In Corn­wall scheint im­mer die Son­ne

Hei­le Welt als Ge­gen­pro­gramm zum „Tat­ort“: Das ZDF zeigt den 150. „Ro­sa­mun­de Pil­cher“-Film

Bersenbrucker Kreisblatt - - MEDIEN / FERNSEHEN AM SAMSTAG - Von Til­mann P. Gang­loff

Am Sonn­tag zeigt das ZDF den 150. „Ro­sa­mun­de Pil­cher“-Film; seit über 25 Jah­ren er­freut das „Zwei­te“die über­wie­gend weib­li­chen Fans mit Ge­schich­ten aus Corn­wall. Das gro­ße Plus der Rei­he, sagt „Pil­cher“-Pro­du­zent Micha­el Smea­ton, ein West­fa­le mit schot­ti­schen Wur­zeln, sei die Ver­läss­lich­keit: „Pil­cherFil­me be­han­deln The­men wie Lie­be und Lei­den­schaft mit Hap­py-End-Ga­ran­tie. Am Schluss sind al­le glück­lich.“Ein wei­te­res ver­läss­li­ches Merk­mal ist der kon­se­quen­te Ver­zicht auf Sex und Ge­walt. Zur Wahr­heit ge­hört aber auch der Vor­wurf, die Fil­me sei­en „Kitsch von ges­tern“. Smea­ton weist das em­pört zu­rück: „Wir pro­du­zie­ren Lie­bes­fil­me im bes­ten Sin­ne, das ist kein Kitsch, son­dern Ro­man­tik.“Au­ßer­dem sei­en die äs­the­ti­sche Gestal­tung wie auch die Ge­schich­ten heu­te viel mo­der­ner als noch vor 25 Jah­ren.

ZDF-Re­dak­teu­rin Andrea Klin­gen­sch­mitt, die die Rei­he seit dem Start 1993 be­treut, re­agie­re auf den Vor­wurf mitt­ler­wei­le oh­ne­hin „ganz lei­den­schafts­los“, wie sie ver­si­chert. „Für uns wie auch für die Zu­schau­er ist ent­schei­dend: Wo , Ro­sa­mun­de Pil­cher‘ drauf­steht, muss auch ,Ro­sa­mun­de Pil­cher‘ drin sein.“

Dass die Ge­schich­ten nicht von ges­tern sei­en, be­le­ge zum Bei­spiel der Film „Die Braut mei­nes Bru­ders“, den das ZDF an­läss­lich des To­des der Schrift­stel­le­rin ge­zeigt ha­be; dar­in geht es um ei­nen ho­mo­se­xu­el­len Pro­fi­fuß­bal­ler. Zu den „ganz nor­ma­len Din­gen des Le­bens“, mit de­nen sich

Schwie­ger­töch­ter wo­hin man schaut: Ly­net­te (Ul­ri­ke Fol­kerts, Mit­te) hat ge­ra­de ih­ren Söh­nen Ro­bin (Patrick Möl­le­ken, 2. v. l.) und Patrick (Max Hem­mers­dor­fer, r.) ihr Fir­ma über­macht. Kim (Pau­la Schramm) und Ma­ri­sa (Ma­ja-Cé­li­ne Probst) ste­hen die­ser Ent­schei­dung eher mit ge­misch­ten Ge­füh­len ge­gen­über. Und nun hält Patrick auch noch um Ma­ri­sas Hand an ...

die Ge­schich­ten be­fass­ten, ge­hö­re auch das The­ma des Ju­bi­lä­ums­films „Schwie­ger­töch­ter“, der von den Kon­flik­ten zwi­schen An­hän­gern von Na­tur­kos­me­tik und Na­tur­heil­mit­teln so­wie der Schul­me­di­zin han­delt. Die po­si­ti­ven Rück­mel­dun­gen des Pu­bli­kums zeig­ten, „dass wir mit un­se­ren The­men auf dem rich­ti­gen Weg sind. Sonst wür­den wir auch kei­ne neu­en Zu­schau­er da­zu­ge­win­nen.“

Ger­hard Bliers­bach hat ei­nen ganz an­de­ren Blick auf die Rei­he. Der Di­plom-Psy­cho­lo­ge hat vor ei­ni­gen Jah­ren ein hoch­in­ter­es­san­tes Buch über die Psy­ch­o­his­to­rie des west­deut­schen Nach­kriegs­films ge­schrie­ben („Nach­kriegs­ki­no“, Psy­cho­so­zi­al-Ver­lag). Er sieht über­ra­schen­de Par­al­le­len zu den schwarz-wei­ßen Ed­gar-Wal­lace-Kri­mis der Sech­zi­ger­jah­re. Bei­de Gen­res nutz­ten

