Die ers­te Frau im Ge­mein­de­rat

Bietigheimer Zeitung - - Das Samstagsthema -

100 Jah­re Frau­en­wahl­recht Lui­se Kämpf war die ers­te Bie­tig­hei­mer Ge­mein­de­rä­tin. Von 1919 bis 1922 saß sie mit am Rats­tisch und en­ga­gier­te sich vor al­lem bei so­zia­len The­men. Erst 1959 gab es ei­ne Nach­fol­ge­rin. Von Frank Rup­pert Ihr po­li­ti­sches En­ga­ge­ment kon­zen­trier­te sich von An­fang an auf den so­zia­len Be­reich.

Vor 100 Jah­ren än­der­te sich die recht­li­che Stel­lung der Frau in Deutsch­land grund­le­gend. Nach­dem sich be­reits im Som­mer 1918 der mi­li­tä­ri­sche Zu­sam­men­bruch im Ers­ten Welt­krieg ab­ge­zeich­net hat­te, re­vol­tier­ten im No­vem­ber die Ma­tro­sen in Kiel und lei­te­ten da­mit den end­gül­ti­gen Sturz der Mon­ar­chie ein. Am 9. No­vem­ber rief Phil­ipp Schei­de­mann die Re­pu­blik aus. We­ni­ge Ta­ge spä­ter stell­te der Rat der Volks­be­auf­trag­ten am 12. No­vem­ber 1918 in ei­nem Auf­ruf „An das deut­sche Volk“sein Re­gie­rungs­pro­gramm vor. Ein wich­ti­ger Teil da­von war die Pro­kla­ma­ti­on ei­ner gro­ßen Wahl­rechts­re­form, die auch das Frau­en­wahl­recht ent­hielt.

Von den po­li­ti­schen Ve­rän­de­run­gen war in Bie­tig­heim zu­nächst nur we­nig zu spü­ren, schrei­ben Ste­pha­nie Eb­le und die stell­ver­tre­ten­de Lei­te­rin des Stadt­ar­chivs Bie­tig­heim-Bis­sin­gen, Son­ja Ei­se­le, in ih­rem Auf­satz „Stets zur Zier­de und der All­ge­mein­heit zum Vor­teil“, der in der Rei­he Blät­ter zur Stadt­ge­schich­te er­schie­nen ist. Bei­de be­fas­sen sich dar­in vor al­lem mit Lui­se Kämpf, der ers­ten Bie­tig­hei­mer

Ste­pha­nie Eb­le und Son­ja Ei­se­le Ge­mein­de­rä­tin. Erst am 17. De­zem­ber 1918 sei im Ge­fol­ge der No­vem­ber-Er­eig­nis­se ein Ar­bei­ter­und Bau­ern­rat ge­wählt wor­den, der sich mit dem Stadt­schult­hei­ßen Mez­ger und der Ge­mein­de­ver­tre­tung um die Lö­sung der dring­lichs­ten kom­mu­na­le Auf­ga­ben küm­mer­te.

Lui­se Kämpf wur­de am 27. Sep­tem­ber 1879 in Bie­tig­heim, un­weit des Rat­hau­ses in der Zwin­ger­stra­ße 2, als Lui­se Rapp ge­bo­ren. Über ih­re Ju­gend und be­ruf­li­chen Wer­de­gang ist we­nig be­kannt. Nach den Re­cher­chen von Eb­le und Ei­se­le hei­ra­te­te sie mit 22 Jah­ren am 3. Mai 1902 den aus Mun­dels­heim stam­men­den Karl Gott­fried Kämpf, der im sel­ben Jahr von Ober­ri­ex­in­gen nach Bie­tig­heim zog. Das Paar wohn­te dann bei Lui­ses Mut­ter und Stief­va­ter in der Zwin­ger­stra­ße. Zwi­schen

1903 und 1913 be­kam Lui­se Kämpf vier Kin­der, al­ler­dings er­reich­ten nur zwei das Er­wach­se­nen­al­ter.

