„Re­zo hat mit Kli­schees ge­bro­chen“

Di­gi­tal­ex­per­tin Weis­band sieht kei­nen Po­pu­lis­mus und er­war­tet Po­lit-Batt­les bei Youtube

Bersenbrucker Kreisblatt - - VORDERSEIT­E - Von Burk­hard Ewert

Der mit dem Vi­deo „Zer­stö­rung der CDU“er­folg­rei­che Youtu­ber Re­zo hat mit Un­ter­stüt­zung an­de­rer Kol­le­gen in sei­ner Kri­tik an Uni­on und SPD nach­ge­legt. In ei­nem von mehr als 70 Youtubern un­ter­zeich­ne­ten Bei­trag for­dern die Un­ter­zeich­ner, bei der Eu­ro­pa­wahl we­der CDU und CSU noch SPD oder AfD we­gen ei­ner an­geb­lich kli­ma­feind­li­chen Po­li­tik zu wäh­len.

Ex-Ver­fas­sungs­schutz­prä­si­dent und CDU-Mit­glied Han­sGe­org Maa­ßen sieht das Re­zoVi­deo als Be­leg für die Ab­ge­ho­ben­heit der gro­ßen Par­tei­en. Auf die Fra­ge, ob die CDU den Kon­takt zu jun­gen Wäh­lern ver­lo­ren ha­be, ant­wor­te­te Maa­ßen: „Nicht nur die CDU, vor al­lem die SPD. Und nicht nur zu jun­gen Wäh­lern, son­dern zu vie­len Be­völ­ke­rungs­grup­pen.“Maa­ßen kri­ti­sier­te: „Wenn Be­rufs­po­li­ti­ker und Funk­tio­nä­re im po­li­ti­schen Bio­top des Ber­li­ner Re­gie­rungs­vier­tels le­ben, be­steht die Ge­fahr, dass sie so ab­ge­ho­ben sind, dass sie das Le­ben der nor­ma­len Men­schen nur noch ver­zerrt wahr­neh­men.“

„Re­zo hat meh­re­re Din­ge ge­schafft. Er hat mit dem Kli­schee ge­bro­chen, dass die Ju­gend ei­ne un­fass­bar kur­ze Auf­merk­sam­keits­span­ne hat und nicht fä­hig ist, sich in kom­ple­xe The­men ein­zu­ar­bei­ten“, sag­te Ma­ri­na Weis­band, Ak­ti­vis­tin und ehe­ma­li­ges Bun­des­vor­stands­mit­glied der Pi­ra­ten­par­tei, im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on. „Er hat ei­ne St­un­de lang mit Qu­el­len un­ter­leg­te Meinung for­mu­liert. Er hat in kur­zer Zeit sehr viel ge­sagt. Das ist das Ge­gen­teil des vor­herr­schen­den po­li­ti­schen Stils, in mög­lichst viel Zeit mög­lichst we­nig zu sa­gen. “

OS­NA­BRÜCK Die Di­gi­ta­lund Par­ti­zi­pa­ti­ons­ex­per­tin Ma­ri­na Weis­band er­war­tet, dass das kri­ti­sche Po­lit-Vi­deo des Youtubers Re­zo kein Ein­zel­fall bleibt. Im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on er­klärt die frü­he­re Ge­schäfts­füh­re­rin der Pi­ra­ten­par­tei, war­um sie ei­nen neu­en Trend in der po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung sieht.

Frau Weis­band, der Youtu­ber Re­zo hat ei­ne Schimpf­ti­ra­de auf die CDU on­li­ne ge­stellt und er­zielt da­mit mehr Auf­ru­fe als ei­ne durch­schnitt­li­che Aus­ga­be der „Ta­ges­schau“. Was hat er ge­macht? In­for­mie­ren­den Jour­na­lis­mus, po­li­ti­sche Ak­ti­vie­rung oder ideo­lo­gi­sche Dem­ago­gie?

Das Vi­deo ist erst mal ein Teil von De­bat­te. Re­zo hat auch kei­ne Schimpf­ti­ra­de ein­ge­stellt. Was er ge­sagt hat, war fun­dier­ter und ak­ku­ra­ter als das, was wir oft­mals in öf­fent­lich-recht­li­chen Talk­shows von Be­rufs­po­li­ti­kern je­der Cou­leur hö­ren.

Sie ha­ben ge­lobt, Re­zo ha­be maß­geb­lich zur Ak­ti­vie­rung ei­ner jun­gen Ge­ne­ra­ti­on für Po­li­tik bei­ge­tra­gen. Aber zugleich be­schimpft er Po­li­ti­ker ei­ni­ger­ma­ßen pau­schal als un­fä­hi­ge Lüg­ner. Schürt er so nicht eher Po­li­tik­ver­ach­tung und be­treibt Po­pu­lis­mus?

