­prä­si­dent Mar­kus Sö­der (CSU) am Abend im Kanz­ler­amt.

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