So­zi­al­de­mo­kra­ten wit­tern Mor­gen­luft

EU-Wahl: Par­tei von Spit­zen­kan­di­dat Tim­mer­m­ans liegt in Nie­der­lan­den vorn

Bersenbrucker Kreisblatt - - VORDERSEIT­E - Von Ma­rei­ke Ba­der, Jas­min Kohl und Tho­mas Lud­wig

BRÜS­SEL/AMS­TER­DAM Kurz vor der Eu­ro­pa­wahl in Deutsch­land war­ben die deut­schen Par­tei­en ges­tern noch ein­mal mit Groß­ver­an­stal­tun­gen um je­de Stim­me. Da­bei schöpf­te die SPD Hoff­nung aus dem über­ra­schend gu­ten Ab­schnei­den des Spit­zen­kan­di­da­ten der eu­ro­päi­schen So­zi­al­de­mo­kra­ten in den Nie­der­lan­den, wo der eu­ro­pa­wei­te Ab­stim­mungs­rei­gen am Don­ners­tag er­öff­net wor­den war: Im Hei­mat­land von Frans Tim­mer­m­ans la­gen die So­zia­lis­ten nach ei­ner Pro­gno­se un­er­war­tet vorn.

Un­ter­des­sen ha­ben Hun­dert­tau­sen­de über­wie­gend jun­ge Men­schen in al­ler Welt un­mit­tel­bar zur Eu­ro­pa­wahl ein Zei­chen für den Kampf ge­gen die Kli­ma­kri­se ge­setzt. Al­lein in Deutsch­land be­tei­lig­ten sich ges­tern nach An­ga­ben der Be­we­gung Fri­days for Fu­ture 320 000 Men­schen an der zwei­ten Auf­la­ge ei­nes glo­ba­len Kli­ma­pro­test­ta­ges – so vie­le wie noch nie.

Den Wahl­auf­takt hat­te am Don­ners­tag ne­ben den Nie­der­lan­den Groß­bri­tan­ni­en ge­macht. Ei­ne Pro­gno­se gab es dort nicht. Ges­tern wa­ren zur EU-Wahl Iren und Tsche­chen auf­ge­ru­fen. Deutsch­land wählt wie die meis­ten an­de­ren EU-Län­der mor­gen zum Ab­schluss. Erst nach Schlie­ßung der letz­ten Wahl­lo­ka­le in Ita­li­en sol­len am Abend kurz nach 23 Uhr die of­fi­zi­el­len Er­geb­nis­se für die ein­zel­nen Län­der und ei­ne ers­te of­fi­zi­el­le Hoch­rech­nung für die EU ins­ge­samt be­kannt ge­ge­ben wer­den.

In den Nie­der­lan­den wur­de die Par­tei des so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen EU-Spit­zen­kan­di­da­ten Tim­mer­m­ans nach ei­ner Pro­gno­se mit 18,4 Pro­zent der Stim­men stärks­te Kraft, wie der staat­li­che nie­der­län­di­sche Sen­der NOS be­rich­te­te. Der neue Star der Rech­ten in dem Land, Thier­ry Bau­det, lan­de­te mit sei­nem Fo­rum für De­mo­kra­tie (FvD) dem­nach nur auf Rang vier.

Die eu­ro­päi­schen So­zi­al­de­mo­kra­ten se­hen trotz der schlech­ten Um­fra­ge­wer­te der deut­schen SPD Chan­cen, dass Tim­mer­m­ans EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­dent wird – und nicht sein Ge­gen­spie­ler von der christ­de­mo­kra­ti­schen Par­tei­en­fa­mi­lie EVP, der Deut­sche Man­fred We­ber (CSU).

In Deutsch­land be­fürch­ten die Ko­ali­ti­ons­part­ner Uni­on und SPD bei­de Ver­lus­te. In jüngs­ten Um­fra­gen lag die Uni­on bei 28 bis 30 Pro­zent, die SPD nur bei 15 bis 17,5 Pro­zent. Das wä­re für die SPD wohl Platz drei hin­ter den Grü­nen mit 17 bis 19 Pro­zent. Die AfD ran­gier­te zur Zeit der Um­fra­gen bei ein­heit­lich 12 Pro­zent. Die FDP er­reich­te 5,5 bis 8 Pro­zent, die Lin­ke 6,5 bis 8.

