Bergische Morgenpost Wermelskirchen/Hückeswagen/Radevormwald

„Der Tod kommt bei Kin­dern vi­el­leicht im Kopf schon an, aber das Herz ver­steht noch nicht“

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Mecht­hild Schro­eter-Ru­pie­per Fa­mi­li­en­trau­er­be­glei­te­rin

Ein sechs­jäh­ri­ges Kind ver­ste­he zwar, dass al­les, was lebt, ir­gend­wann stirbt. Es kön­ne die Kon­se­quen­zen aber nicht er­fas­sen. Dann sei ein Satz wie „Ist die Oma ei­gent­lich im­mer noch tot?“nicht un­ge­wöhn­lich. „Der Tod kommt vi­el­leicht im Kopf schon an, aber das Herz ver­steht noch nicht.“

Wie geht man um mit Kin­dern, die trau­ern – und doch nicht rich­tig wis­sen, was ge­schieht? „Ih­nen Zeit, Zu­wen­dung und Ge­bor­gen­heit schen­ken“, rät Barbara He­ling vom Ham­bur­ger Zen­trum für Kin­der und Ju­gend­li­che in Trau­er. „Er­wach­se­ne kön­nen in ei­nem Meer von Trau­rig­keit ver­sin­ken. Für Kin­der ist Trau­er eher wie ei­ne Pfüt­ze. Sie sprin­gen hin­ein, aber genau­so schnell auch wie­der her­aus.“Mecht­hild Schro­eter-Ru­pie­per be­schreibt das als ei­ne Art an­ge­bo­re­nen psy­chi­schen Schutz. „Er er­mög­licht den Kin­dern, trotz ei­nes schlim­men Ver­lusts le­bens­froh groß zu wer­den.“

Den­noch soll­te man nicht glau­ben, Kin­der könn­ten sol­che Ver­lus­te leich­ter ver­kraf­ten. „Auch Kin­der, die den Tod noch nicht be­grei­fen, spü­ren sehr wohl die Trau­er um sie her­um“, sagt He­ling. „Sie füh­len, dass sie ver­las­sen wor­den sind.“Wich­tig sei dann, das The­ma Tod nicht weg­zu­schie­ben, son­dern be­greif­bar zu ma­chen. „Vie­le Men­schen wol­len Kin­der scho­nen und neh­men sie nicht mit zu ei­ner Be­er­di­gung. Kin­der füh­len sich dann aber häu­fig aus­ge­schlos­sen.“

Auch Helmut Ram­sai­er emp­fiehlt, Kin­der ins Ab­schied­neh­men ein­zu­be­zie­hen. „Wir kön­nen ih­nen viel mehr zu­mu­ten, als wir den­ken“, sagt der Be­stat­ter. „Sie sind uns dank­bar da­für, wenn wir mit ih­nen auf Au­gen­hö­he re­den, kla­re Wor­te fin­den und nichts be­schö­ni­gen.“Er rät so­gar, Kin­der zur Auf­bah­rung mit­zu­neh­men.

„Kin­der kön­nen sich nicht vor­stel­len, dass in die­ser Holz­kis­te wirk­lich die ge­lieb­te Oma liegt“, sagt er. „Selbst wenn die Mut­ter oder der Va­ter ge­stor­ben ist, brau­chen Kin­der die Chan­ce, sich rich­tig zu ver­ab­schie­den.“

Da­zu ge­hö­re auch, den Kör­per des Ver­stor­be­nen noch ein­mal zu se­hen, zu er­le­ben, dass er kalt ge­wor­den ist, dass er sich ver­än­dert hat. „Na­tür­lich gibt es auch Kin­der, die das nicht möch­ten“, er­zählt Helmut Ram­sai­er. „Wir drän­gen sie nicht. Aber wir las­sen in Ab­spra­che mit den An­ge­hö­ri­gen die Tür ein we­nig of­fen und ge­ben ih­nen so die Mög­lich­keit, ganz frei zu ent­schei­den. Vie­le kom­men dann doch her­ein.“Ram­sai­er hat au­ßer­dem die Er­fah­rung ge­macht, dass es Kin­dern hel­fe, selbst et­was zur Be­er­di­gung bei­zu­tra­gen. „Vie­le ma­len ein Bild für den Ver­stor­be­nen und le­gen es mit in den Sarg“, er­zählt der Be­stat­ter.

Trau­er zu­las­sen, wann im­mer sie kommt: Das ist Mecht­hild Schro­eter-Ru­pie­per wich­tig. „Sei doch nicht trau­rig“– für die Fa­mi­li­en­trau­er­be­glei­te­rin ist die­ser Satz ei­ne Ka­ta­stro­phe, auch wenn er El­tern, Groß­el­tern oder Er­zie­hern im­mer wie­der gut ge­meint über die Lip­pen kommt. „Kin­der be­kom­men da­durch den Ein­druck, Trau­rig­keit müs­se un­ter­drückt wer­den.“Da­bei ist es ein Ge­fühl, das Platz ha­ben darf – nicht nur in den ers­ten Mo­na­ten. „Ge­ra­de bei Kin­dern tre­ten hef­ti­ge Trau­er­pha­sen erst Jah­re spä­ter auf – so wie bei Ma­rie“, er­klärt Schro­eterRu­pie­per. Des­halb sei es wich­tig, Kin­dern kon­ti­nu­ier­lich Halt zu ge­ben.

„Oft sind Er­wach­se­ne so sehr mit ih­rer Trau­er be­schäf­tigt, dass sie mit der Trau­rig­keit der Kin­der über­for­dert sind“, er­klärt Barbara He­ling. Be­such­ten Kin­der dann ei­ne Trau­er­grup­pe, sei es für sie oft er­leich­ternd zu er­fah­ren, dass auch an­de­re Kin­der Ähn­li­ches er­lebt ha­ben. Trau­rig ge­he es dann nicht im­mer zu. „Manch­mal wird auch ein­fach nur ge­tobt“, er­zählt He­ling. „Das ge­nie­ßen die Kin­der, denn häu­fig ha­ben sie zu Hau­se ein schlech­tes Ge­wis­sen, wenn sie nicht rund um die Uhr trau­rig sind.“

Und vie­le Kin­der hät­ten Angst – Angst, zu ver­ges­sen. „Kin­der quält oft die Vor­stel­lung, dass sie sich bald nicht mehr rich­tig an den Ver­stor­be­nen er­in­nern könn­ten“, sagt He­ling. Des­halb sei es wich­tig, dass Fa­mi­li­en die Er­in­ne­rung wach­hal­ten – mit Fo­tos, Be­su­chen am Gr­ab oder et­was Ge­bas­tel­tem. Auch Schro­eter-Ru­pie­per be­tont: „Er­in­ne­run­gen sind für Be­wäl­ti­gung der Trau­er ganz wich­tig.“So wie für Ma­rie, die nach Jah­ren zum ers­ten Mal rich­tig spür­te, dass ih­re Mut­ter tot war – und die­ses Mal im Kopf, im Her­zen und im Bauch.

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Trau­ern­de Kin­der brau­chen Halt. Je­doch soll­ten Er­wach­se­ne auf kei­nen Fall da­bei den Satz „Sei doch nicht trau­rig“ver­wen­den.
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FO­TO: DPA
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