Po­di­ums­dis­kus­si­on zur Land­rats­wahl

NOZ-Po­di­ums­dis­kus­si­on: Land­rats­kan­di­da­ten strei­ten um Woh­nungs­bau, Nah­ver­kehr und Pfle­ge

Bersenbrucker Kreisblatt - - VORDERSEIT­E - Von Joa­chim Dier­ks

OS­NA­BRÜCK Be­zahl­ba­re Mie­ten, Nah­ver­kehr, Fach­kräf­te­man­gel und Pfle­ge wa­ren die be­herr­schen­den The­men der NOZ-Po­di­ums­dis­kus­si­on zur Land­rats­wahl. Wäh­rend Horst Bai­er den Woh­nungs­bau mit zehn Mil­lio­nen Eu­ro för­dern möch­te, hält Frank Vorn­holt gar kei­ne För­de­rung für nö­tig.

OS­NA­BRÜCK Die The­men be­zahl­ba­rer Wohn­raum und Nah­ver­kehr spal­te­ten die Land­rats­kan­di­da­ten bei der Po­di­ums­dis­kus­si­on zur Land­rats­wahl am Don­ners­tag­abend be­son­ders. In­ten­si­ve Dis­kus­sio­nen gab es im NOZ-Me­di­en­zen­trum in Os­na­brück aber auch um den Pfle­ge­be­darf und den Fach­kräf­te­man­gel. Die von NOZRe­dak­teur Je­an- Charles Fays mo­de­rier­te De­bat­te bot den rund 200 Be­su­chern ei­ne letz­te Ent­schei­dungs­hil­fe vor der Wahl.

Wie soll­te der Woh­nungs­bau ge­för­dert wer­den? Wäh­rend der am­tie­ren­de Land­rat sein Kon­zept für ei­ne För­de­rung des Woh­nungs­baus in Hö­he von 4,5 Mil­lio­nen Eu­ro ver­tei­dig­te, hiel­ten die Her­aus­for­de­rer An­na Keb­schull 7,5 Mil­lio­nen und Horst Bai­er so­gar 10 Mil­lio­nen Eu­ro für an­ge­bracht, Frank Vorn­holt hin­ge­gen lehn­te ei­ne Woh­nungs­bau-För­de­rung aus Kreis­mit­teln kom­plett ab.

Der un­ab­hän­gi­ge Land­rats­kan­di­dat Bai­er, der im Wahl­kampf von SPD, UWG und Lin­ken un­ter­stützt wird, hat­te die Woh­nungs­bau­för­de­rung zum Top­the­ma sei­nes Wahl­kampfs er­ko­ren und be­rich­te­te von den po­si­ti­ven Er­fah­run­gen mit der von ihm vor drei Jah­ren in­iti­ier­ten kom­mu­na­len Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft der Samt­ge­mein­de Ber­sen­brück, der Ha­se-Wohn­bau. Das Bei­spiel las­se sich auf an­de­re Kom­mu­nen über­tra­gen. Nicht der Land­kreis sol­le Bau­ge­sell­schaf­ten grün­den, son­dern dies den Kom­mu­nen über­las­sen, die am bes­ten wüss­ten, wel­che Be­dar­fe be­ste­hen.

Bai­er fa­vo­ri­siert ei­nen Woh­nungs­bau-För­der­topf in Hö­he von 10 Mil­lio­nen Eu­ro, der nach Be­darf und kla­ren Kri­te­ri­en den Ge­mein­den zur Ver­fü­gung ge­stellt wird. Die jetzt vom Land­kreis da­für auf­ge­leg­ten 1,5 Mil­lio­nen Eu­ro für ei­nen Woh­nungs­fonds – drei Mil­lio­nen Eu­ro sind zu­sätz­lich für ei­ne Toch­ter der Bau­ge­nos­sen­schaft Land­kreis Os­na­brück (BGLO) vor­ge­se­hen – sei­en „aber viel zu we­nig“. Die Top­the­men der Land­rats­kan­di­da­ten wur­den bei der NOZ-Po­di­ums­dis­kus­si­on in­ten­siv dis­ku­tiert (von links): Micha­el Lüb­bers­mann, Frank Vorn­holt, Mo­de­ra­tor Je­an-Charles Fays, An­na Keb­schull und Horst Bai­er.