Re­zo hat ei­ne Meinung vor­ge­tra­gen, die wie die ei­nes je­des an­de­ren von Über­zeu­gung und Ideo­lo­gie ge­prägt ist. Je­der po­li­ti­sche Kom­men­tar, je­der Fern­seh­auf­tritt ei­nes Po­li­ti­kers fin­det vor die­sem Hin­ter­grund statt. Bei Re­zo ist der Hin­ter­grund, dass er ger­ne noch in 50 Jah­ren in Ge­sund­heit und Frie­den auf die­ser Er­de le­ben will. Das ist kein un­be­rech­tig­tes An­lie­gen. Ich ver­ste­he nicht, wenn in die­sem Kon­text von Agi­ta­ti­on und Po­pu­lis­mus ge­spro­chen wird.

Re­zo wur­de ge­fei­ert da­für, Fak­ten ge­sam­melt und Qu­el­len ge­nannt zu ha­ben. Au­ßer­halb von Youtube kennt man die­se Ar­beits­wei­se be­reits et­was län­ger. Was macht sei­ne Leis­tung zu ei­ner be­son­de­ren?

Re­zo hat meh­re­re Din­ge ge­schafft. Er hat mit dem Kli­schee ge­bro­chen, dass die Ju­gend ei­ne un­fass­bar kur­ze Auf­merk­sam­keits­span­ne hat und nicht fä­hig ist, sich in kom­ple­xe The­men ein­zu­ar­bei­ten. Er hat ei­ne St­un­de lang mit Qu­el­len un­ter­leg­te Meinung for­mu­liert. Er ist vi­ral da­mit ge­gan­gen, hat al­so im­mens vie­le Men­schen da­zu ani­miert, sei­nen Bei­trag wei­ter­zu­ver­brei­ten. Und er hat in kur­zer Zeit sehr viel ge­sagt. Das ist das Ge­gen­teil des vor­herr­schen­den po­li­ti­schen Stils, in mög­lichst viel Zeit mög­lichst we­nig zu sa­gen.

Sie be­ra­ten Schu­len in Pro­jek­ten zur po­li­ti­schen Par­ti­zi­pa­ti­on. Wä­re Re­zo ein gu­ter Un­ter­richts­stoff ?

Oh, er wird be­reits in Schu­len ge­zeigt und zum An­lass ge­nom­men, über Po­li­tik zu re­den: Wo er recht hat, wo er nicht recht hat, wo er über­treibt. Das fin­de ich groß­ar­tig. Ich ver­wet­te üb­ri­gens mein Le­ben dar­auf, dass kaum ei­ne Schu­le die elf­sei­ti­ge PDF-Re­ak­ti­on der CDU ge­nau­so in­ten­siv be­han­delt.

Wie be­wer­ten Sie die­se Re­ak­ti­on der CDU auf Re­zo?

Ich be­wer­te sie wie ei­nen Au­to­un­fall. Ruprecht Po­lenz hat ei­nen Face­book-Kom­men­tar auf Au­gen­hö­he ge­schrie­ben und Re­zo in meh­re­ren Punk­ten zu­ge­stimmt und in an­de­ren wi­der­spro­chen, aber ist ihm da­bei re­spekt­voll be­geg­net. Jen­na Beh­rends hat es mit ei­nem Vi­deo ver­sucht und gut ge­löst. Bei­de ha­ben da­für auch Re­spekt er­fah­ren. Das Ge­gen­teil ha­be ich in der CDU-Füh­rungs­ebe­ne ge­se­hen. Ge­ne­ral­se­kre­tär Paul Zie­mi­ak hat sein PDF ver­öf­fent­licht und da­mit ei­ne Chan­ce ver­tan. Die CDU hät­te ei­ne Steil­vor­la­ge für ein ei­ge­nes Vi­deo ge­habt. Ei­ne ent­spre­chen­de Ant­wort wä­re ja zah­len­mä­ßig eben­so durch die De­cke ge­gan­gen wie Re­zo, al­le ha­ben dar­auf ge­war­tet. Statt­des­sen ka­men Ge­rüch­te auf, es sei auch ei­ne Fra­ge der in­ter­nen Macht­ba­lan­ce, wer in wel­cher Wei­se wann ant­wor­tet. Ge­gen ge­nau die­sen Po­li­tik­stil stellt sich die Ju­gend.

