Brand in der Brenn­ele­men­te­fa­brik in Lin­gen

Er­öff­nung der A 30-Nord­um­ge­hung: Freu­de und Är­ger in Bad Oeyn­hau­sen

Bersenbrucker Kreisblatt - - VORDERSEITE - Von Claudia Scholz

LIN­GEN

Bei ei­nem Brand in der Lin­ge­ner Brenn­ele­men­te­fa­brik ANF, in der Nach­bar­schaft des Kern­kraft­werks Ems­land, ist am Don­ners­tag­abend nie­mand ver­letzt wor­den. Wie der stell­ver­tre­ten­de Werks­lei­ter Jür­gen Krä­mer mit­teil­te, hat es kei­ne Frei­set­zung von ge­fähr­li­chen Stof­fen ge­ge­ben. Das Feu­er war nach sei­nen An­ga­ben um 19.40 Uhr in ei­nem La­bor im nu­klea­ren Be­reich der An­la­ge aus­ge­bro­chen und war um 21.15 Uhr ge­löscht. Feu­er­weh­ren aus dem Ems­land, der Graf­schaft und dem Land­kreis Os­na­brück wa­ren alar­miert wor­den, dar­un­ter auch Mes­s­trupps. Um­welt­ver­bän­de for­dern seit Län­ge­rem die Schlie­ßung der Brenn­ele­men­te­fa­brik.

Nach zehn Jah­ren Bau­zeit wur­de ges­tern die Nord­um­ge­hung in Bad Oeyn­hau­sen er­öff­net. Für Au­to­fah­rer ist die nord­rhein­west­fä­li­sche Stadt bun­des­weit zum In­be­griff für Stau ge­wor­den. Seit Jahr­zehn­ten kämp­fen dort Be­woh­ner für und ge­gen die Au­to­bahn. Das Bau­pro­jekt spal­tet den Ku­r­ort.

BAD OEYN­HAU­SEN Ein Lkw nach dem an­de­ren schiebt sich über die Min­de­ner Stra­ße im Ku­r­ort Bad Oeyn­hau­sen. Man­fred Krey­los steht am Stra­ßen­rand und be­ob­ach­tet den sto­cken­den Ver­kehr. „Wir ha­ben hier an der Haupt­stra­ße im­mer ei­nen Schall­pe­gel na­he an die 60 De­zi­bel.“Der 77-Jäh­ri­ge muss fast schrei­en, so laut ist es. Krey­los wohnt 200 Me­ter süd­lich von der Haupt­stra­ße ent­fernt.

Seit Jah­ren er­lebt er, wie sich tag­täg­lich bis zu 50 000 Fahr­zeu­ge durch die In­nen­stadt quä­len, da­von je­des vier­te ein Last­wa­gen. Da die A 30 bei Bad Oeyn­hau­sen nicht di­rekt zur A 2 führt, geht es über die Bun­des­stra­ße B 61 mit­ten durch die Kur­stadt. Das soll sich mit der Nord­um­ge­hung än­dern, die ges­tern of­fi­zi­ell er­öff­net wur­de. Tat­säch­lich rollt der Ver­kehr aber erst ab Sonn­tag und zu­nächst nur in Rich­tung Os­na­brück.

Das 230 Mil­lio­nen Eu­ro teu­re Bau­pro­jekt hat an den Ner­ven der Au­to­fah­rer, aber auch der An­woh­ner ge­zerrt. Be­für­wor­ter und Geg­ner der Tras­se kämp­fen seit Jahr­zehn­ten für ih­re Sa­che. Man­fred Krey­los setzt sich seit über 40 Jah­ren für die Nord­um­ge­hung ein. Es sei sein Traum ge­we­sen, noch ein­mal selbst mit dem Au­to über die Au­to­bahn fah­ren zu kön­nen. Ei­ni­ge sei­ner Mit­strei­ter von der Bür­ger­initia­ti­ve „Pro Nord­um­ge­hung“sind mitt­ler­wei­le tot.

„Die An­woh­ner im Nor­den be­kom­men nun Lärm, das ist nicht schön, aber wir hat­ten das Pro­blem jahr­zehn­te­lang“, sagt Krey­los. Vie­le Ge­schäf­te hät­ten in den ver­gan­ge­nen Jah­ren auf­ge­ge­ben. An der B 61 zäh­le Krey­los zur­zeit 40 Leer­stän­de. „Wie sich das ent­wi­ckeln wird, weiß noch kei­ner. Wir müs­sen aber vor al­lem da­für sor­gen, dass die Stadt nicht in zwei La­ger ge­trennt bleibt. Die Be­woh­ner müs­sen wie­der zu­sam­men­wach­sen.“

Für Rei­ner Barg und die Bür­ger­initia­ti­ve „Not­ge­mein­schaft“stellt die Au­to­bahn­ver­bin­dung zwi­schen A 2 und A 30 ei­ne „Zer­schnei­dung“der Stadt dar. Barg wohnt et­wa ei­nen Ki­lo­me­ter von der neu­en Tras­se ent­fernt. Be­reits An­fang der 1970er-Jah­re hat er ge­gen das Groß­pro­jekt ge­kämpft. Denn er be­fürch­tet schlim­me Fol­gen für Bad Oeyn­hau­sen.

