Ren­nen um Nach­fol­ge von The­re­sa May er­öff­net

Nach ver­geb­li­chen Br­ex­it-Ver­hand­lun­gen: Bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin gibt auf

Bersenbrucker Kreisblatt - - VORDERSEIT­E - Fo­to: AFP

LON­DON Nach dem an­ge­kün­dig­ten Rück­tritt der bri­ti­schen Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May lau­fen sich ih­re mög­li­chen Nach­fol­ger warm. Von Ex-Au­ßen­mi­nis­ter und Br­ex­it-Hard­li­ner Bo­ris John­son kam prompt ei­ne Kampf­an­sa­ge. Bei ei­ner Kon­fe­renz in der Schweiz sag­te er: „Na­tür­lich be­wer­be ich mich als Pre­mier­mi­nis­ter.“Und wei­ter: „Um ei­nen gu­ten De­al zu be­kom­men, muss man sich auf ei­nen No-De­al vor­be­rei­ten. Um et­was zu er­rei­chen, muss man be­reit sein, den an­de­ren ste­hen zu las­sen.“

La­bour-Chef Je­re­my Cor­byn er­klär­te, May sei „un­fä­hig Es flos­sen Trä­nen: The­re­sa May. zum Re­gie­ren“ge­we­sen und ha­be „Grund zum Rück­tritt“ge­habt. Um das Land aus der Sack­gas­se zu ma­nö­vrie­ren, müs­se ihr Nach­fol­ger Neu­wah­len or­ga­ni­sie­ren.

An­ge­sichts des Br­ex­itCha­os hat­te die bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin ges­tern ih­ren Rück­tritt be­kannt ge­ge­ben. Sie wer­de als Par­tei­che­fin der Kon­ser­va­ti­ven am 7. Ju­ni zu­rück­tre­ten, kün­dig­te May an. Bis En­de Ju­li gibt sie auch das Amt der Re­gie­rungs­che­fin ab. Sie wer­de „für im­mer be­dau­ern“, dass sie „nicht in der La­ge ge­we­sen“sei, den Br­ex­it zu voll­zie­hen, sag­te May teils un­ter Trä­nen.

LON­DON Am En­de er­stick­ten Trä­nen ih­re Stim­me. The­re­sa May zit­ter­te und prä­sen­tier­te sich so gar nicht als je­ner „Ro­bo­ter“, als der sie ger­ne we­gen ih­res küh­len Auf­tre­tens und stu­ren Art ver­höhnt wor­den war. „Ich bin un­ge­heu­er dank­bar, die Mög­lich­keit ge­habt zu ha­ben, dem Land zu die­nen, das ich lie­be“, sag­te ei­ne emo­tio­na­le Pre­mier­mi­nis­te­rin ges­tern Vor­mit­tag am Red­ner­pult vor ih­rem Amts­sitz in der Dow­ning Street und be­zeich­ne­te die ver­gan­ge­nen knapp drei Jah­re als „Eh­re mei­nes Le­bens“.

Dann dreh­te sich The­re­sa May um und ver­schwand hin­ter der be­rühm­ten, schwar­zen Tür mit der Num­mer 10. Zu­vor hat­te die bri­ti­sche Re­gie­rungs­che­fin ih­ren Rück­tritt an­ge­kün­digt. Am 7. Ju­ni wer­de sie ih­ren Pos­ten als Vor­sit­zen­de der kon­ser­va­ti­ven Par­tei räu­men.

Sie wird in die bri­ti­schen Ge­schichts­bü­cher als Pre­mier­mi­nis­te­rin ein­ge­hen, die mit dem Ziel an­trat, den Br­ex­it um­zu­set­zen – und da­mit voll­ends und selbst­ver­schul­det schei­ter­te. Das Land ist tief ge­spal­ten, der EU-Aus­tritt bleibt un­voll­endet. Ei­nen Kon­sens kön­ne es je­doch le­dig­lich ge­ben, wenn al­le Sei­ten zum Ein­len­ken be­reit sei­en, sag­te sie in ih­rem State­ment. „Kom­pro­miss ist kein schmut­zi­ges Wort, das Le­ben hängt da­von ab.“

May ließ aus, dass sie es jah­re­lang selbst ver­säum­te, das Par­la­ment hin­ter ei­nem Vor­schlag zu ei­nen und Bünd­nis­se zu schmie­den. Viel­mehr schien es oft so, als wähn­te sie sich noch im­mer auf dem Hö­he­punkt der Macht, auf dem sie da­mals, am 13. Ju­li 2016, stand – nur we­ni­ge Wo­chen nach dem schick­sals­haf­ten Re­fe­ren­dum, in­fol­ge­des­sen Da­vid Ca­me­ron zu­rück­ge­tre­ten war. The­re­sa May setz­te sich in je­nen tur­bu­len­ten Wo­chen durch. Und mach­te dann, oh­ne Not, ei­nen Feh­ler nach dem an­de­ren.

