Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald

In We­st­eu­ro­pa wer­den die In­ten­siv­bet­ten knapp

In den Nach­bar­län­dern wächst die Zahl der Co­ro­na-Neu­in­fek­tio­nen ra­pi­de. Die Uni­k­li­nik Düsseldorf be­rei­tet sich auf nie­der­län­di­sche Pa­ti­en­ten vor.

- VON WOLFRAM GOERTZ Health · Coronavirus (COVID-19) · Netherlands · Duesseldorf · Muenster · Belgium · Chilean Ministry of Health · France · Amsterdam · Rotterdam · Antwerp · Paris · Marseille · Lyon · Olympique Lyonnais · Spain · Switzerland · Auch · Austria · Germany · Beaufort, Savoie

DÜSSELDORF Im In­ter­net gibt es ei­ne un­kom­pli­zier­te Mög­lich­keit, das In­fek­ti­ons­ge­sche­hen welt­weit zu be­trach­ten. Un­ter der Such­fra­ge „Ster­be­ra­ten Co­vid 19“sieht man, wie sich in je­dem Land der Welt die Zahl der Neu­in­fek­tio­nen und der Co­vid-19-as­so­zi­ier­ten To­des­fäl­le ent­wi­ckelt. Der­zeit heißt das vor al­lem: wie die Wer­te stei­gen. Die meis­ten an­de­ren Sta­tis­ti­ken wei­sen fast gleich­lau­ten­de Er­geb­nis­se auf; ge­rin­ge Un­ter­schie­de kom­men durch un­ter­schied­li­che Mel­de­sys­te­me und -fris­ten zu­stan­de.

In al­len deut­schen Nach­bar­län­dern ist die La­ge kri­tisch. Vor al­lem in den Kran­ken­häu­sern herrscht stel­len­wei­se Alarm­stim­mung. Schau­en wir in die Nie­der­lan­de: Dort re­gis­trier­te das In­sti­tut für Ge­sund­heit und Um­welt in ei­ner Wo­che knapp 44.000 Neu­in­fek­tio­nen, 60 Pro­zent mehr als in der Vor­wo­che. Am Di­ens­tag wur­de erst­mals die 7000er-Mar­ke über­schrit­ten.

Nun herrscht bei man­chem die Mei­nung, die Zahl der Neu­in­fek­tio­nen sei vi­el­leicht nicht so wich­tig, so­lan­ge die In­ten­siv­sta­tio­nen nicht über­lau­fen; es gibt ja welt­weit vie­le Fäl­le von Pa­ti­en­ten, die nur mil­de oder gar nicht er­kran­ken. Trotz­dem kön­nen sie of­fen­bar po­ten­te Über­trä­ger sein, sonst könn­te es nicht zu ei­nem sol­chen An­stieg der Pa­ti­en­ten­zah­len in Kran­ken­häu­sern und auf In­ten­siv­sta­tio­nen kom­men.

In den Nie­der­lan­den star­ben am Di­ens­tag 34 Men­schen an Co­vid-19, am Vor­tag 13. Seit Aus­bruch der Pan­de­mie gab es in dem Land rund 190.000 In­fek­tio­nen und 6631 To­des­fäl­le. Frank Schnei­der, Vor­stands­vor­sit­zen­der des Uni­ver­si­täts­kli­ni­kums Düsseldorf, sagt, man be­rei­te sich auf ei­ne mög­li­che Über­nah­me nie­der­län­di­scher Pa­ti­en­ten vor. „Wir sind da wie im Früh­jahr in en­gem Kon­takt mit un­se­ren Kol­le­gen in Müns­ter, die das ko­or­di­nie­ren.“

In Bel­gi­en, das be­reits zu Be­ginn der Pan­de­mie durch ho­he Fall­zah­len auf­fiel, wur­den am 11. Ok­to­ber fast 8000 Neu­in­fek­tio­nen gemeldet, mehr als drei­mal so vie­le wie im April, als es dort die höchs­te Zahl an Neu­in­fek­tio­nen gab. Je­den­falls ha­be das Land be­schlos­sen, die An­zahl der Bet­ten auf In­ten­siv­sta­tio­nen für Pa­ti­en­ten mit Co­ro­na­vi­rus zu er­hö­hen, gab das Ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um be­kannt. 25 Pro­zent der rund 2000 In­ten­siv­bet­ten sol­len für Co­vid-19-Pa­ti­en­ten be­stimmt sein, der­zeit sind es 15 Pro­zent.

