Die Wahl zwi­schen Cars­ten und Cars­ten

Bei der Bre­mer Bür­ger­schafts­wahl hängt es von der Öko-Par­tei ab, ob die SPD aus der Re­gie­rung fliegt

Bersenbrucker Kreisblatt - - VORDERSEIT­E - Von Eck­hard Sten­gel

BRE­MEN Bei der Bre­mer Bür­ger­schafts­wahl hängt es ver­mut­lich von den Grü­nen ab, ob die SPD nach 74 Jah­ren aus der Re­gie­rung fliegt. Zwi­schen Bür­ger­meis­ter Cars­ten Sie­ling und sei­nem CDU-Her­aus­for­de­rer Cars­ten Mey­erHer­der kün­digt sich ein en­ges Ren­nen an. stg/Sei­te 5

Ja­mai­ka oder Rot-Grün-Rot: Die Grü­nen wer­den sich nach der Bre­mer Bür­ger­schafts­wahl ver­mut­lich zwi­schen den Ro­ten und den Schwar­zen ent­schei­den müs­sen. BRE­MEN Am Ran­de der Bre­mer In­nen­stadt ste­hen drei gro­ße Pla­kat­wän­de mit Wahl­wer­bung: links SPD, rechts CDU, in der Mit­te die Grü­nen. Das sym­bo­li­siert gut die der­zei­ti­ge La­ge der Öko­Par­tei. Sie muss sich ent­schei­den, ob sie nach der Bre­mer Bür­ger­schafts­wahl, die mor­gen par­al­lel zur Eu­ro­pa­wahl läuft, lie­ber mit den Ro­ten oder den Schwar­zen re­gie­ren will. Da­von hängt ab, ob die So­zi­al­de­mo­kra­ten zum ers­ten Mal seit 1945 nicht mehr den Bre­mer Re­gie­rungs­chef stel­len dür­fen. Das wie­der­um wä­re ein po­li­ti­sches Erd­be­ben mit bun­des­weit spür­ba­ren Schwin­gun­gen. Denn die SPD hät­te dann ih­re letz­te sta­bi­le Län­der-Hoch­burg ver­lo­ren.

Seit zwölf Jah­ren schon ko­alie­ren die Grü­nen mit den So­zis. Doch ih­re Lie­be hat sich ab­ge­kühlt. Und wie das so ist bei ei­ner lang­wei­lig ge­wor­de­nen Ehe: Da schielt man schon mal auf ei­nen Ne­ben­buh­ler – in die­sem Fall

auf Cars­ten Mey­er-He­der (58), den CDU-Spit­zen­kan­di­da­ten. Der Zwei-Me­ter-Mann mit dem­sel­ben Vor­na­men wie der schmäch­ti­ge SPDBür­ger­meis­ter Cars­ten Sie­ling (60) stand in jun­gen Jah­ren sel­ber weit links. Er war ein lang­haa­ri­ger Hip­pie, Schlag­zeu­ger und Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rer, brach sein Wirt­schafts­stu­di­um ab, trat aus der evan­ge­li­schen Kir­che aus. In­zwi­schen trägt er Glat­ze und staunt noch im­mer dar­über, dass die CDU „so ei­nen schrä­gen Ty­pen wie mich“zu ih­rem Spit­zen­kan­di­da­ten ge­macht hat.

Oh­ne Er­fah­rung

An sei­ner po­li­ti­schen Er­fah­rung kann es nicht lie­gen. Die hat er näm­lich nicht. Da­für ist er mitt­ler­wei­le ein er­folg­rei­cher, wohl­ha­ben­der IT-Un­ter­neh­mer und zu­min­dest mit die­ser Ei­gen­schaft CDU-kom­pa­ti­bel.

Laut Wäh­ler­um­fra­gen hat die Uni­on gu­te Chan­cen, mit ih­rem un­kon­ven­tio­nel­len Sei­ten­ein­stei­ger das Du­ell „Cars­ten con­tra Cars­ten“zu ge­win

nen. Sie wür­de dann ger­ne ei­ne schwarz-grün-gel­be Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on bil­den. Die FDP wä­re da­zu be­reit – falls sie nicht an der Fünf-Pro­zen­tHür­de schei­tert. Aber die Grü­nen hal­ten sich bis­her al­les of­fen. Sie sind dies­mal die Kö­nigs­ma­cher, das Züng­lein an der Waa­ge.