Wie sie zur SPD kam und was sie mo­ti­vier­te, für den Ge­mein­de­rat 1919 zu kan­di­die­ren, lässt sich laut Eb­le und Ei­se­le nicht mehr ge­nau re­kon­stru­ie­ren. „Durch ih­ren Mann war sie in die Bie­tig­hei­mer Ar­bei­ter­be­we­gung und die SPD ein­ge­bun­den“, ha­ben die His­to­ri­ke­rin­nen her­aus­ge­fun­den. Karl Kämpf war un­ter den Grün­dern der 1899 ins Le­ben ge­ru­fe­nen Orts­grup­pe des Holz­ar­bei­ter­ver­bands, 1906 war er Mit­be­grün­der des Ar­bei­ter­ge­sang­ver­eins „Vor­wärts“, und bei der Ge­mein­de­rats­wahl 1908 war er ei­ner von vier SPD-Kan­di­da­ten (die Par­tei konn­te da­mals kein Man­dat er­rin­gen).

Die ers­ten Kom­mu­nal­wah­len nach dem Zu­sam­men­bruch der Mon­ar­chie fan­den in Bie­tig­heim am 25. Mai 1919 statt. Um die 18 Sit­ze kämpf­ten 50 Kan­di­da­ten auf vier Lis­ten. Dar­un­ter war aber nur ei­ne Frau: Lui­se Kämpf für die SPD. „Vier Ta­ge vor der Wahl er­schien in der Zei­tung die Be­kannt­ma­chung der Wahl­vor­schlä­ge: Lui­se Kämpf, Dre­hers Ehe­frau, kan­di­dier­te an zwei­ter Stel­le für die SPD, die mit 14 Kan­di­da­ten an­trat. Frau Kämpfs aus­sichts­rei­che Po­si­ti­on macht deut­lich, dass man sie als ernst­haf­te Be­wer­be­rin be­trach­te­te“, schrei­ben Eb­le und Ei­se­le.

779 Stim­men für ei­ne Frau

Kämpf wur­de schließ­lich mit 779 Stim­men für drei Jah­re in den Ge­mein­de­rat ge­wählt. Zum Zeit­punkt ih­rer Wahl war sie 39 Jah­re alt, so die His­to­ri­ke­rin­nen: „Das kom­mu­nal­po­li­ti­sche En­ga­ge­ment von Lui­se Kämpf kon­zen­trier­te sich von An­fang an auf den so­zia­len Be­reich. Gleich in der ers­ten Sit­zung wur­de sie als Mit­glied in ei­nen Aus­schuss zur Ver­tei­lung von Bett­wä­sche be­ru­fen.“Sie wur­de auch in die Woh­nungs- so­wie in die Kran­ken­haus­kom­mis­si­on be­ru­fen und war in zwei Schul­rä­ten ver­tre­ten. Nach dem gro­ßen Brand in Bie­tig­heim vom 1. auf den 2. Au­gust 1921, der 21 Fa­mi­li­en ob­dach­los mach­te, or­ga­ni­sier­te Kämpf un­ter an­de­rem mit Mar­tha Rö­ser ge­mein­sam die Sammlung und Ver­tei­lung der not­wen­digs­ten Din­ge.

Kämpf kan­di­dier­te 1922 nicht er­neut für ei­ne Amts­zeit, war­um ist un­klar. Statt­des­sen trat – al­ler­dings er­folg­los – Rö­ser für die Par­tei DDP an. Es soll­te bis 1959 dau­ern, bis mit Char­lot­te Kiess­ling (FDP) wie­der ei­ne Frau am Rats­tisch in Bie­tig­heim Platz neh­men konn­te. Kämpf und ih­re Fa­mi­lie wan­der­ten 1934 we­gen der zu­neh­men­den Re­pres­sa­li­en ge­gen So­zi­al­de­mo­kra­ten in die USA aus. Dort starb die ers­te Ge­mein­de­rä­tin Bie­tig­heims nur drei Jah­re spä­ter mit 58 Jah­ren an Krebs.

Fo­to: Stadt­ar­chiv Bie­tig­heim-Bis­sin­gen

Lui­se Kämpf, ers­te Ge­mein­de­rä­tin Bie­tig­heims, auf ei­nem Pass­fo­to um 1934. Die So­zi­al­de­mo­kra­tin war von 1919 an drei Jah­re Rats­mit­glied.

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