Mus­ter­bei­spiel der Un­ter­hal­tung

Mu­sik­ka­ba­rett Lu­cy van Kuhl be­geis­ter­te am Frei­tag­abend die Be­su­cher im Bie­tig­hei­mer Klein­kunst­kel­ler mit ih­rem ak­tu­el­len Pro­gramm „Da­zwi­schen“– und das nur mit Kla­vier und sich selbst. Von San­dra Bild­mann

Bietigheimer Zeitung - - Bietigheim-bissingen -

Lu­cy van Kuhl scherzt. Sie be­nei­det klei­ne Leute für ih­re All­tags­prak­ti­ka­bi­li­tät – die Kla­mot­ten nie zu groß, das Bett nie zu klein. Da­für er­reicht die gro­ße Da­me pro­blem­los das obers­te Re­gal im Su­per­markt. Lu­cy van Kuhl ist ei­ne Gro­ße – in Kör­per­maß und Kunst. Das zeig­te sie bei ih­rem Auf­tritt am Frei­tag­abend im Bie­tig­hei­mer Klein­kunst­kel­ler. Die dop­pel­te Aus­sa­ge­kraft und die Bot­schaft zwi­schen den Zei­len ge­hö­ren zu Kuhls Grund­werk­zeu­gen.

Van Kuhl war als Chan­son­niè­re auf „hu­mor­voll-nach­denk­li­che Art“und mit „kna­ckig poin­tier­ten Ka­ba­rett-Lie­dern“am Kla­vier an­ge­kün­digt wor­den. Die­sen Er­war­tun­gen wur­de sie ge­recht. Mit ih­rem ak­tu­el­len Pro­gramm „Da­zwi­schen“gibt sie all den Mo­men­ten ei­ne Platt­form, die ei­nen Mit­tel­weg su­chen, die sich nicht für ein Ex­trem ent­schei­den. Und wie häu­fig das der Fall ist, er­klär­te sich schon im Stil der Künst­le­rin selbst. Auch sie hat sich nicht für ei­nen ein­zi­gen Stil ent­schie­den. Drei ver­schie­de­ne Ka­te­go­ri­en ih­rer Lie­der lie­ßen sich am Frei­tag­abend aus­ma­chen: die me­lan­cho­lisch-tief­grün­di­gen, die ka­ba­ret­tis­tisch-wit­zi­gen und die tief­grün­dig-ka­ba­ret­tis­ti­schen. Für ih­ren Auf­tritt be­nö­tigt sie nur ein Kla­vier und sich selbst.

Mit Chan­son as­so­zi­iert man zwar ten­den­zi­ell eher den Stil von Edith Piaf und Charles Az­na­vour, doch auch ei­ne Be­zeich­nung als Lie­der­ma­che­rin wür­de van Kuhl nicht recht be­schrei­ben. Die in Ber­lin le­ben­de Künst­le­rin lässt sich in kei­ne Schub­la­de ste­cken. Und das ist gut so. Was als nächs­tes kommt, lässt sich für das Pu­bli­kum nicht vor­her­se­hen. Die Bie­tig­hei­mer blie­ben mit wa­chen Au­gen und Oh­ren da­bei.

Ex­em­pla­risch da­für steht die Kreuz­fahrt von Ger­trud und Willi. Es ist der Hö­he­punkt des Pro­gramms aus der Ka­te­go­rie ka­ba­ret­tis­tisch-wit­zig, di­rekt vor der Pau­se und be­legt van Kuhls Fä­hig­kei­ten, nicht nur ei­ne un­ter­halt­sa­me Ge­schich­te zu er­fin­den, sie sprach­lich ent­spre­chend ge­wieft zu ver­pa­cken und mu­si­ka­lisch pas­send zu be­glei­ten. Die Künst­le­rin spannt ei­nen gro­ßen Bo­gen bis zu ei­ner über­ra­schen­den Po­in­te. Ein Mus­ter­bei­spiel der Un­ter­hal­tungs­kunst. Auch des­halb, weil es schrift­sprach­lich nur un­zu­rei­chend wie­der­ge­ge­ben wer­den könn­te.

