Mit En­g­län­dern zum Aus­wärts­spiel

Bietigheimer Zeitung - - Stuttgart - Von Jür­gen Bock

Wäh­rend des Wa­sens herrscht Aus­nah­me­zu­stand – Ta­xi­fah­rer er­zäh­len ih­re schrägs­ten Er­leb­nis­se

Was Ta­xi­fah­rer un­ter­wegs er­le­ben, könn­te gan­ze Bü­cher fül­len. Be­son­ders wäh­rend des Volks­fests pas­sie­ren teils un­glaub­li­che Ge­schich­ten. Wir ha­ben nach­ge­fragt und die bes­ten ge­sam­melt. STUTT­GART. Der Ta­xi­fah­rer am Cann­stat­ter Bahn­hof grinst. „Man soll­te auf je­de Art Mensch vor­be­rei­tet sein“, sagt der er­fah­re­ne Mann. Das gilt in sei­ner Bran­che ge­ne­rell – doch ganz be­son­ders wäh­rend des Volks­fests. Dann strö­men die Orts­un­kun­di­gen und der Al­ko­hol. Ei­ne süf­fi­ge Mi­schung, die man­chem den Wa­sen mitt­ler­wei­le ver­lei­det hat. Vie­le Tax­ler fah­ren das Volks­fest nicht mehr an. Wer es doch tut, er­lebt manch­mal Au­ßer­ge­wöhn­li­ches. „Ei­gent­lich ist das wie beim Arzt. Man schweigt“, sagt ei­ner. Da­mit die Ge­schich­ten den­noch ver­ra­ten wer­den, las­sen wir ei­ni­ge Tax­ler an­onym er­zäh­len. „Am 2. Ok­to­ber ka­men vier Män­ner zum Ta­xi­stand, die auf dem Wa­sen beim Fei­ern wa­ren. Sie frag­ten die Ta­xi­fah­rer, wer Eng­lisch spricht. Ich ha­be mich ge­mel­det. Es stell­te sich her­aus, dass es sich um Fans von Man­ches­ter City han­del­te. Sie woll­ten nach Sins­heim zum Cham­pi­ons­Le­ague­Spiel ge­gen Hof­fen­heim. Ich ha­be ih­nen ge­sagt, dass das ein Stück ist und auch ei­ne Stan­ge Geld kos­tet. Und au­ßer­dem müss­ten sie ja wie­der zu­rück­kom­men nach Ab­pfiff. Doch da­für hat­ten sie schon ei­ne Lö­sung: Sie woll­ten, dass ich sie auch wie­der nach Stutt­gart brin­ge. Für die Zeit wäh­rend des Spiels hat­ten sie vor­ge­sorgt: Sie hat­ten ei­ne Ein­tritts­kar­te für den Ta­xi­fah­rer da­bei. Al­so fuh­ren wir los.

