Bas­teln an der Steu­er­last

Re­for­men Die letz­ten grund­le­gen­den Än­de­run­gen gab es im Jahr 2000 un­ter der Re­gie­rung von Ger­hard Schrö­der. Jetzt den­ken so­wohl CDU als auch SPD über neue Kon­zep­te nach. Von Die­ter Kel­ler

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Der See­hei­mer Kreis will die Spit­zen­steu­er­sät­ze deut­lich er­hö­hen und den So­li ab­scha en.

Wenn das Bun­des­ka­bi­nett am Mitt­woch die Halb­zeit­bi­lanz der Gro­ßen Ko­ali­ti­on zieht, scheint sie beim The­ma Steu­ern er­staun­lich po­si­tiv aus­zu­fal­len: Von 28 Plä­nen im Ko­ali­ti­ons­ver­trag wur­den laut Bund der Steu­er­zah­ler (BDST) bis­her neun um­ge­setzt, 13 an­ge­packt, vier sind un­er­le­digt, zwei ge­schei­tert. Al­ler­dings hat­te sich die Ko­ali­ti­on kei­ne grund­le­gen­de Steu­er­re­form vor­ge­nom­men – mit Aus­nah­me der am Frei­tag be­schlos­se­nen Grund­steu­er, und auch da nur, weil sie vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt da­zu ge­zwun­gen wur­de.

Die letz­te gro­ße Re­form der Ein­kom­men­steu­er ist fast zwei Jahr­zehn­te her. Da war Hans Ei­chel (SPD) noch Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter. Seit­her ha­ben sich die Steu­er­ein­nah­men des Staa­tes fast ver­dop­pelt, un­ter an­de­rem weil die Steu­er­schrau­be im­mer wie­der an­ge­zo­gen wur­de, et­wa bei der Mehr­wert­steu­er. In die­sem Jahr dürf­te die Ein­nah­men fast 800 Mil­li­ar­den Eu­ro er­rei­chen.

Zwar geht es bei der teil­wei­sen Ab­schaf­fung des So­li von 2021 an um vie­le Mil­li­ar­den. Aber ei­ne wirk­lich grund­le­gen­de Re­form ist das nicht. Doch auf mehr konn­te sich die Gro­ko nicht ei­ni­gen. Um­so er­staun­li­cher ist, dass Uni­on und SPD neu­er­dings Ide­en für gro­ße Steu­er­re­for­men vor­le­gen. Dass sie völ­lig ge­gen­sätz­lich aus­fal­len, kann kaum ver­wun­dern. Schon des­we­gen ist die Wahr­schein­lich­keit, dass et­was da­von noch in die­ser Le­gis­la­tur­pe­ri­ode um­setzt wird, gleich Null. Es eher Mu­ni­ti­on für den nächs­ten Wahl­kampf.

Ran an den Mit­tel­stands­bauch

Ei­nes taucht aber bei der CDU wie bei der SPD auf: der „Mit­tel­stands­bauch“. Er ist ent­stan­den, weil es im Ein­kom­men­steu­er­ta­rif ei­nen Knick gibt: Das Exis­tenz­mi­ni­mum ist steu­er­frei. Da­nach geht es mit 14 Pro­zent los. Der Steu­er­satz steigt aber nicht li­ne­ar auf den Spit­zen­satz von 42 Pro­zent, son­dern erst ein­mal be­son­ders schnell. Da­her be­kom­men ge­ra­de Durch­schnitts­ver­die­ner von je­dem Eu­ro, den sie zu­sätz­lich ver­die­nen, be­son­ders viel Steu­er ab­ge­zo­gen. „Die­ser un­fai­re und trick­rei­che Ta­rif­ver­lauf sorgt für rund 38 Mil­li­ar­den Eu­ro mehr Steu­er­ein­nah­men pro Jahr“, klag­te BDST-Prä­si­dent Rei­ner Holz­na­gel ge­gen­über un­se­rer Zei­tung. „Des­halb ist ei­ne grund­le­gen­de Ta­rif­re­form über­fäl­lig, um die Mit­tel­schicht wirk­sa­mer zu ent­las­ten.“

