Gro­ße Elb­har­mo­nie

Bietigheimer Zeitung - - Themen Des Tages / Politik - Leit­ar­ti­kel Ul­rich Be­cker zum Macht­wech­sel an der CDU-Spit­ze leit­ar­ti­[email protected]

Das Dreh­buch die­ser Wahl zur Nach­fol­ge­rin von An­ge­la Mer­kel an der Spit­ze der Uni­on hät­te sich kein Au­tor dra­ma­ti­scher ein­fal­len las­sen kön­nen: erst der emo­tio­na­le Ab­schied Mer­kels vom Amt, na­he­zu zehn Mi­nu­ten lang Stan­ding Ova­tions für die Frau, die die CDU in ih­ren 18 Jah­ren stär­ker ver­än­dert hat als je­der an­de­re Vor­sit­zen­de zu­vor. Dann die Herz­schla­gent­schei­dung: Am En­de wa­ren es 35 Stim­men von 999, die die Mehr­heit für An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er si­cher­ten. Als wä­re das al­les nicht ge­nug, folg­te das Hap­py End, in­sze­niert von der neu­en CDU-Vor­sit­zen­den: Seit’ an Seit’ stand das Trio An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er, Jens Spahn und Fried­rich Merz auf der Büh­ne der Ham­bur­ger Mes­se und si­cher­te sich ge­gen­sei­tig zu­künf­tig Un­ter­stüt­zung zu.

Die ent­schei­den­de Fra­ge ist: Wel­chen Wert ha­ben die­se Bil­der für die Uni­on, für Deutsch­land?

Zu­al­ler­erst: Die Kanz­le­rin ist noch lan­ge kei­ne la­me duck, kei­ne lah­me En­te oh­ne Macht. An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er ist zwar bei­lei­be kei­ne Mi­ni-Mer­kel, die sich oh­ne Wi­der­spruch dem Wil­len der Kanz­le­rin beugt. Aber An­ge­la Mer­kel woll­te die 56-Jäh­ri­ge als Nach­fol­ge­rin und sie hat sich am En­de durch­ge­setzt. Die Umar­mung der bei­den Frau­en nach der Wahl macht un­miss­ver­ständ­lich klar: Das Macht­zen­trum der deut­schen Po­li­tik liegt in Zu­kunft in den Hän­den von zwei Frau­en. Die Wahr­schein­lich­keit, dass Mer­kel vor­zei­tig ih­ren Pos­ten ab­gibt, ist da­mit klei­ner ge­wor­den. Sie be­stimmt – zu­min­dest wei­test­ge­hend – wei­ter­hin ihr po­li­ti­sches Schick­sal. Das Me­ne­te­kel ei­nes zer­mür­ben­den Macht­kamp­fes mit un­ab­seh­ba­ren Fol­gen für die Uni­on und für Deutsch­land ist mit der Nie­der­la­ge von Fried­rich Merz vom Tisch.

Und den­noch be­ginnt für die Uni­on ein „neu­es Ka­pi­tel“, wie es CDU-Ur­ge­stein Bern­hard Vo­gel in ei­ner Fra­ge an „AKK“for­mu­lier­te. Im Ge­gen­satz zu ih­rer Vor­gän­ge­rin pflegt die Saar­län­de­rin ei­nen kan­ti­gen, bis­wei­len so­gar har­ten Po­li­tik­stil. In Fra­gen der Mi­gra­ti­on hat sie wäh­rend der Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen oh­ne Wenn und Aber Ab­schie­bun­gen nach Sy­ri­en be­für­wor­tet, im Streit um den Le­bens­schutz fährt die Ka­tho­li­kin ei­nen kon­se­quen­ten

Par­tei­en sind in der La­ge, über Per­so­nen und Po­li­tik zu strei­ten und den­noch zu ei­nem Er­geb­nis zu kom­men.

Kurs und auch im Ver­hält­nis zu Pu­tin fand sie kla­re Wor­te. Wäh­rend Mer­kel oft zö­gert, neigt „AKK“zu schnel­len und über­ra­schen­den Schrit­ten. Es wird span­nen­der in der CDU.

Auch, weil nach Ham­burg die Dis­kus­sio­nen in­ner­halb der Par­tei an Schär­fe zu­neh­men wer­den. Die of­fen­siv ze­le­brier­te Har­mo­nie wird im All­tag bald Aus­ein­an­der­set­zun­gen über den künf­ti­gen Kurs wei­chen. Jens Spahn kann und wird sich mit dem Ach­tungs­er­folg nicht zu­frie­den ge­ben. An sei­ner bis­he­ri­gen Tak­tik „Pro­vo­ka­ti­on und Atta­cke“wird er fest­hal­ten, um sei­nen An­spruch auf hö­he­re Äm­ter wei­ter zu un­ter­mau­ern.

Ab­seits all die­ser tak­ti­schen Über­le­gun­gen hat Ham­burg aber vor al­lem ein Si­gnal für die De­mo­kra­tie ge­setzt: Die eta­blier­ten Par­tei­en sind in der La­ge, über Per­so­nen und Po­li­tik zu strei­ten und den­noch zu ei­nem Er­geb­nis zu kom­men. Al­lei­ne da­für hat sich der Uni­ons-Drei­kampf ge­lohnt.

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