Hal­ten Sie das Re­zo-Vi­deo für ein sin­gu­lä­res Er­eig­nis oder den Be­ginn ei­nes Trends?

Wir se­hen ei­nen Trend. Die po­li­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung geht auf neue Ka­nä­le über. Der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stil der Po­li­tik än­dert sich, und die Par­tei­en schei­nen teil­wei­se nicht be­reit zu sein, sich dar­auf ein­zu­las­sen. In an­de­ren Be­rei­chen sind Youtube-Batt­les be­reits sehr ver­brei­tet, wenn al­so Vi­de­os ver­schie­de­ner Ak­teu­re ge­gen­sei­tig kom­men­tiert wer­den. Das ist lehr­reich und ein le­ben­di­ger Dis­kurs. Es wä­re span­nend und gut, wenn die­ses For­mat auch auf die Po­li­tik über­greift.

Was be­deu­tet es für klas­si­sche Me­di­en?

Man soll­te ehr­lich sein: Re­zo wä­re nicht an­satz­wei­se so vi­ral ge­gan­gen, wenn nicht die klas­si­schen Me­di­en in die Be­richt­er­stat­tung ein­ge­stie­gen wä­ren. So­zia­le Me­di­en und klas­si­sche Me­di­en bil­den ei­ne Sym­bio­se. Ich er­le­be das bei mir selbst: Wenn ein Tweet auch in ei­ner klas­si­schen Zei­tung zi­tiert wird, geht er wirk­lich durch die De­cke. Klas­si­sche Me­di­en ha­ben die Auf­ga­be, In­for­ma­tio­nen auf­zu­grei­fen, ein­zu­ord­nen und zu ver­brei­ten oder sie eben nicht zu ver­brei­ten. Das ha­ben sie auch bei Re­zo ge­tan: Fak­ten über­prüft, Aus­sa­gen ein­ge­schränkt und Zu­sam­men­hän­ge her­ge­stellt. Das ist die klas­si­sche Auf­ga­be klas­si­scher Me­di­en, und sie ist und bleibt wich­tig.

Ei­ne Fra­ge zum Fall Hein­zChris­ti­an Stra­che: Als Pi­ra­ten-Po­li­ti­ke­rin ha­ben Sie im­mer auch vor Miss­brauchs­mög­lich­kei­ten von Über­wa­chung ge­warnt. Chris­ti­an Wul­ff sag­te die­se Wo­che, er fürch­te ei­ne Nach­ah­mer­wel­le im po­li­ti­schen wie pri­va­ten Raum. Bei Stal­lein­brü­chen sieht man das ja be­reits im Agrar­be­reich. Ist sei­ne An­nah­me völ­lig aus der Luft ge­grif­fen? Dass der Bür­ger er­le­digt, was der Staat nicht darf ?

Herr Wul­ff sagt hier, dass es schlecht ist, dass wir er­fah­ren ha­ben, dass der Ver­rat ei­nes Lan­des statt­fand. Das ist es nicht. In je­dem an­de­ren Fall, wenn et­was nur pein­lich oder un­ge­schickt ge­we­sen wä­re, hät­te es nicht ver­öf­fent­licht wer­den dür­fen. Auch die Auf­nah­men selbst sind ge­setz­lich ver­bo­ten. Das ist be­reits so. Wann es den­noch ver­brei­tet wer­den darf, ist eben­falls ge­re­gelt.

Sinkt al­so nicht die Hemm­schwel­le durch tech­ni­sche Mög­lich­kei­ten und Vor­bil­der wie die Stra­che-Ent­hül­lung, um auch im pri­va­ten Be­reich mal ein we­nig zu spit­zeln?

Um das zu ver­hin­dern, muss im­mer klar blei­ben: Sol­che ge­hei­men Auf­nah­men an­zu­fer­ti­gen ist ver­bo­ten. Durch den Staat, durch Un­ter­neh­men, durch Pri­vat­leu­te. Die Jus­tiz muss il­le­ga­le Auf­nah­me kon­se­quent ahn­den, üb­ri­gens auch im Fall Stra­che. Der Bür­ger soll­te nicht das an Über­wa­chung über­neh­men wol­len und dür­fen, was der Staat nicht darf. Das än­dert nichts dar­an, dass in die­sem spe­zi­el­len Fall die Ver­brei­tung der il­le­gi­tim an­ge­fer­tig­ten Auf­nah­men durch die Me­di­en trotz­dem ge­recht­fer­tigt war.

Ka­ri­ka­tur: Klaus Stutt­mann

Fo­to: Ebe­ner

Ma­ri­na Weis­band

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