Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald

Die Chef­an­klä­ge­rin

Für sei­ne Do­ku „I am Gre­ta“hat der Schwe­de Nat­han Gross­mann die Ak­ti­vis­tin Gre­ta Thun­berg mehr als ein Jahr lang be­glei­tet.

- VON MAR­TIN SCHWI­CKERT School Strike for Climate · Greta Thunberg · Riksdag · Stockholm · Super · Iraq · United Nations · United Nations General Assembly · European Union · Europe · Emmanuel Macron · Donald Trump · Trump family · Jair Bolsonaro · Sweden · Stephan Grossmann · Katowice · Atlantic Ocean

Am 20. Au­gust 2018 setzt sich ein 15-jäh­ri­ges Mäd­chen vor das schwe­di­sche Par­la­ments­ge­bäu­de, packt sei­ne Trink­fla­sche aus und stellt ein Schild ne­ben sich: „Skolstre­jk för Kli­ma­tet“(Schul­streik für das Kli­ma) steht da in gro­ßen Let­tern. An­fangs ver­rin­gern die Pas­san­ten nur kurz ih­re Geh­ge­schwin­dig­keit. Ei­ne al­te Da­me bleibt schließ­lich ste­hen und ver­sucht das Mäd­chen da­von zu über­zeu­gen, dass, wer po­li­tisch et­was er­rei­chen will, erst ein­mal zur Schu­le ge­hen muss. Aber die ein­sa­me De­mons­tran­tin lässt sich nicht von ih­ren Vor­ha­ben ab­brin­gen. Sie weiß: Ihr An­lie­gen dul­det kei­nen Auf­schub und ver­langt Be­harr­lich­keit.

Ein Jahr spä­ter ist aus der un­schein­ba­ren Ein-Per­so­nen-De­mo ei­ne in­ter­na­tio­na­le Pro­test­be­we­gung ge­wach­sen, die sie­ben Mil­lio­nen Men­schen auf die Stra­ße bringt. Und die­ses Mäd­chen na­mens Gre­ta Thun­berg ist de­ren Iko­ne. In sei­ner Do­ku­men­ta­ti­on „I am Gre­ta“be­glei­tet der schwe­di­sche Fil­me­ma­cher Nat­han Gross­mann sie durch die­ses Jahr, das – wie die Prot­ago­nis­tin am An­fang aus dem Off er­klärt – sich für sie wie ein Film mit ei­ner sehr un­wahr­schein­li­chen Hand­lung an­ge­fühlt hat.

Gross­mann hat Thun­bergs Fa­mi­lie über Freun­de ken­nen­ge­lernt und sich im Au­gust 2018 ein­fach ein­mal für zwei Ta­ge mit der Ka­me­ra zu ihr vor den Reichs­tag in Stockholm ge­setzt. Dar­aus ist ein zwei­jäh­ri­ges Film­pro­jekt ent­stan­den, das sich als Por­trät ganz nah an der welt­be­kann­ten Ju­gend­li­chen be­wegt, aber auch die ra­san­te Ent­ste­hungs­ge­schich­te ei­ner po­li­ti­schen Be­we­gung vor­führt. Je­de Ge­ne­ra­ti­on bringt ih­re ei­ge­ne Re­bel­li­on her­vor.

Die 68er hat­ten ih­re Stu­den­ten­re­vol­te, die sich ge­gen Viet­nam­krieg und Eng­stir­nig­keit ih­rer Zeit stemm­te. In den 80ern war es die An­ti-AKWund Frie­dens­be­we­gung, die ge­gen Su­per-Gau, Wett­rüs­ten und den dro­hen­den Drit­ten Welt­krieg auf die Stra­ße gin­gen. Die Mill­en­ni­um-Ge­ne­ra­ti­on ver­such­te mit ih­ren De­mons­tra­tio­nen den Ein­marsch in den Irak zu ver­hin­dern. All die­sen Pro­test­be­we­gun­gen lag im­mer auch ein Ge­ne­ra­ti­ons­kon­flikt zu­grun­de, in dem die Jun­gen um ei­ne le­bens­wer­te Zu­kunft kämpf­ten, um die sie sich durch das al­te, po­li­ti­sche Es­ta­blish­ment be­tro­gen fühl­ten.

Die­ser Kon­flikt tritt bei den Ak­ti­vi­tä­ten von „Fri­days for Fu­ture“noch sehr viel deut­li­cher her­vor. Denn bei den Kli­ma­de­mos geht es um nicht we­ni­ger als die Zer­stö­rung des Pla­ne­ten durch den Men­schen und die Un­fä­hig­keit der in­ter­na­tio­na­len Po­li­tik, dies zu ver­hin­dern. Auf der An­kla­ge­bank: die Boo­mer-Ge­ne­ra­ti­on mit ih­rem Glau­ben an das ewi­ge Wirt­schafts­wachs­tum; und Gre­ta Thun­berg ist die Chef­an­klä­ge­re­rin, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Gross­manns Do­ku­men­ta­ti­on zeigt noch ein­mal ih­re Re­den, von der UN-Kli­ma­kon­fe­renz in Kat­to­witz im De­zem­ber 2018 bis hin zu Gre­tas le­gen­dä­rem Auf­tritt vor der Voll­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Na­tio­nen im Sep­tem­ber 2019.