Im Sta­di­on an­ge­kom­men, lu­den die Jungs mich zum Es­sen und Trin­ken ein. Au­ßer­dem be­sorg­ten sie mir ein Man­ches­ter­Tri­kot und ei­nen Schal. Ich stand das Spiel über qua­si als Mas­kott­chen im Block der En­g­län­der, und sie stimm­ten so­gar Fan­ge­sän­ge auf mich an. Nach un­se­rer Rück­kehr nach Stutt­gart ha­ben sie mir nicht nur die Fahrt, son­dern auch noch ei­nen Bo­nus be­zahlt. Und ei­ne Ein­la­dung auf die In­sel ha­be ich jetzt auch.“ „Am Volks­fest stieg ein Mann zu mir ins Ta­xi. Er sag­te, er wol­le nach Il­ler­tis­sen. Er füg­te noch an, das kos­te sonst ja so 25 Eu­ro, er ge­be mir aber 30. Ich war er­staunt, denn Il­ler­tis­sen liegt zwi­schen Ulm und Mem­min­gen, das sind so 120 Ki­lo­me­ter. Doch er blieb bei sei­ner Mei­nung. Als wir ei­ne Wei­le dis­ku­tiert hat­ten, frag­te er mich plötz­lich: „Wo sind wir hier denn?“Ich sag­te, na, in Stutt­gart na­tür­lich. Der Mann riss ver­wun­dert die Au­gen auf. „In Stutt­gart? Na, dann ist mir jetzt auch klar, war­um ich mein Au­to nicht ge­fun­den ha­be“, sag­te er klein­laut. Ich frag­te ihn noch, ob ich ihm ir­gend­wie hel­fen kön­ne, doch er stieg aus und ver­schwand.“ „Ein Mann, der or­dent­lich ge­zecht hat­te, kam zu mei­nem Ta­xi und woll­te nach Hau­se ge­bracht wer­den. Die Fahrt dau­er­te ei­ne Wei­le, und un­ter­wegs schlief er ein. Als wir am Ziel an­ka­men, weck­te ich ihn auf. Der Mann er­schrak zu To­de. „Wer sind Sie? Was ma­che ich in Ih­rem Au­to? Was wol­len Sie von mir?“, schrie er laut. Er glaub­te tat­säch­lich, er sei Op­fer ei­ner Ent­füh­rung ge­wor­den. Er sprang aus dem Wa­gen – und sah, dass er vor sei­ner Haus­tür stand. „Hier woh­ne ich ja“, stam­mel­te er ver­dutzt – und ver­zich­te­te dar­auf, die Po­li­zei zu ru­fen. Fast scha­de.“ „Ein­deu­ti­ge An­ge­bo­te gibt es für Ta­xi­fah­rer im­mer wie­der. Man­che Frau­en mei­nen, wenn das Geld für die Fahrt nicht mehr aus­reicht, könn­ten sie ei­nen an­de­ren Weg fin­den, um die Rechnung zu be­glei­chen. Was ich jetzt je­doch er­lebt ha­be, setzt dem Gan­zen noch eins drauf. Auf dem Wa­sen stieg ein Paar mitt­le­ren Al­ters ein, rich­tig auf­ge­bre­zelt in Tracht – und schnur­stracks war ich mit­ten­drin im schöns­ten Ehestreit. Die bei­den be­schimpf­ten sich fort­wäh­rend, wo­bei es wohl um ei­nen Flirt des Man­nes mit ei­ner Kell­ne­rin ging. Mit­ten auf der Land­stra­ße brüll­te der Mann, ihm rei­che es jetzt, und riss die Tür auf. Ich brems­te scharf und fuhr rechts ran. Er sprang aus dem Wa­gen und ver­schwand im Wald. Ich fuhr die Frau nach Hau­se. Dort stell­te sich her­aus, dass der ent­schwun­de­ne Gat­te den Haus­schlüs­sel und das Geld bei sich hat­te. Die bra­ve Ehe­frau er­zähl­te mir, das sei kein Pro­blem – sie kön­ne in der Hüt­te hin­ten im Gar­ten über­nach­ten. Und um ih­re Schuld zu be­glei­chen, sei dort für mich auch noch ein Plätz­chen frei.

Ich lehn­te dan­kend ab und fuhr ver­är­gert weg. Un­ter­wegs sah ich ei­nen völ­lig durch­näss­ten Mann in Le­der­ho­se am Stra­ßen­rand ste­hen. Es war der wer­te Gat­te, der in sei­ner Wut und im Al­ko­hol­ne­bel in ei­nen Bach ge­fal­len war. Ich hat­te Mit­leid und fuhr ihn nach Hau­se. Er konn­te so­gar be­zah­len – be­merk­te aber, dass er im Bach of­fen­bar sei­nen Haus­schlüs­sel ver­lo­ren hat­te. Kein Pro­blem, mein­te er nur, er kön­ne in der Hüt­te hin­ten im Gar­ten über­nach­ten. Ich sah ihn noch um die Ecke bie­gen und mal­te mir die Wie­der­se­hens­sze­ne der bei­den Tur­tel­täub­chen aus.“ „Nicht im­mer er­lebt man lus­ti­ge Din­ge rund um den Wa­sen. Ei­nen Kol­le­gen von mir hat es mal ziem­lich hart ge­trof­fen. Frü­her hat­ten man­che Fah­rer ei­ne Schreck­schuss­pis­to­le für den Fall der Fäl­le da­bei. So auch er. Vier be­trun­ke­ne Jungs wur­den auf der Fahrt ge­walt­tä­tig und prü­gel­ten auf ihn ein. Er ret­te­te sich auf die Stra­ße und gab als Hil­fe­ruf ei­nen Schuss in die Luft ab. Po­li­zis­ten hör­ten das und ka­men hin­zu. Drei der Jungs türm­ten, der vier­te wur­de er­wischt. Als er spä­ter sei­ne Ge­richts­ver­hand­lung hat­te, wur­de er frei­ge­spro­chen. Der Kol­le­ge da­ge­gen wur­de we­gen il­le­ga­len Waf­fen­be­sit­zes zu ei­ner vier­stel­li­gen Geld­stra­fe ver­knackt.“

Das Cann­stat­ter Volks­fest er­wies sich auch im Ju­bi­lä­ums­jahr als Be­su­cher­ma­gnet.Fo­to: dpa

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