Groß­bri­tan­ni­en als Pro­jek­ti­ons­flä­che: „Die Wal­lace-Fil­me ha­ben die ver­bre­che­ri­schen Ab­grün­de der jun­gen Bun­des­re­pu­blik auf ein un­ver­fäng­li­ches Ter­rain trans­po­niert, um von der Kehr­sei­te des Wirt­schafts­wun­ders er­zäh­len zu kön­nen.“Auf ganz ähn­li­che Wei­se er­fol­ge nun ei­ne Trans­po­si­ti­on der Hoff­nun­gen und Träu­me auf die bri­ti­sche In­sel. Die­ses „Lieb­äu­geln mit frem­dem Reich­tum“und der Sehn

sucht nach ei­ner hei­len Welt er­füllt für den Psy­cho­the­ra­peu­ten die glei­chen Be­dürf­nis­se wie die Hei­mat­fil­me der Fünf­zi­ger­jah­re und passt aus sei­ner Sicht „zu un­se­rer Zeit ei­nes tie­fen Un­be­ha­gens an den de­mo­kra­ti­schen Ver­hält­nis­sen.“

Bliers­bach be­zeich­net die gern mit ei­ner Ver­söh­nung zwi­schen zer­strit­te­nen Fa­mi­li­en­mit­glie­dern en­den­den Hei­mat­fil­me als Gen­re des

„Re­pa­ra­tur­films“. Die glei­chen Mecha­nis­men sieht er bei den Pil­cher-Fil­men: Auch hier re­sul­tie­ren die Aus­ein­an­der­set­zun­gen aus emo­tio­na­len Kri­sen, aber am En­de gin­gen die fa­mi­liä­ren Bin­dun­gen um­so stär­ker aus den Kon­flik­ten her­vor; für Bliers­bach ist das „ei­ne Bot­schaft von ges­tern“. Ei­ne zwei­te Par­al­le­le zu den Wal­lace-Kri­mis ist al­ler­dings noch ver­blüf­fen­der. In sei­nem Buch über das Nach­kriegs­ki­no be­schreibt Bliers­bach die „mör­de­ri­sche Dy­na­mik mäch­ti­ger fa­mi­liä­rer, häu­fig müt­ter­li­cher Bin­dun­gen“. Die­ses Ele­ment zieht sich auch durch die Pil­cherFil­me, wenn­gleich selbst­re­dend oh­ne die mör­de­ri­sche Kom­po­nen­te: Die Müt­ter spie­len in auf­fäl­lig vie­len Ge­schich­ten ei­ne do­mi­nan­te und oft­mals ne­ga­ti­ve Rol­le; auch im Ju­bi­lä­ums­film mit Ul­ri­ke Fol­kerts.

Die Pil­cher-Freun­din­nen wer­den der Rei­he trotz­dem die Treue hal­ten, zu­mal das Pu­bli­kum nach­wächst; laut Smea­ton gibt es mitt­ler­wei­le vie­le Zu­schaue­rin­nen um die vier­zig, die noch vor zehn Jah­ren ei­nen gro­ßen Bo­gen um die Fil­me ge­macht hät­ten. Die­se Be­geis­te­rung ist al­ler­dings ein vor­wie­gend deut­sches Phä­no­men. Der Pro­du­zent be­rich­tet, im Som­mer wür­den „gan­ze Bus­la­dun­gen mit deut­schen Tou­ris­ten durch Corn­wall ge­karrt, die sind dort ein ech­ter Wirt­schafts­fak­tor“. Die En­g­län­der ver­stün­den das nur be­dingt, „denn un­se­re Fil­me ha­ben na­tür­lich nicht viel mit der eng­li­schen Rea­li­tät zu tun“.

Die Fans, ver­si­chert er, bräuch­ten sich auch nach dem Tod der Schrift­stel­le­rin kei­ne Sor­gen um den Fort­be­stand der Rei­he zu ma­chen: „Ro­sa­mun­de Pil­cher hat ei­ne enor­me An­zahl von Kurz­ge­schich­ten ver­fasst, auch schon lan­ge vor ih­rem Durch­bruch. Vie­le sind in eng­li­schen Frau­en­zeit­schrif­ten er­schie­nen, aber vie­le sind noch un­ver­öf­fent­licht“– und die Film­rech­te lie­gen al­le bei Smea­tons Pro­duk­ti­ons­fir­ma FFP New Me­dia.

ZDF Herz­ki­no: Schwie­ger­töch­ter. Sonn­tag, 20.15 Uhr,

Fo­to: ZDF/Jon Ai­les

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