Vom Akt bis zum Zep­pe­lin

In der Wei­ma­rer Re­pu­blik wird die Fo­to­gra­fie zum er­schwing­li­chen Hob­by

Bersenbrucker Kreisblatt - - KULTUR - Von Al­mut Hüls­mey­er

OS­NA­BRÜCK Ge­wal­tig wirkt der über 230 Me­ter lan­ge Zep­pe­lin „L.Z. 127“mit sei­nen aus­la­den­den Hö­hen­und Sei­ten­ru­dern. Dut­zen­de Men­schen in Win­ter­klei­dung um­rin­gen das Luft­schiff, das auf ei­nem Feld vor Ber­lin ge­lan­det ist. Zu ih­nen ge­hört auch ein Ber­li­ner Di­plom­in­ge­nieur, der die­ses Er­eig­nis 1928 mit sei­ner Ka­me­ra fest­hält. Sei­ne Auf­nah­me klebt er spä­ter in ein Al­bum und no­tiert da­ne­ben Auf­nah­me­da­tum und -ort, Blen­de und Be­lich­tungs­zeit.

Der Ber­li­ner In­ge­nieur ist En­de der 20er-Jah­re ei­ner von et­wa 1,9 Mil­lio­nen Deut­schen, die ei­ne Ka­me­ra be­sit­zen und das Fo­to­gra­fie­ren zu ih­rem Hob­by ge­macht ha­ben. Um die Jahr­hun­dert­wen­de ist das pri­va­te Fo­to­gra­fie­ren für vie­le zu­nächst noch ein un­er­reich­ba­rer Lu­xus. Für ei­ne Fo­to­aus­rüs­tung müss­te ein ein­fa­cher An­geDer Zep­pe­lin „Z.R. 3“über­fliegt 1924 Ber­lin. stell­ter ei­nen gan­zen Mo­nats­lohn auf­wen­den. Auch nach dem Ers­ten Welt­krieg und in den fol­gen­den In­fla­ti­ons­jah­ren kön­nen sich vie­le Men­schen kei­ne Ka­me­ra leis­ten. „Es sind vor al­lem die bür­ger­li­chen Schich­ten, die fo­to­gra­fie­ren. Dar­un­ter auch vie­le Frau­en“, sagt Ul­rich Pohl­mann, der am Münch­ner Stadt­mu­se­um die Samm­lung Fo­to­gra­fie lei­tet. „ Al­ler­dings ent­steht in der Wei­ma­rer Re­pu­blik auch ei­ne Be­we­gung der Ar­bei­ter­fo­to­gra­fie, die ih­re Le­bens­wirk­lich­keit wie­der­gibt.“

Erst ab Mit­te der 20erJah­re wer­den ein­fa­che Roll­film­ka­me­ras auch für brei­te­re Be­völ­ke­rungs­schich­ten er­schwing­lich. So et­wa die Ag­fa Bil­ly für 33 Reichs­mark. Noch bil­li­ger ist die Ag­fa Box für 16 Reichs­mark, die An­fang der 30er-Jah­re so­gar schon für 4 Reichs­mark zu ha­ben ist. „Mit der Ka­me­ra konn­te man pas­sa­ble Bil­der ma­chen. Sie hat enorm zur Ver­brei­tung der Ama­teur-Fo­to­gra­fie bei­ge­tra­gen“, sagt Pohl­mann.

Auch Blitz­licht­ge­rä­te kom­men zu ei­nem nied­ri­gen Preis auf den Markt und ma­chen Auf­nah­men in den ei­ge­nen vier Wän­den mög­lich. Bil­der von Fa­mi­li­en­fei­ern oder der Woh­nungs­ein­rich­tung fin­den sich nun häu­fi­ger in pri­va­ten Al­ben. Auch Akt­fo­tos des Part­ners wer­den auf­ge­nom­men. Au­ßer­dem ge­hö­ren Rei­se­er­in­ne­run­gen und Bil­der tech­ni­scher Er­run­gen­schaf­ten wie Ra­dio, Au­to oder eben der Zep­pe­lin zum Mo­tiv­ka­non. „Was fehlt, sind Auf­nah­men vom Ar­beits­all­tag. Es gibt kaum Bil­der von der Werk­bank oder aus dem Bü­ro“, sagt Pohl­mann.

Doch nicht al­le Hob­by­fo­to­gra­fen lich­ten in ers­ter Li­nie ihr di­rek­tes Um­feld ab. „Wäh­rend die so­ge­nann­ten Knip­ser le­bens­ge­schicht­li­che Er­eig­nis­se do­ku­men­tie­ren, ori­en­tie­ren sich die am­bi­tio­nier­ten Ama­teu­re an den Leis­tun­gen der Be­rufs­fo­to­gra­fen. Sie ha­ben durch­aus ei­nen künst­le­ri­schen An­spruch“, sagt Pohl­mann. Die Ama­teu­re ex­pe­ri­men­tie­ren mit der Ka­me­ra. Sie wäh­len ex­tre­me Aus­schnit­te, ge­kipp­te Per­spek­ti­ven und ar­bei­ten mit Fo­to­mon­ta­gen. „Bau­ten wie et­wa ein Te­le­gra­fen­mast wer­den in der stei­len Auf- oder Un­ter­sicht fo­to­gra­fiert. Man in­sze­niert Still­le­ben nicht mehr klas­sisch, son­dern reiht Ob­jek­te an­ein­an­der und dy­na­mi­siert sie.“Die­se Art des Fo­to­gra­fie­rens gilt als Neu­es Se­hen und prägt die Ar­bei­ten der Bau­haus-Ver­tre­ter wie Lu­cia Mo­h­oly und Lász­ló Mo­h­olyNa­gy. „ An die­ser Avant­gar­de ori­en­tiert sich ein Teil der Ama­teu­re. Vie­le von ih­nen hän­gen aber nach wie vor der Leit-Idee des schö­nen Bil­des an. Be­lieb­te Mo­ti­ve sind Land­schaf­ten oder das Spiel von Licht und Schat­ten“, sagt Pohl­mann.

Ge­mein­sam ist al­len Ama­teu­ren, dass sie mit ih­ren Ar­bei­ten wahr­ge­nom­men wer­den wol­len. Sie or­ga­ni­sie­ren sich in zahl­rei­chen Ver­ei­nen. Dort tau­schen sie sich aus und ver­an­stal­ten Vor­trä­ge und Aus­stel­lun­gen der ei­ge­nen Ar­bei­ten. Ne­ben den lo­ka­len Zu­sam­men­schlüs­sen or­ga­ni­sie­ren sich die Ama­teu­re aber auch auf na­tio­na­ler Ebe­ne wie im Ver­band Deut­scher Ama­teur­fo­to­gra­fen-Ver­ei­ne. Er ist als Deut­scher Ver­band für Fo­to­gra­fie bis heu­te die Da­ch­or­ga­ni­sa­ti­on der Ama­teur-Fo­to­gra­fen.

Fo­to: im­a­go images/Uni­ted Ar­chi­ves In­ter­na­tio­nal

Be­lieb­tes Fo­to-Mo­tiv in den 20er-Jah­ren:

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