Nach­hal­ti­ger Le­ses­to

Bietigheimer Zeitung - - Themen Des Tages / Politik - Leit­ar­ti­kel Jür­gen Ka­nold zur Frank­fur­ter Buch­mes­se leit­ar­ti­[email protected]

Jo­na­than Saf­ran Fo­er ruft zum Wi­der­stand auf: „Wir sind das Kli­ma!“, heißt sein neu­es Buch – man liest es ger­ne ge­druckt auf Pa­pier. Oder Gre­ta Thun­bergs Re­de zum Kli­ma­schutz: „Ich will, dass ihr in Pa­nik ge­ra­tet!“– ver­brei­tet auf Pa­pier. Aber ist die Pro­duk­ti­on ei­nes ge­druck­ten Bu­ches nicht auch kli­ma­schäd­lich, an­ge­fan­gen beim Ro­den der Wäl­der?

Tja, als hät­te die Buch­bran­che nicht schon ge­nug Sor­gen und müss­te die Mensch­heit nicht dar­um ban­gen, dass die jahr­tau­sen­de­al­te Kul­tur­tech­nik des Le­sens die­se Zei­ten über­lebt. Jetzt muss sie sich noch mit der öko­lo­gi­schen Kri­se be­schäf­ti­gen. Das tut sie na­tür­lich schon lan­ge und ver­legt die War­nun­gen schlau­er Wis­sen­schaft­ler und Au­to­ren. Das Buch lie­fert in der hy­per­mo­der­nen Nach­rich­ten­welt prak­tisch und gründ­lich In­for­ma­ti­ons­und De­bat­ten­stoff – und man kann die Bü­cher nach­hal­tig mah­nend ins Re­gal stel­len. Ganz be­rauscht von ei­nem über­wäl­ti­gen­den An­ge­bot sieht man das jetzt wie­der auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se.

Doch, die Ver­la­ge müs­sen sich selbst an die Na­se fas­sen, tat­säch­lich sind man­che Un­ter­neh­men schon kräf­tig da­bei, um­welt­freund­li­cher zu pro­du­zie­ren. Das geht und macht

Sinn. Wo­bei der An­teil der Buch­bran­che am Pa­pier­ver­brauch im Ver­hält­nis zur Ver­pa­ckungs­in­dus­trie nur ge­ring ist. Lie­ber zum E-Book-Re­a­der grei­fen? Ein sol­ches Ge­rät, sa­gen Stu­di­en, sei nur res­sour­cen­scho­nen­der, wenn man über Jah­re hin­weg mehr als 20 Bü­cher jähr­lich le­se. Das wä­re im­mer­hin ein flei­ßi­ger Bil­dungs­an­satz und könn­te, bei ent­spre­chen­der Lek­tü­re, ei­nen in­tel­lek­tu­el­len Bei­trag zur Weltret­tung leis­ten.

Was nun wirk­lich das au­gen­fäl­ligs­te The­ma ist: der Ver­zicht auf die Ein­schweiß­fo­lie. Ull­stein et­wa ist vor­ne da­bei und ver­schließt das Hard­co­ver nur mit ei­nem leicht ent­fern­ba­ren Kle­be­strei­fen. An­de­re Ver­la­ge tun sich noch schwer, weil nicht je­der Kun­de ei­nen ab­ge­grapsch­ten, fett­fle­cki­gen Bild­band kau­fen möch­te.

Doch noch mal zum In­halt, der zwei­fel­los nicht im­mer das Pa­pier lohnt, auf dem er ge­druckt ist. Aber das Buch und auch die Zei­tung – ob nun ge­druckt oder di­gi­tal les­bar – sind nach wie vor kei­ne Weg­werf­pro­duk­te und kein Müll­pro­blem, son­dern Qu­el­len der Bil­dung und eben­so Un­ter­hal­tungs­me­di­en, die man scham­frei nut­zen darf. Mei­nungs­frei­heit! Ein Ro­man ent­führt ei­nen Men­schen so­gar ins Reich der Fan­ta­sie – Li­te­ra­tur kann ei­nen zu­min­dest aus ei­ner manch­mal trost­lo­sen Wirk­lich­keit ent­he­ben. Das klingt ge­die­gen, be­leh­rend. Doch wer liest, ver­steht das.

Nicht zu­letzt „im Ge­dan­ken­spiel“der Li­te­ra­tur „ent­wi­ckeln wir un­se­re mo­ra­li­schen Wer­te und ethi­schen Ori­en­tie­run­gen, die es uns er­lau­ben, uns in die­ser Welt zu­recht­zu­fin­den“, schreibt De­nis Scheck, der ei­nen Ka­non mit den 100 wich­tigs­ten Wer­ken der Welt­li­te­ra­tur vor­legt – er­hält­lich auch als E-Book; wer al­le emp­foh­le­nen Bü­cher elek­tro­nisch liest, ist kli­ma­tech­nisch so­wie­so gut da­bei. Aber als edel auf Pa­pier ge­druck­tes Buch ist „Schecks Ka­non“ge­wiss kein Kli­ma­kil­ler. Und ei­ne Bi­b­lio­thek ist kein Kraft­werk, das Schad­stof­fe aus­stößt, sie in­spi­riert viel­mehr und pro­du­ziert so in­tel­lek­tu­el­le Ener­gie.

Li­te­ra­tur kann ei­nen zu­min­dest aus ei­ner manch­mal trost­lo­sen Wirk­lich­keit ent­he­ben.

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