„Ich ha­be kei­nen Bock auf ei­nen Plan B“

Die Ge­win­ne­rin der Gol­de­nen Ka­me­ra, Mi­le­na Tscharnt­ke, über die Preis­ver­lei­hung und ih­re Lei­den­schaft, vor der Ka­me­ra zu ste­hen

Bersenbrucker Kreisblatt - - KULTUR - Von Man­fred Er­tel

HAM­BURG Auf dem Tisch vor ihr liegt ein di­ckes Dreh­buch, als Mi­le­na Tscharnt­ke in ih­rem Lieb­lings­ca­fé „De­li­ce“in Ham­burg-Eims­büt­tel zum Ge­spräch emp­fängt. Sie lernt ih­re nächs­te Rol­le für ein Pro­jekt des Strea­m­in­gPor­tals Net­flix, mehr darf sie dar­über noch nicht ver­ra­ten. Statt­des­sen er­zählt sie über die Gol­de­ne Ka­me­ra und ihr Ver­hält­nis zur Schau­spie­le­rei.

Träumt man als jun­ge Schau­spie­le­rin da­von, ei­ne Aus­zeich­nung wie die Gol­de­ne Ka­me­ra zu be­kom­men?

Ich ha­be ehr­lich ge­sagt nie dar­über nach­ge­dacht und mir ei­nen Preis er­hofft oder er­träumt. Sonst hät­te ich viel­leicht mal abends im Bett über­legt, was man in so ei­nem Fall dann in ei­ner Dan­kes­re­de sa­gen wür­de. Mir ging’s und mir geht’s auch nicht dar­um, ir­gend­wel­che tol­len Prei­se zu ge­win­nen. So­bald man ein tol­les Pro­jekt hat, geht es al­lein um das Pro­jekt, da schwingt nicht im Hin­ter­grund mit, dass man da­für viel­leicht ei­ne Aus­zeich­nung be­kom­men könn­te, über­haupt gar nicht.

Wie schwer ist es als jun­ge Frau, in ei­nem Fern­seh­film wie „Al­les Isy“ein Ver­ge­wal­ti­gungs­op­fer zu spie­len?

Für mich war die Rol­le bis jetzt die größ­te spie­le­ri­sche Her­aus­for­de­rung, ge­ra­de weil das The­ma so sen­si­bel, aber auch gleich­zei­tig so wich­tig ist. Auch in Zei­ten von „#Me Too“, wo Gott sei Dank im­mer mehr über se­xu­el­le Ge­walt ge­spro­chen wird. Ist es im­mer noch ein The­ma, bei dem so viel Schwei­gen herrscht. Ge­ra­de im nächs­ten per­sön­li­chen Um­feld, wo sol­che Über­grif­fe am meis­ten statt­fin­den, in der Fa­mi­lie, un­ter Freun­den, wird das so oft tot­ge­schwie­gen. Mir war im­mer be­wusst, wie wich­tig das The­ma ist, und die gro­ße Her­aus­for­de­rung war, das rea­lis­tisch dar­zu­stel­len und nicht ir­gend­was zu er­zäh­len, was nicht re­al ist.

Wie ha­ben Sie sich auf die­se Rol­le vor­be­rei­tet?

Ich ha­be mich in­ten­siv rein­ge­le­sen in das The­ma und mit vie­len Frau­en ge­spro­chen. Es sind schon vor der Pro­duk­ti­on vie­le Frau­en auf mich zu­ge­kom­men, die mir ih­re Ge­schich­te er­zählt ha­ben. Die Vor­ar­beit mit dem Re­gis­seur und dem Dreh­buch­au­tor war sehr in­ten­siv, mir war wich­tig, of­fe­ne Fra­gen für mich zu klä­ren. Dann hat­ten wir zwei Pro­ben­wo­chen­en­den mit dem gan­zen jun­gen Team, be­vor wir an­ge­fan­gen ha­ben zu dre­hen, um die Spiel­part­ner ken­nen­zu­ler­nen, da­mit man sich vor der Ka­me­ra ver­traut. Das war be­son­ders wich­tig, dass wir uns am ers­ten Dreh­tag nicht als Frem­de be­geg­net sind. Mi­le­na Tscharnt­ke Ich ha­be als Kind nie den Traum ge­habt oder den Be­rufs­wunsch wäh­rend des Abiturs, mal Schau­spie­le­rin zu wer­den. Das kam in mir al­les ganz na­tür­lich. Ich ha­be schon früh an­ge­fan­gen zu spie­len, seit ich acht Jah­re alt war, ste­he ich vor der Ka­me­ra. Nach dem Abi war mir dann klar, ir­gend­wie kann ich mir nichts an­de­res vor­stel­len. Es gibt nichts, wo ich je­den Tag auf­wa­che und den­ke, dass es mich mehr in­ter­es­siert. Mit der Zeit ist mir na­tür­lich schon be­wusst, das ist mein Be­ruf und ich be­zah­le da­von mei­ne Mie­te. Aber mir ging es im­mer um tol­le Ge­schich­ten und dar­um, Freu­de am Spiel zu ha­ben, und nicht so sehr um den Ti­tel.

Sind Sie ein Na­tur­ta­lent?

Weiß ich gar nicht. Ich ha­be so früh an­ge­fan­gen vor der Ka­me­ra, dass die Zeit seit­dem mei­ne Aus­bil­dung war und mei­ne Lern­pha­se. Au­ßer­dem lernt man nie aus.

Ih­re Mut­ter hat ei­ne „or­dent­li­che“Aus­bil­dung an der re­nom­mier­ten Schau­spiel­schu­le Ernst Busch in Ost-Ber­lin ab­sol­viert, be­vor sie ein Star wur­de. War das für Sie kein Vor­bild?

Ich sa­ge nie­mals nie, aber ak­tu­ell ha­be ich nicht vor, an ei­ne Schau­spiel­schu­le zu ge­hen. Ich ha­be Lust zu spie­len und zu dre­hen und jetzt ge­ra­de kei­ne Zeit, vier Jah­re an der Schau­spiel­schu­le zu ver­brin­gen (lacht). Tat­säch­lich hat­te ich am Tag der Ver­lei­hung schon ein neu­es Pro­jekt für die­ses Jahr zu­ge­sagt, des­halb bin ich ei­gent­lich aus­ge­bucht. Aber es ka­men neue An­fra­gen rein und An­ge­bo­te. Und das ist na­tür­lich toll, wenn man sich auch mal was aus­su­chen kann. Das ist ein gro­ßer Lu­xus.

Füh­len Sie sich durch die Aus­zeich­nung mehr un­ter Er­war­tungs­druck vor kom­men­den Rol­len?

Über­haupt nicht. Für mich hat der Preis nichts dar­an ver­än­dert, wie ich mei­nen Weg ge­hen wer­de. Es ist na­tür­lich ei­ne tol­le An­er­ken­nung, und ich freue mich, die Aus­zeich­nung ge­ra­de für die­se Rol­le be­kom­men zu ha­ben, die mir sehr wich­tig ist. Aber ich wer­de ge­nau­so wei­ter­ma­chen, als hät­te es den Preis nicht ge­ge­ben. Ich ha­be kei­ne Angst.

Fo­to: event­press/Gol­de­ne Ka­me­ra

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