Und es ist fas­zi­nie­rend zu se­hen, wie die­se klei­ne Per­son Ta­che­les re­det, die Po­li­ti­ker di­rekt adres­siert und ei­ne gan­ze Ge­ne­ra­ti­on zur Ver­ant­wor­tung zieht. In ei­ner Welt, in der viel um den hei­ßen Brei ge­re­det wird und das Rau­schen der so­zia­len Me­di­en al­les zu über­tö­nen scheint, hat sich Thun­berg mit ih­rer un­um­wun­de­nen Klar­heit durch­ge­setzt.

Aber wo­her nimmt das Mäd­chen die­sen Mut und die­se Kraft? Die­ser Kern­fra­ge geht „I am Gre­ta“un­ter­schwel­lig nach und schafft es, ei­ne Nä­he zu sei­ner Prot­ago­nis­tin her­zu­stel­len, wie sie in den zahl­lo­sen Me­dien­be­rich­ten bis­her nicht zu se­hen war. Gross­mann be­glei­tet Gre­ta und ih­ren Va­ter auf den Rei­sen kreuz und quer durch Eu­ro­pa und schließ­lich so­gar auf dem Se­gel­boot über den At­lan­tik. Es sind re­spekt­vol­le, pri­va­te Ein­bli­cke in das Fa­mi­li­en­le­ben und hin­ter die Ku­lis­sen ih­rer po­li­ti­schen Ak­ti­vi­tä­ten. Vom schril­len La­chen über die Fo­tos bei der Papst-Au­di­enz bis zur Ver­zweif­lung wäh­rend der At­lan­tik­über­que­rung wird hier das Bild der erns­ten Kli­maak­ti­vis­tin auf­ge­weicht.

Da­zu ge­hört vor al­lem auch ihr of­fe­ner Um­gang mit der ei­ge­nen au­tis­ti­schen Stö­rung. „Sie lei­den an Asper­ger?“, fragt ein­mal ein ita­lie­ni­scher TV-Mo­de­ra­tor. „Ich ha­be Asper­ger“. kor­ri­giert Gre­ta ihn. Denn Thun­berg weiß um die po­si­ti­ven wie ne­ga­ti­ven Aspek­te des Syn­droms. Drei Jah­re lang leb­te sie in ei­ner tie­fen De­pres­si­on und sprach nur noch mit der Fa­mi­lie. Auch durch ih­re Be­schäf­ti­gung mit dem Kli­ma­wan­del und dem star­ken Be­dürf­nis, da­ge­gen vor­zu­ge­hen, fand sie aus die­sem Tief her­aus.

Denn zum Asper­ger-Syn­drom ge­hört in ih­rem Fall auch die Fä­hig­keit zur Fo­kus­sie­rung und schnel­len Auf­nah­me von In­for­ma­tio­nen. Die Klar­heit ih­rer Re­den, an de­nen sie mit gro­ßem Per­fek­tio­nis­mus feilt, aber auch das Ver­mö­gen, sich nicht von den schö­nen, lee­ren Wor­ten der Po­li­ti­ker ein­sei­fen zu las­sen, sind un­trenn­bar mit der Ano­ma­lie ver­bun­den. Da kann sich ein Em­ma­nu­el Ma­cron im Small-Talk schon ein­mal die Zäh­ne aus­bei­ßen.

Gleich­zei­tig zeigt der Film „I am Gre­ta“auch deut­lich, wel­che enor­me Leis­tung es für Thun­berg be­deu­tet, trotz die­ser Be­ein­träch­ti­gung der­art stark im Licht der Öf­fent­lich­keit zu ste­hen. Da­zu ge­hö­ren die Freund­schaf­ten mit an­de­ren Ak­ti­vis­tin­nen genau­so wie der Shits­torm, der in den so­zia­len Me­di­en, auf Fox-News und in prä­si­dia­len An­spra­chen von Trump bis Bol­so­na­ro auf sie nie­der­ging. Ge­ra­de vor dem Hin­ter­grund der enor­men, me­dia­len Het­ze, der Thun­berg aus­ge­setzt war, er­scheint Gross­manns ein­fühl­sa­me Do­ku­men­ta­ti­on, die er­folg­reich den Men­schen hin­ter der Iko­ne be­leuch­tet, als not­wen­di­ges Ge­gen­gift.

I am Gre­ta; Schwe­den 2020, 97 Mi­nu­ten, Re­gie: Nat­han Gross­mann

 ?? FO­TO: FILM­WELT VERLEIHAGE­NTUR/DPA ?? Gre­ta Thun­berg (M.) ver­half der Kli­ma­schutz-Be­we­gung „Fri­days for Fu­ture“welt­weit zu Be­ach­tung. Ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on gibt jetzt re­spekt­voll Ein­blick in ihr Pri­vat­le­ben.
FO­TO: FILM­WELT VERLEIHAGE­NTUR/DPA Gre­ta Thun­berg (M.) ver­half der Kli­ma­schutz-Be­we­gung „Fri­days for Fu­ture“welt­weit zu Be­ach­tung. Ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on gibt jetzt re­spekt­voll Ein­blick in ihr Pri­vat­le­ben.

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