Kei­ne plum­pen Sprü­che

Die Fas­zi­na­ti­on, die van Kuhls Pro­gramm auf ihr Pu­bli­kum ha­ben kann, wächst aus der Mi­schung und ab­wech­seln­den Auf­ein­an­der­fol­ge der drei Lie­der-Ka­te­go­ri­en. Corinna Fuhr­mann ali­as Lu­cy van Kuhl eilt eben nicht von ei­nem Schen­kel­klop­fer zum an­de­ren, be­lehrt nicht nur mit Moral­pre­dig­ten und ver­sumpft nicht in Me­lan­cho­lie. Wo an­de­re Ka­ba­ret­tis­ten mit plum­pen oder der­ben Sprü­chen sich mü­hen, das Ver­hält­nis von Mann und Frau zu il­lus­trie­ren, da be­weist Lu­cy van Kuhl, dass es auch ganz an­ders geht. Ihr „Mann“ist Kof­fer Sam­son, der sich un­sterb­lich in Ri­mo­va ver­liebt hat – „Se­xy Ril­len, Sil­ber­haut, sein Griff schnellt hoch bei so ‘ner Braut […] Bist du be­reit für ei­ne hei­ße Sam­so­ni­te?“

Lu­cy van Kuhl kommt auf herr­li­che Ideen, blickt auf ge­sell­schafts­re­le­van­te Themen aus ei­ner un­ge­wöhn­li­chen Per­spek­ti­ve. So lässt sie Chan­tals Smart­pho­ne be­ten: „Lie­ber Han­dy-Gott, er­hö­re mich! Bit­te er­lö­se mich vom Jus­tin-Bie­ber-Klin­gel­ton und von der Glit­zer­hül­le.“Sie führt so au­then­tisch – wie es die­se Gro­tes­ke eben zu­lässt – vor, wie ein Smart­pho­ne dar­un­ter leidet, wenn sich sei­ne pu­ber­tie­ren­de Be­sit­ze­rin mit ei­ner Ka­rao­ke-App aus­pro­biert und wie das Han­dy da­nach lechzt, sich um­zu­brin­gen.

Im­mer wie­der schwingt sich van Kuhl in Schwin­del er­re­gen­de Hö­hen der Sprach­a­kro­ba­tik. Auch ihr Song über die west­fä­li­sche Stadt Hamm ist ein Ex­em­pel ih­rer Krea­ti­vi­tät und ih­res sprach­li­chen Fein­ge­fühls. Und wer, wenn nicht sie, könn­te Me­phis­to, Ca­s­a­no­va, Schnee­witt­chen und As­te­rix in ei­nem Atem­zug zu­sam­men­brin­gen? Sie tut das in ei­nem Kla­ge­lied ei­ner von der Di­gi­ta­li­sie­rung be­droh­ten Spe­zi­es. Kuhl wet­tert nicht grob. Sie wid­met dem Le­se­zei­chen wür­de­voll ein Re­qui­em für den Ar­ten­schutz.

Bei­fall er­hielt die Künst­le­rin ge­nau­so für ih­re nach­denk­li­che­ren Kom­po­si­tio­nen. „Schul­freund“, „Grau­ta­ge“und „Die Er­in­ne­rung“ent­hiel­ten Stoff, mit dem sich wohl je­der im Pu­bli­kum mehr oder we­ni­ger iden­ti­fi­zie­ren konn­te. Lu­cy van Kuhl er­hielt ver­dien­ter­ma­ßen enor­men Ap­plaus.

Fo­to: Helmut Pang­erl

Mu­sik­ka­ba­ret­tis­tin Lu­cy van Kuhl zieht die Be­su­cher im Klein­kunst­kel­ler Bie­tig­heim am Frei­tag­abend in ih­ren Bann.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.