Seit Be­ginn der Pan­de­mie sind in Bel­gi­en 10.211 Men­schen ge­stor­ben. Am Di­ens­tag la­gen 267 Pa­ti­en­ten auf ei­ner In­ten­siv­sta­ti­on, ver­gli­chen mit 243 am Mon­tag. Luc Ver­strae­te, In­ten­siv­me­di­zi­ner in Brüs­sel, sagt: „Wenn die Zah­len wei­ter so stei­gen, be­kom­men wir ein ernst­li­ches Pro­blem, zu­mal wir mit Be­at­mungs­ka­pa­zi­tä­ten lang­sam an ei­ne Gren­ze ge­ra­ten.“Er und an­de­re Ex­per­ten be­fürch­ten, dass sich die Zahl der In­ten­siv­pa­ti­en­ten bis En­de des Mo­nats auf mehr als 500 oder im No­vem­ber so­gar auf 1000 ver­dop­peln könn­te, was dem Re­kord von 1285 am 8. April na­he­kä­me.

Nicht min­der dra­ma­tisch ist die La­ge in Frank­reich: Dort wur­de die­ser Ta­ge der Spit­zen­wert von knapp 28.000 neu­en In­fek­tio­nen er­ho­ben, eben­falls ein Viel­fa­ches des bis­lang höchs­ten Werts En­de März (7600). Aus Frank­reich wur­de die­ser Ta­ge ein Zu­wachs von mehr als 100 To­ten gemeldet, und auch der Pa­ri­ser In­ten­siv­me­di­zi­ner Fa­bri­ce Be­aufort sieht das En­de der Ka­pa­zi­tä­ten kom­men: „In zwei, drei Wo­chen wer­den wir größ­te Pro­ble­me be­kom­men, denn ein Teil der vie­len In­fi­zier­ten wird ja zwangs­läu­fig in­ten­siv­pflich­tig.“Auch Spe­zi­al­me­di­ka­men­te wie Rem­de­si­vir oder Dex­a­me­tha­son sei­en ja nicht un­be­grenzt ver­füg­bar, von Be­at­mungs­plät­zen et­wa mit Aus­stat­tung zur Sau­er­stoff­an­rei­che­rung des Blu­tes ganz zu schwei­gen.

In al­len Nach­bar­län­dern ist die Si­tua­ti­on vor al­lem in den Groß­städ­ten (Ams­ter­dam, Rot­ter­dam, Brüs­sel, Ant­wer­pen, Pa­ris, Mar­seil­le, Lyon) un­über­sicht­lich ge­wor­den; dort ist wie in ei­ni­gen deut­schen Städ­ten die Nach­ver­fol­gung von In­fi­zier­ten und ih­rer Kon­takt­per­so­nen fast un­mög­lich ge­wor­den. Eben­so in

Fa­bri­ce Be­aufort In­ten­siv­me­di­zi­ner in Pa­ris

Spa­ni­en: Dort liegt der täg­li­che Zu­wachs an Neu­in­fek­tio­nen be­reits seit An­fang Sep­tem­ber re­gel­mä­ßig bei mehr als 10.000 Fäl­len; dort wird an vie­len Ta­gen die täg­li­che Mar­ke von 200 To­ten über­schrit­ten.

In der Schweiz schien die La­ge lan­ge Zeit ent­spannt, nun aber wur­den im Ok­to­ber an ei­nem Tag mehr als 4000 Neu­in­fek­tio­nen ge­mes­sen, mehr als dop­pelt so vie­le Fäl­le wie im Früh­jahr. Von 26 Kan­to­nen er­fül­len ak­tu­ell 22 das Kri­te­ri­um, wo­nach es in den letz­ten sie­ben Ta­gen mehr als 50 Neu­in­fi­zier­te pro 100.000 Ein­woh­ner gab. Vie­le Schwei­zer be­fürch­ten jetzt, dass es zu ei­nem zwei­ten Lock­down kommt.

Auch in Ös­ter­reich wer­den bei den Neu­in­fek­tio­nen die Wer­te des Früh­jahrs weit über­trof­fen. Am 27. März wa­ren es 992, am 10. Ok­to­ber 1235. Ten­denz: stark stei­gend. Man er­war­tet dort in ei­ni­gen Wo­chen eben­falls wie­der ei­nen deut­li­chen An­stieg der Zahl der To­des­fäl­le, ak­tu­ell liegt sie fast täg­lich im zwei­stel­li­gen Be­reich. Die 14-Ta­ge-In­zi­denz liegt nach An­ga­ben der eu­ro­päi­schen Ge­sund­heits­agen­tur in Ös­ter­reich der­zeit bei 143,4 Fäl­len auf 100.000 Ein­woh­ner. In Deutsch­land sind es 50,6.

„In zwei, drei Wo­chen wer­den wir größ­te Pro­ble­me be­kom­men“

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