Wie soll­te der Nah­ver­kehr aus­ge­baut wer­den? Mo­de­ra­tor Je­an- Charles Fays be­frag­te auch die Grü­nen­Land­rats­kan­di­da­tin An­na Keb­schull zu ih­rem Top­the­ma Nah­ver­kehr. Sie wünscht sich „ei­ne ech­te Mo­bi­li­täts­wen­de“mit halb­stünd­lich ver­keh­ren­den Zü­gen der Nord­west­bahn, Ver­bund­ta­ri­fen, stär­ker sub­ven­tio­nier­ten Fahr­prei­sen und „Mo­bil­sta­tio­nen“an Kno­ten­punk­ten in der Re­gi­on, die die Mög­lich­keit bie­ten, von Bahn oder Bus auf Leih­au­to, Leih­fahr­rad oder An­ruf­ta­xi zur Be­wäl­ti­gung der „letz­ten Ki­lo­me­ter“um­stei­gen zu kön­nen. „Wie teu­er wird das, und wer soll das be­zah­len?“, hak­te Fays nach. Kon­kre­te Zah­len nann­te Keb­schull nicht. Sie sieht in der Mo­bi­li­täts­wen­de ei­ne bun­des­wei­te Auf­ga­be, die der Bund för­dern müs­se. Der Land­kreis hät­te sich längst dar­um be­wer­ben sol­len, „Mo­dell­re­gi­on“zu wer­den. Au­ßer­dem ge­be es da ja noch die Ver­kaufs­er­lö­se aus dem RWEAk­ti­en­pa­ket, sti­chel­te sie ge­gen Lüb­bers­mann und be­leb­te da­mit ein Dau­er-Streit

the­ma. Lang­fris­tig sol­le der ÖPNV gra­tis zu nut­zen sein, um­la­ge­fi­nan­ziert von al­len ge­tra­gen. Schließ­lich kön­ne der Land­kreis-Bür­ger dann auf das teu­re Zwei­t­au­to ver­zich­ten.

Lüb­bers­mann be­ton­te die Über­ein­stim­mung in den Zie­len, sah ei­ne Ziel­er­rei­chung aber nur in klei­ne­ren, „leich­ter rea­li­sier­ba­ren“Schrit­ten. Mit den Bus­un­ter­neh­mern ste­he man in en­gem Kon­takt, um, di­gi­tal ge­stützt, ei­ne bes­se­re Ver­net­zung zu er­rei­chen. Al­le Ver­kehrs­an­bie­ter müss­ten mit ins Boot ge­holt wer­den, bei­spiels­wei­se auch Ta­xis und Or­ga­ni­sa­to­ren von pri­va­ten Mit­nah­men. Vorn­holt leg­te eben­falls Wert auf die Fi­n­an

zier- und Rea­li­sier­bar­keit. Der öf­fent­li­che Nah­ver­kehr sol­le auf be­ste­hen­der Ba­sis wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den. Da­zu ge­hö­re der ver­stärk­te Ein­satz auch von klei­ne­ren Bus­ein­hei­ten. Bai­er leg­te Wert auf schnel­le Lö­sun­gen. Man kön­ne nicht auf au­to­nom fah­ren­de Au­tos war­ten. Er for­der­te: „Wir müs­sen mehr Geld ins Sys­tem ge­ben.“Es dür­fe nicht sein, dass die Bu­s­an­bin­dung ei­ner Ge­mein­de je nach ih­rer Fi­nanz­kraft gut oder we­ni­ger gut aus­fal­le. Da müs­se der Land­kreis aus­glei­chen.

Wie soll­te sich der Kreis für die Pfle­ge en­ga­gie­ren? Für Land­rat Micha­el Lüb­bers­mann ist die Be­sei­ti­gung des Man­gels an Pfle­ge­plät­zen und Pfle­ge­fach­kräf­ten ein zen­tra­les The­ma. Der de­mo­gra­fi­sche Wan­del wer­de das The­ma Jahr für Jahr dra­ma­tisch zu­spit­zen. Der Bel­mer ver­spricht, bis 2025 zu­sätz­lich 500 Lang­zeit­pfle­ge­plät­ze und 60 Kurz­zeit­pfle­ge­plät­ze zu schaf­fen. Der Ein­satz von Steu­er­mit­teln sei nicht das Pro­blem, weil der Land­kreis nicht vor­ha­be, ei­ge­ne Pfle­ge