Falls der CDU-Cars­ten am Sonn­tag­abend ganz klar vor dem SPD-Cars­ten lie­gen soll­te, dann wür­de die Grü­nen-Spit­zen­kan­di­da­tin, Frak­ti­ons­che­fin Mai­ke Schae­fer (47), wohl am liebs­ten zur Hoch­zeits­rei­se Rich­tung Ja­mai­ka auf­bre­chen. Sie­lings Ap­pell an das Wahl­volk heißt denn auch: „Passt auf, dass Ihr nicht grün wählt und hin­ter­her schwarz seht!“

Doch da­für müss­te ne­ben Schae­fer auch die Grü­nen­Ba­sis mit­spie­len. Zwar könn­ten vie­le Mit­glie­der mit Mey­er-He­der le­ben. Aber bei ei­nem Part­ner­wech­sel hei­ra­tet man ja auch die Ver­wandt­schaft mit. Bei Kurs Ja­mai­ka kä­me die et­was schril­le FDP-Spit­zen­kan­di­da­tin Lencke St­ei­ner (33) mit

an Bord, die aus ei­ner rei­chen Un­ter­neh­mer­fa­mi­lie stammt und ger­ne mit ei­nem PS-star­ken Ca­brio durch die Stadt röhrt – ein Grau­en für vie­le Grü­ne. Ge­nau­so wie CDUFrak­ti­ons­chef Tho­mas Rö­we­kamp. Der wür­de viel­leicht wie­der In­nen­se­na­tor, wie einst zu Zei­ten der SPDCDU-Ko­ali­ti­on un­ter Bür­ger­meis­ter Hen­ning Scherf. Rö­we­kamp galt da­mals als har­ter Hund. Al­so auch ein Grau­en für Grü­ne.

Soll­te Mey­er-He­der al­ler­dings nur knapp vor Sie­ling lan­den, dann wür­de wohl auch Schae­fer dem Neu­en die kal­te Schul­ter zei­gen. Da Ro­tG­rün al­lei­ne kei­ne Mehr­heit mehr ha­ben dürf­te, kä­me als Drit­tes noch die Link­s­par­tei da­zu. Es wä­re de­ren ers­te Re­gie­rungs­be­tei­li­gung in West­deutsch­land. Zu ver­dan­ken wä­re das auch ih­rer re­al­po­li­ti­schen Bre­mer Spit­zen­kan­di­da­tin, Frak­ti­ons­che­fin Kris­ti­na Vogt (53), die über die Gren­zen ih­rer Par­tei hin­aus An­se­hen ge­nießt.

Auch die SPD ist in­zwi­schen ein­deu­tig für Rot

Grün-Rot. Bis­her war sie noch of­fen für an­de­re Kon­stel­la­tio­nen, aber un­ter dem Druck sin­ken­der Um­fra­ge­wer­te schließt sie neu­er­dings ei­ne rech­ne­risch mög­li­che Gro­ße Ko­ali­ti­on ka­te­go­risch aus. Al­so al­les auf ei­ne Kar­te, Rich­tungs­wahl­kampf, das ist die neue De­vi­se, das letz­te Auf­bäu­men. Tho­mas Rö­we­kamp, der CDU-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de, läs­ter­te so­gleich auf Twit­ter: „Oje. Ka­mi­cars­ten #Sie­ling ist an schwe­rer Aus­schlie­ße­ri­tis er­krankt.“Par­tei­che­fin An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er leg­te nach: Die Fest­le­gung sei „ar­ro­gant und re­spekt­los ge­gen­über dem Wäh­ler­wil­len“.

Nichts Mi­t­rei­ßen­des

Die SPD-Wahl­pla­ka­te tra­gen den Al­ler­welts-Slo­gan: „Wir lie­ben Bre­men“. War­um lie­ben die Bre­mer neu­er­dings nicht mehr zu­rück? Na­tür­lich spielt der Bun­des­trend ei­ne Rol­le, aber auch die Per­son des Bür­ger­meis­ters. Der auf­rech­te Lin­ke, seit 2015 im Amt, kennt sich in al­len De­tails der Bre­mer Po­li­tik aus und setzt sich für die klei­nen Leu­te ein. Aber er hat nichts Mi­t­rei­ßen­des. Sie­ling ist kein Staats­mann oder Lan­des­va­ter, eher ein Lan­des­kum­pel.

Bil­dungs­mi­se­re, Ar­beits­lo­sig­keit, Woh­nungs­man­gel, Ver­kehrs­staus – auch das wird vor al­lem der SPD als Se­ni­or­part­ner der Ko­ali­ti­on an­ge­las­tet. Dass es auch ei­ni­ges Vor­zeig­ba­res gibt, wird leicht über­se­hen. Zum Bei­spiel die be­deu­ten­de Au­to-, Luft- und Raum­fahrt­in­dus­trie oder das dritt­stärks­te Wirt­schafts­wachs­tum al­ler Bun­des­län­der.

Auch die schmerz­haf­te Spar­po­li­tik der ver­gan­ge­nen Jah­re dürf­te Stim­men kos­ten. In­zwi­schen hat Ro­tG­rün den Haus­halt sta­bi­li­siert und groß­zü­gi­ge­re Bun­des­hil­fen aus­ge­han­delt. Künf­tig muss al­so der Gür­tel nicht mehr ganz so eng ge­schnallt wer­den. Aber die Früch­te der Spar­po­li­tik wird nun mög­li­cher­wei­se Po­li­tik­neu­ling Mey­er-He­der ern­ten. Falls die Grü­nen mit­spie­len.

Fo­to: Eck­hard Sten­gel

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