Als ihr größ­ter gilt, 2017 Neu­wah­len aus­ge­ru­fen zu ha­ben, um die ab­so­lu­te Mehr­heit aus­zu­bau­en. Nach ei­nem ka­ta­stro­pha­len Wahl­kampf stand sie je­doch plötz­lich mit ei­ner Min­der­heits­re­gie­rung und zu­tiefst ge­schwächt da. Zu ih­rem Ver­häng­nis wur­de au­ßer­dem ih­re Ob­ses­si­on, die Hard­li­ner in den ei­ge­nen To­ry-Rei­hen be­frie­di­gen zu wol­len. Die aber ent­pupp­ten sich als Rau­pe Nim­mer­satt, wäh­rend May die mo­de­ra­ten Kräf­te mit ih­rem har­ten Br­ex­it-Kurs ab­schreck­te. Der zwi­schen Lon­don und Brüs­sel aus­ge­han­del­te De­al fiel auch des­halb gleich drei­mal kraBit­te­rer Ab­gang: The­re­sa May nach ih­rer Rück­tritts­an­kün­di­gung. chend durch das Par­la­ment, der Br­ex­it-Ter­min muss­te be­reits zwei­mal ver­scho­ben wer­den.

Der jet­zi­ge Schritt kam, viel­leicht au­ßer für die 62Jäh­ri­ge selbst, kei­nes­wegs als Über­ra­schung. Der Druck auf die an­ge­zähl­te Re­gie­rungs­che­fin nahm in den ver­gan­ge­nen Ta­gen mas­siv zu, nach­dem sie am Mitt­woch ih­ren Zehn­punk­te­plan als Kom­pro­miss­vor­schlag prä­sen­tiert hat­te, der un­ter an­de­rem die Mög­lich­keit zu ei­nem Re­fe­ren­dum über das Aus­tritts­ab­kom­men vor­sah. Die Re­ak­tio­nen fie­len ver­nich­tend aus, und dies­mal nicht nur bei der Op­po­si­ti­on.

Die Kri­tik pras­sel­te von al­len Sei­ten auf die Par­tei­vor­sit­zen­de ein – ob von den ra­di­ka­len Eu­ro­pa­skep­ti­kern, den EU-Freun­den oder ehe­mals loya­len Un­ter­stüt­zern. Am Mitt­woch­abend dann gab die Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de Andrea Lead­som ih­ren Pos­ten auf, wo­mit die Zahl der ehe­ma­li­gen Mi­nis­ter und Staats­se­kre­tä­re un­ter Mays knapp drei­jäh­ri­ger Amts­zeit auf 36 stieg. Be­drängt, iso­liert und macht­los ver­schanz­te sich die Pre­mier­mi­nis­te­rin in der Dow­ning Street. Und tauch­te erst ges­tern nach ei­nem Tref­fen mit dem Chef der Hin­ter­bänk­ler wie­der auf.

Es dau­er­te nicht lan­ge, bis sich der Op­po­si­ti­ons­füh­rer, La­bour-Chef Je­re­my Cor­byn, zu Wort mel­de­te und Neu­wah­len for­der­te. Dass La­bour selbst heil­los über der Eu­ro­pa­fra­ge zer­strit­ten ist, ließ er selbst­re­dend aus. Wäh­rend die Mehr­heit sei­ner Par­tei ein zwei­tes Br­ex­it-Re­fe­ren­dum wünscht, win­det sich Cor­byn seit Mo­na­ten. Man müs­se viel­mehr via Par­la­ments­wahl „das Volk über die Zu­kunft un­se­res Lan­des ent­schei­den las­sen“, sag­te er.

Der­weil brin­gen sich kon­ser­va­ti­ve Kan­di­da­ten für Mays Nach­fol­ge in Stel­lung. Die größ­ten Chan­cen wer­den der­zeit Ex-Au­ßen­mi­nis­ter Bo­ris John­son ein­ge­räumt, laut­star­ker Br­ex­it-Wort­füh­rer und Un­ru­he­stif­ter der ers­ten St­un­de. Er müss­te aber vor der Ab­stim­mung von der Frak­ti­on als ei­ner von zwei Be­wer­bern be­stimmt wer­den. Un­ter den an­de­ren mög­li­chen Kan­di­da­ten be­fin­den sich al­te Be­kann­te wie auch neue Ge­sich­ter. So wird er­war­tet, dass Ex-Br­ex­it-Mi­nis­ter Do­mi­nic Ra­ab, Um­welt­mi­nis­ter Micha­el Go­ve, Au­ßen­mi­nis­ter Je­re­my Hunt, In­nen­mi­nis­ter Sa­jid Ja­vid und Ent­wick­lungs­hil­fe­mi­nis­ter Ro­ry Ste­wart ih­re Chan­ce ge­kom­men se­hen. Dem Kö­nig­reich steht, wie­der ein­mal, ein hei­ßer Som­mer be­vor. Und da­mit ist nicht das Wet­ter ge­meint.

Fo­to: AFP/Da­ni­el Le­al-Oli­vas

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