ein­rich­tun­gen zu bau­en und zu be­trei­ben. Mit Wohl­fahrts­ver­bän­den, kirch­li­chen Ver­bän­den und Pri­va­ten ste­he ein dich­tes Netz an be­währ­ten Trä­gern zur Ver­fü­gung, die auch wei­ter in­ves­tie­ren woll­ten. Al­lein durch die Be­richt­er­stat­tung in den Me­di­en zu die­sem Wahl­kampf­the­ma hät­ten sich bei ihm ei­ne Rei­he wei­te­rer po­ten­zi­el­ler In­ves­to­ren ge­mel­det. Um Fach­kräf­te zu ge­win­nen, wol­le er ei­ne Image­kam­pa­gne star­ten und durch spe­zi­el­les Coa­ching der sehr ho­hen Ab­bre­cher­quo­te in der Pfle­ge­aus­bil­dung be­geg­nen.

Zum glei­chen The­ma sag­te der Bun­des­po­li­zist Frank Vorn­holt aus Mel­le, er se­he die Sa­che nicht so ent­spannt wie Lüb­bers­mann. Nicht die Pfle­ge­plät­ze sei­en das Pro­blem, son­dern die Pfle­ge­kräf­te. Er wür­de als Land­rat so­fort ei­nen „Pfle­ge­gip­fel“ein­be­ru­fen und ei­nen Mas­ter­plan er­ar­bei­ten las­sen.

Vorn­holts Kern­the­ma ist der Fach­kräf­te­man­gel. Er will ei­nen „Un­ter­neh­mer­gip­fel“ein­be­ru­fen, um die Vor­schlä­ge der Haupt­ak­teu­re ein­zu­bin­den. Die Sach­aus­stat­tung der Be­rufs­bil­den­den Schu­len müs­se er­höht wer­den, da­mit sie nicht zu ei­nem „In­dus­trie­mu­se­um“ver­kom­men und dort nicht mit ver­al­te­ten Ma­schi­nen und Ver­fah­ren ge­übt wer­den müs­se: „Wir ha­ben ei­nen un­ter­schied­li­chen Stand bei der Sach­aus­stat­tung der Be­rufs­bil­den­den Schu­len im Land­kreis. Nach Rück­spra­che mit dem Ober­meis­ter der Me­tal­lin­nung Mel­le ist bei der Ma­te­ri­al­aus­stat­tung der Be­rufs­schu­le Mel­le aber noch Luft nach oben.“Es be­dür­fe ei­ner kon­ti­nu­ier­li­chen fi­nan­zi­el­len Un­ter­stüt­zung des Land­krei­ses für al­le Be­rufs­schu­len im Land­kreis. Wich­tig sei auch ein ge­mein­sa­mes Stand­ort­mar­ke­ting von Stadt und Land­kreis. Das hel­fe, Ar­beits­kräf­te aus struk­tur­schwa­chen Re­gio­nen an­zu­wer­ben.

Lüb­bers­mann wies den ver­steck­ten Vor­wurf schlecht aus­ge­stat­te­ter Be­rufs­schu­len zu­rück. So sei et­wa die BBS in Os­na­brück an der Brink­stra­ße „ein bun­des­weit strah­len­der Leucht­turm“, was die Aus­stat­tung an­ge­he. Dring­li­cher in sei­nen Au­gen: Er sieht das Land in der Pflicht, mehr Leh­rer ein­zu­stel­len. Keb­schull sieht den Schlüs­sel zur Lö­sung der Fach­kräf­teFra­ge dar­in, die Re­gi­on Os­na­brück deut­lich at­trak­ti­ver zu ma­chen. Bai­er sieht die Ar­beit­ge­ber ver­stärkt in der Pflicht, et­wa bei Pro­gram­men für Lang­zeit­ar­beits­lo­se, bei der Be­schäf­ti­gung Äl­te­rer, bei der In­te­gra­ti­on Be­hin­der­ter und bei der Schaf­fung von Kin­der­be­treu­ungs­an­ge­bo­ten.

Fo­to: Tho­mas Os­ter­feld

Wie soll der Fach­kräf­te­man­gel be­kämpft wer­den?

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