Der dop­pel­te Leit­mayr

„Die ewi­ge Wel­le“: Der neue Tat­ort aus Mün­chen ist ganz schön schräg

Bersenbrucker Kreisblatt - - MEDIEN / FERNSEHEN AM SONNTAG - Von Joa­chim Schmitz der­lich).

Drei nack­te Kör­per, die sich um­schlin­gen. Zwei jun­ge Män­ner, ei­ne Frau. An ei­nem Strand. In Por­tu­gal. 1984. Ei­ner der bei­den jun­gen Män­ner sieht aus wie der Münch­ner Tat­ort-Kom­mis­sar Franz Leit­mayr in längst ver­gan­ge­nen Jah­ren. Als er die Frau in den Arm nimmt und küsst, stürmt der an­de­re mit ent­täusch­tem Blick und sei­nem Surf­brett un­term Arm ins Meer. Bil­der, die so tief in Pa­ti­na ge­taucht sind, dass man mei­nen könn­te, sie sei­en kurz nach der Er­fin­dung der Ka­me­ra ent­stan­den.

Ge­ra­de noch ist der Tat­or­tVor­spann ge­lau­fen, und schon hat man das Ge­fühl, auf ei­nem an­de­ren Ka­nal im fal­schen Film zu sein. Doch dann folgt der Schnitt. Gesto­chen schar­fe Bil­der neh­men das Mo­tiv des Surf­bretts auf und las­sen den Film nach Mün­chen sprin­gen. In den Eng­li­schen Gar­ten zur be­rühm­ten Eis­bach­wel­le, an der sich seit Jahr­zehn­ten die Sur­fer in ihr Ele­ment stür­zen.

Sie ist die ti­tel­ge­ben­de „ewi­ge Wel­le“. Und für die Dreh­buch­au­to­ren Alex Bu­resch und Mat­thi­as Pacht auch „ein Bild für den Traum von Frei­heit mit­ten in ei­ner deut­schen Groß­stadt“. Gleich­zei­tig – so die bei­den – sei da die Ab­sur­di­tät ei­ner ste­hen­den Wel­le: „ Al­les ist in Be­we­gung, und trotz­dem kommt nichts vom Fleck.“

Da­mit ist sie auch ein Sinn­bild für den grau ge­wor­de­nen Alt­freak Mi­kesch Sei­fert (Andre­as Lust), der zu­sam­men mit an­de­ren, die sei­ne Söh­ne und Töch­ter sein könn­ten, auf der Wel­le surft.

Aus Alt mach Jung: Udo Wacht­veitl als Münch­ner Kri­mi­nal­haupt­kom­mis­sar Franz Leit­mayr trifft auf sein jün­ge­res Ich (Sö­ren Wun­Je­nen Ty­pen, der vor 35 Jah­ren mit sei­nem Surf­brett in den At­lan­tik bei Na­za­ré lief, als sein Kum­pel Leit­mayr zu knut­schen be­gann.

Nach ei­nem nächt­li­chen Ritt auf der Wel­le ist Sei­fert auf dem Heim­weg, als er von ei­nem ab­ge­ris­se­nen Rad­ler über­fal­len wird, der of­fen­bar ei­ne ganz be­stimm­te Beu­te bei ihm er­war­tet: „Hein­rich sagt, du hast was.“Als die Ran­ge­lei es­ka­liert, flie­gen Me­di­ka­men­ten­schach­teln aus Sei­ferts Ruck­sack, auf die

es der Ka­pu­zen­mann of­fen­bar ab­ge­se­hen hat. So sehr, dass er den Sur­fer schließ­lich nie­der­sticht.