Nach­dem zwi­schen­zeit­lich ei­ne Tun­nel­lö­sung fa­vo­ri­siert wor­den war, ent­schied sich der Stadt­rat Bad Oeyn­hau­sen 1993 für die Nord­um­ge­hung. Ein we­sent­li­cher Grund war der Heil­quel­len­schutz. Die Be­zirks­re­gie­rung Det­mold leg­te die Pla­nung im März 2001 öf­fent­lich aus. Es wur­de ge­plant, be­schlos­sen, ver­wor­fen, neu ge­plant, ge­kämpft und ge­klagt. Im Ju­li 2008 lehn­te das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig die Kla­ge der Geg­ner ge­gen den Pl­an­fest­stel­lungs­be­schluss für die Nord­um­ge­hung ab. Im Ok­to­ber 2008 be­gann der Bau.

In­grid und Wil­fried Wei­he woh­nen di­rekt ne­ben der Nord­um­ge­hung. Von ih­rem Schlaf- und Wohn­zim­mer aus bli­cken sie heu­te auf den Au­to­bahn­wall. Frü­her war da ein grü­nes Feld. „Un­se­re Nach­barn le­ben jetzt auf der an­de­ren Sei­te der Tras­se. Wir kom­men nur noch über Um­we­ge zu ih­nen“, sagt die 80-jäh­ri­ge In­grid Wei­he. Ihr Mann sagt: „Nach­bar­schaf­ten wur­den zer­stört.“Wie stark der Lärm der vor­bei­fah­ren­den Au­tos sein wird, könn­ten sie der­zeit nur er­ah­nen. „Als wäh­rend der Bau­pha­se Last­wa­gen vor­bei­fuh­ren, war es im Gar­ten un­zu­mut­bar laut.“

Laut Lan­des­be­trieb Stra­ßen-NRW wur­de so ge­baut, dass die ge­setz­li­chen Grenz­wer­te für Lärm ein­ge­hal­ten wer­den. Die Stadt Bad Oeyn­hau­sen zahl­te ei­ne Mil­li­on Eu­ro zu­sätz­lich für ei­nen grob­po­ri­gen As­phalt, der Lärm schlu­cken soll. Für die An­woh­ner im Nor­den nur ein klei­ner Trost. „Ei­ne neue Stra­ße ist im­mer auch ei­ne Zä­sur“, sagt Sven Jo­han­ning von Stra­ßen NRW. Es muss­ten 26 Brü­cken für 78 Mil­lio­nen Eu­ro ge­baut wer­den.

Für die In­nen­stadt geht Jo­han­ning künf­tig von 50 Pro­zent we­ni­ger Ver­kehr aus. „Wir er­hof­fen uns, dass es un­ter 20 000 Au­tos pro Tag auf der B 61 wer­den. Die ver­schie­de­nen Par­al­lel­stra­ßen sol­len auch ent­las­tet wer­den.“Das freut auch ei­ni­ge Ge­schäfts­trei­ben­de. Ja­net­te Ber­ger, In­ha­be­rin der frei­en Tank­stel­le mit Fahr­rad­ge­schäft an der Wers­ter Stra­ße in Bad Oeyn­hau­sen, ist froh, dass der Ver­kehr um­ge­lenkt wer­de. „Wir le­ben vor al­lem von Stamm­kun­den und we­ni­ger vom Durch­gangs­ver­kehr. Für die Lkws sind wir zu klein.“Der Ver­kehrs­lärm stö­re sie und ih­re Kun­den, wenn sie sich Fahr­rä­der im Au­ßen­be­reich an­schau­ten.

Auch Tank­stel­len­päch­te­rin Lau­ra Hub sieht für ih­re StarTank­stel­le an der Min­de­ner Stra­ße mehr Vor- als Nach­tei­le durch den nach­las­sen­den Ver­kehr an der B 61. „Der Stress über­wiegt. Vie­le Au­to­fah­rer, auch aus dem Aus­land, be­neh­men sich oft da­ne­ben. Die Leu­te kau­fen nicht so viel, und am Sprit ver­die­ne ich fast nichts“, sagt Hub. Wie we­nig der Ver­kehr und da­mit das Ge­schäft für sie wer­de, kön­ne sie noch nicht ab­se­hen.

Die Stadt sieht durch die Nord­um­ge­hung ei­ne Chan­ce, vom „Image der Ver­kehrs­cha­os-Stadt los­zu­kom­men“, wie Stadt­spre­cher Vol­ker Müller-Ul­rich sagt. „Bad Oeyn­hau­sen als Kur­stadt soll wie­der in den Fo­kus rü­cken.“

En­de des Dau­er­staus:

die Nord­um­ge­hung im Vi­deo auf noz.de/nrw

Fo­to: Thors­ten Al­brecht

Fo­to: Da­vid Ebe­ner

Ein Bild, das bald der Ver­gan­gen­heit an­ge­hö­ren soll: Täg­lich quä­len sich rund 50 000 Au­tos durch Bad Oeyn­hau­sen.

Fo­tos: Claudia Scholz

Geg­ner der Nord­um­ge­hung: Rei­ner Barg.

Be­für­wor­ter des Bau­pro­jekts: Man­fred Krey­los.

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