Mie­ten ex­plo­die­ren nach Sa­nie­run­gen

Hun­der­te Os­na­brü­cker be­trof­fen

Bersenbrucker Kreisblatt - - VORDERSEITE - Jcf/Sei­te 9

OS­NA­BRÜCK Deutsch­lands größ­ter Woh­nungs­ver­mie­ter Vo­no­via hat nach en­er­ge­ti­schen Sa­nie­run­gen für Hun­der­te Os­na­brü­cker dras­tisch die Mie­te er­höht. Der Mie­ter­ver­ein Os­na­brück hat in vie­len Fäl­len Wi­der­spruch ge­gen die Miet­erhö­hung we­gen un­zu­mut­ba­rer so­zia­ler Här­te ein­ge­legt.

Sie­ben Jah­re wohnt Hei­ke Schie­ren­beck mit ih­rer Toch­ter in ei­ner Miet­woh­nung in Os­na­brück-Do­des­hei­de. Nun sol­len sie aus­zie­hen, weil der Kon­zern Vo­no­via seit die­sem Mo­nat 47 Pro­zent mehr Mie­te ver­langt und das Job­cen­ter die Kos­ten für die Woh­nung der Hart­zIV-Emp­fän­ge­rin nicht mehr über­neh­men will.

OS­NA­BRÜCK Schie­ren­beck ist nach Schät­zun­gen des Mie­ter­ver­eins Os­na­brück ei­ne von Hun­der­ten Vo­no­vi­aMie­tern in der Stadt, die von der Miet­preis­ex­plo­si­on nach der Sa­nie­rung be­trof­fen sind. Die Mitt­vier­zi­ge­rin fährt sich durch die Haa­re und ist ver­zwei­felt. Sie fühlt sich ohn­mäch­tig. Es ist wie Da­vid ge­gen Go­li­ath.

Ihr Ge­gen­über wirkt über­mäch­tig: Deutsch­lands größ­ter Woh­nungs­ver­mie­ter Vo­no­via ist ein Dax-Kon­zern mit rund 400000 Woh­nun­gen und 3,6 Mil­li­ar­den Eu­ro Jah­res­um­satz. Durch­schnitt­lich stie­gen die Miet­ein­nah­men im ver­gan­ge­nen Jahr um mehr als acht Pro­zent auf 1,67 Mil­li­ar­den Eu­ro. Die Vo­no­via-Ak­tie ge­hört zu den Ge­win­nern an der Frank­fur­ter Bör­se.

Die Ren­di­te geht je­doch auf Kos­ten von Men­schen wie Hei­ke Schie­ren­beck, der al­lein­er­zie­hen­den Mut­ter, die als Lang­zeit­ar­beits­lo­se seit drei Jah­ren ei­nem so­ge­nann­ten Ein-Eu­ro-Job nach­geht und le­dig­lich Grund­si­che­rung er­hält. Doch sie ist ei­ne Kämp­fe­rin. Sie tippt mit dem Fin­ger auf ein Blatt Pa­pier und zeigt, was Vo­no­via für die 71-Qua­drat­me­terWoh­nung plötz­lich ver­langt: rund 750 Eu­ro Warm­mie­te. Die Hälf­te da­von sind Ne­ben­kos­ten, die Kalt­mie­te be­trägt knapp 500 Eu­ro. Noch im Ok­to­ber wa­ren es 160 Eu­ro we­ni­ger, was ei­nem Auf­schlag von fast 50 Pro­zent ent­spricht. Sie schüt­telt den Kopf und ver­steht die Welt nicht mehr: „War­um ist das denn jetzt auf ein­mal so viel teu­rer? Das seh’ ich gar nicht ein.“Die Fas­sa­de ge­dämmt, ein paar Fens­ter aus­ge­tauscht, aber mehr ha­be die Vo­no­via im Prin­zip nicht ge­macht. „Wenn die was am Haus ma­chen wol­len, dann sol­len sie das ma­chen, aber was hat das jetzt mit mei­ner Mie­te zu tun? Mei­ne Woh­nung ist im­mer noch alt, dar­an hat sich nichts ver­än­dert.“

„Bei mir ist auch fast 50 Pro­zent drauf­ge­schla­gen wor­den“, be­rich­tet Yvon­ne Fi­scher, die in den Vo­no­vi­aB­lö­cken mit Hun­der­ten be­trof­fe­nen Mie­tern in der Do­des­hei­de vis à vis von Hei­ke Schie­ren­beck wohnt. Des­halb trat sie vor Kur­zem in den Mie­ter­ver­ein ein und kämpft, da­mit der Miet­auf­schlag sich doch noch re­du­ziert, „sonst wer­de auch ich in ei­nem hal­ben Jahr aus­zie­hen müs­sen“, sagt sie mit be­leg­ter Stim­me. Da­mit das Job­cen­ter die Wohn­kos­ten über­nimmt, darf die Kalt­mie­te 385 Eu­ro nicht über­stei­gen. Wäh­rend die Kalt­mie­te für 71 Qua­drat­me­ter bis Ok­to­ber 336 Eu­ro be­trug, sind es seit No­vem­ber 496 Eu­ro – laut Job­cen­ter deut­lich zu viel. Bis Mai sol­le sie sich die Woh­nung ent­we­der mit ei­ner an­de­ren Per­son tei­len oder sie soll sich ei­ne deut­lich klei­ne­re Woh­nung be­sor­gen.

Der Rechts­be­ra­ter vom Mie­ter­ver­ein Os­na­brück, Ro­nald Mar­tin, kom­men­tiert: „Na­tür­lich ist es ei­ne gra­vie­ren­de Miet­erhö­hung, aber zur­zeit nutzt Vo­no­via die ge­setz­li­chen Vor­ga­ben eben kon­se­quent aus und

„War­um ist das denn jetzt auf ein­mal so viel teu­rer?“Hei­ke Schie­ren­beck, Vo­no­via-Mie­te­rin

legt die Mo­der­ni­sie­rungs­kos­ten auf die Mie­ter um.“Der Mie­ter­ver­ein le­ge nun we­gen der un­zu­mut­ba­ren so­zia­len Här­te Wi­der­spruch ge­gen die Miet­erhö­hung ein. Ak­tu­ell prü­fe Vo­no­via die Wi­der­sprü­che. Zu­dem weist Mar­tin dar­auf hin, dass die für die Wohn­kos­ten­über­nah­me des Job­cen­ters vor­ge­se­he­nen Re­gel­be­dar­fe zu ge­ring sind, denn auf dem an­ge­spann­ten Os­na­brü­cker Woh­nungs­markt sei es „ein ganz, ganz gro­ßes Pro­blem“, zu den vor­ge­ge­be­nen Prei­sen ei­ne neue Woh­nung zu fin­den.

Ei­ne Vo­no­via-Spre­che­rin sag­te un­se­rer Re­dak­ti­on, der Kon­zern ha­be das Kun­den­ma­nage­ment per­so­nell ver­stärkt, „um es Mie­tern, die per­sön­li­che oder wirt­schaft­li­che Här­te an­zei­gen, zu er­mög­li­chen, in ih­rer ge­wohn­ten Um­ge­bung zu blei­ben“.

Yvon­ne Fi­scher, An­ge­li­na und Hei­ke Schie­ren­beck kämp­fen wei­ter und hof­fen, dass Vo­no­via sie als Här­te­fall an­er­kennt und sie wei­ter in ih­rem Zu­hau­se woh­nen lässt.

Sie wol­len ih­re Miet­woh­nung be­hal­ten (v. l.): Yvon­ne Fi­scher, An­ge­li­na und Hei­ke Schie­ren­beck.

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