Und so kommt es zum Zu­sam­men­tref­fen der al­ten Freun­de, die sich vor 35 Jah­ren aus den Au­gen ver­lo­ren ha­ben: Sei­fert als Op­fer ei­nes Ge­walt­ver­bre­chens und Leit­mayr (Udo Wacht­veitl) als der Kom­mis­sar, der zu­sam­men mit sei­nem Part­ner Ivo Ba­tic (Mi­ros­lav Ne­mec) in dem Fall er­mit­telt. Von Wie­der­se­hens­freu­de al­ler­dings kann kaum die Re­de sein, denn statt mit den Kom­mis­sa­ren zu ko­ope­rie­ren, flüch­tet Mi­kesch Sei­fert trotz sei­ner le­bens­be­droh­li­chen Ver­let­zung aus dem Kran­ken­haus. Er hat Wich­ti­ge­res zu tun, als sich mit Hei­lungs­pro­zess und Ver­bre­chens­auf­klä­rung zu be­schäf­ti­gen.

Tat­ort-Rou­ti­nier Andre­as Klei­nert er­zählt in sei­nem jüngs­ten Film die Ge­schich­te zwei­er Ju­gend­freun­de, die sich un­ter­schied­li­cher kaum ent­wi­ckeln konn­ten. Der ei­ne ent­schied sich für die bür­ger­li­che Le­bens­li­nie, ging zur Po­li­zei und ist in de­ren Di­enst grau ge­wor­den. Der an­de­re hat den Traum von der gro­ßen Frei­heit und dem „ Al­les geht“nie auf­ge­ge­ben und schei­tert doch im­mer wie­der.

In die­ser Rol­le gibt Andre­as Lust ein­mal mehr ei­ne Kost­pro­be sei­nes vor­züg­li­chen Kön­nens. Sie ist der nicht un­ähn­lich, in der er An­fang März im Schwarz­wal­dTat­ort „Für im­mer und Dich“ glänz­te: Da­mals war der 52jäh­ri­ge Ös­ter­rei­cher als ein Mann zu se­hen, der mit ei­ner 15-Jäh­ri­gen quer durch Eu­ro­pa reist und ihr sei­ne Vor­stel­lun­gen von Lie­be und Frei­heit auf­zwingt.

So gut wie „Für im­mer und Dich“ist „Die ewi­ge Wel­le“aber trotz Lusts neu­er­li­cher Glanz­vor­stel­lung nicht. Denn mit zu­neh­men­der Spiel­zeit wird der Münch­ner Tat­ort im­mer schrä­ger und un­ent­schlos­se­ner. Als Kri­mi eher mä­ßig, als Rühr­stück durch­wach­sen, ver­sucht er sich zeit­wei­se an kla­mau­ki­gen Pas­sa­gen, in de­nen man sich fra­gen kann: Ist das noch Mün­chen oder schon Müns­ter? Und so dep­pert wie sich Leit­mayr stel­len­wei­se an­stellt, ha­ben wir ihn in sei­nen bis­lang 80-Tat­ort-Auf­trit­ten noch nicht ge­se­hen.

Durch­aus ge­lun­gen, wenn auch nicht un­be­dingt glaub­wür­dig, sind die Aus­flü­ge in Leit­mayrs Hip­pie-Ver­gan­gen­heit mit Jo­ints und frei­er Lie­be am por­tu­gie­si­schen At­lan­tik­strand. In den re­gel­mä­ßi­gen Rück­blen­den wird der jun­ge Leit­mayr von Sö­ren Wun­der­lich dar­ge­stellt, der zwar auch schon 40 ist, aber deut­lich jün­ger wirkt. Für den Mann, der sei­ne Ga­gen vor­wie­gend am Thea­ter in Bonn ver­dient, war es ein net­ter Aus­flug in sei­nen Lieb­lings­Tat­ort – da­für hat er sich gern von den blau­en Kon­takt­lin­sen ner­ven las­sen, die er vor je­der Sze­ne in die Au­gen drü­cken muss­te.

We­gen der Be­richt­er­stat­tung über die Eu­ro­pa­wahl be­ginnt die­ser Tat­ort üb­ri­gens fünf Mi­nu­ten spä­ter als üb­lich.

Tat­ort: Die ewi­ge Wel­le. Das Ers­te, Sonn­tag, 20.25 Uhr.

Fo­to: BR/Wie­de­mann & Berg Te­le­vi­si­on Gm­bH & Co. KG/Hen­drik Hei­den

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