Die deut­schen Spit­zen­kan­di­da­ten für die Eu­ro­pa­wahl

sind auch nach wo­chen­lan­gem Wahl­kampf re­la­tiv un­be­kannt. In ei­ner Um­fra­ge des Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts YouGov ga­ben 38 Pro­zent an, kei­nen ein­zi­gen aus den sie­ben an­tre­ten­den Bun­des­tags­par­tei­en zu ken­nen. Am be­kann­tes­ten ist mit 49 Pro­zent die SPD-Spit­zen­kan­di­da­tin und Jus­tiz­mi­nis­te­rin Ka­ta­ri­na Bar­ley. In den 28 EU-Staa­ten kön­nen mehr als 400 Mil­lio­nen Wahl­be­rech­tig­te mit­ent­schei­den.

Die dies­jäh­ri­ge Eu­ro­pa­wahl hat ei­ne Mo­bi­li­sie­rungs­wel­le ge­se­hen wie kei­ne vor ihr. Un­ter­neh­men, Ge­werk­schaf­ten, Kir­chen, Wohl­fahrts­ver­bän­de, Fuß­ball­ver­ei­ne und Schau­spie­ler – sie al­le ha­ben die Men­schen auf­ge­ru­fen, ih­re Stim­me ab­zu­ge­ben. Über die so­zia­len Netz­wer­ke lie­fen un­zäh­li­ge Kam­pa­gnen. Tat­säch­lich ent­schei­den sich vie­le Bür­ger recht kurz­fris­tig, ob sie wäh­len und bei wel­cher Par­tei sie da­bei ihr Kreuz ma­chen. Mei­nungs­for­scher ha­ben her­aus­ge­fun­den, dass gut ei­ne Wo­che vor Wah­len mehr als ein Drit­tel der Wäh­ler noch nicht ganz si­cher sind, wel­che Par­tei sie un­ter­stüt­zen wol­len. Ein her­aus­ra­gen­des Er­eig­nis, ein nach­hal­ti­ger Ein­druck kann noch für Um­den­ken sor­gen. Wer si­cher­ge­hen will, auch wirk­lich die Par­tei zu wäh­len, die ei­ge­nen Er­war­tun­gen und An­sich­ten ent­spricht, soll­te zu­vor ei­nen Blick in die Pro­gram­me ge­wor­fen ha­ben. Wer steht wo­für? Wer will wel­che Pro­ble­me mit wel­chen Maß­nah­men lö­sen? Für al­le noch Un­ent­schlos­se­nen hat un­se­re Re­dak­ti­on des­halb auf die­ser Sei­te das Wich­tigs­te aus den Pro­gram­men je­ner Par­tei­en zu­sam­men­ge­fasst, die gu­te Aus­sich­ten ha­ben, die Ge­schi­cke in Brüs­sel mit­zu­be­stim­men. Bei der Eu­ro­pa­wahl 2014 hat in Deutsch­land knapp je­der zwei­te Wahl­be­rech­tig­te von sei­nem Recht Ge­brauch ge­macht. Ist die Be­tei­li­gung dies­mal hö­her? Es tä­te De­mo­kra­tie und Le­gi­ti­mia­ti­on der EU gut. Von ei­nem je­den­falls soll­te man die Ent­schei­dung, Sonn­tag wäh­len zu ge­hen, nicht ab­hän­gig ma­chen – vom Wet­ter. Das ist meis­tens zu un­be­stän­dig.

Fo­to: im­a­go images/IPON/Ste­fan Bo­ness/dpa (6)

Kam­pa­gne zur Eu­ro­pa­wahl: An­hän­ger der EU zei­gen Flag­ge auf ei­ner „Pul­se of Eu­ro­pe“-Kund­ge­bung auf dem Gen­dar­men­markt in Ber­lin.

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