Die CDU hat sich vor­ge­nom­men, den Mit­tel­stands­bauch „ab­zu­fla­chen“. Was sie sich genau dar­un­ter vor­stellt, hat der Bun­des­vor­stand in sei­nem An­trag an den Par­tei­tag En­de No­vem­ber in Leip­zig nicht nä­her aus­ge­führt. Auch die üb­ri­gen Plä­ne zur Ent­las­tung der „Leis­tungs­trä­ger in der Mit­te un­se­rer Ge­sell­schaft“sind va­ge: Der Be­trag, ab dem der Spit­zen­steu­er­satz von 42 Pro­zent fäl­lig wird, soll an­ge­ho­ben, die Wer­bungs­kos­ten­pau­scha­le „an­ge­mes­sen wei­ter­ent­wi­ckelt“wer­den. Am kon­kre­tes­ten klingt der Plan, den So­li voll­stän­dig ab­zu­schaf­fen. Aber beim Ter­min le­gen sich die Christ­de­mo­kra­ten ge­nau­so we­nig fest wie bei der Hö­he der Ent­las­tung oder der Ge­gen­fi­nan­zie­rung.

Da ist der See­hei­mer Kreis der SPD we­nigs­tens et­was kon­kre­ter. Der Zu­sam­men­schluss kon­ser­va­ti­ver So­zi­al­de­mo­kra­ten will die Spit­zen­steu­er­sät­ze deut­lich er­hö­hen und da­für den So­li ganz ab­schaf­fen. Sein Vor­schlag: Der der­zei­ti­ge Spit­zen­satz von 42 Pro­zent soll bei Le­di­gen erst ab 90 000 Eu­ro grei­fen. Für Ehe­paa­re gilt im­mer der dop­pel­te Be­trag. Der­zeit ist er schon ab rund 56 000 Eu­ro fäl­lig. Wer zwi­schen 50 000 und 80 000 Eu­ro im Jahr ver­dient, hät­te dank See­hei­mer-Mo­dell mehr Geld im Porte­mon­naie, sagt Dirk Wie­sen, Spre­cher des Krei­ses. Da­für wol­len sie hö­he­re Ein­kom­men stär­ker be­las­ten: Ab 125 000 Eu­ro sol­len 45 Pro­zent beim Fis­kus lan­den, ab 250 000 Eu­ro 49 Pro­zent. Ob das dem Staat un­term Strich mehr oder we­ni­ger Geld brin­gen wür­de, ha­ben die See­hei­mer nicht be­rech­net.

Zu­dem wol­len sie die „wach­sen­de Un­gleich­heit von Ver­mö­gen wie­der in ein ge­sell­schaft­lich un­kri­ti­sches Lot“brin­gen. Die kom­pli­zier­te Erb­schaft­steu­er wol­len sie durch ei­nen Ein­heits­satz von zehn Pro­zent für al­le Erb­schaf­ten über ei­ner Mil­li­on Eu­ro er­set­zen. Zu­dem sind sie für die Wie­der­ein­füh­rung ei­ner Ver­mö­gen­steu­er von ei­nem Pro­zent, wie sie das SPD-Prä­si­di­um ge­for­dert hat­te. Das soll zehn Mil­li­ar­den Eu­ro Ein­nah­men brin­gen. Zu­sam­men mit Di­gi­tal- und Fi­nanz­trans­ak­ti­ons­steu­er soll das rei­chen, sta­bi­le Bei­trä­ge in der Ren­ten­ver­si­che­rung über 2040 hin­aus zu ga­ran­tie­ren und den Um­bau der Kran­ken- in ei­ne Bür­ger­ver­si­che­rung zu fi­nan­zie­ren.

Das Stich­wort Re­form der Be­steue­rung von Un­ter­neh­men taucht beim See­hei­mer Kreis nicht auf. Bei der CDU ist nur va­ge von ei­ner „Mo­der­ni­sie­rung der Un­ter­neh­mens­be­steue­rung“die Re­de, „die den Ve­rän­de­run­gen im glo­ba­len Steu­er­wett­be­werb ge­recht wird“. Genau die for­dert die Wirt­schaft schon lan­ge ein: Wich­ti­ge In­dus­trie­staa­ten ha­ben ih­re Be­las­tung in jüngs­ter Zeit deut­lich ge­senkt oder sind da­bei, nicht nur die USA, son­dern auch Frank­reich und Groß­bri­tan­ni­en. „Das grenzt fast schon an un­ter­las­se­ne Hil­fe­leis­tung“, be­klag­te In­dus­trie-Prä­si­dent Die­ter Kempf be­reits vor ei­nem Jahr er­folg­los die Ta­ten­lo­sig­keit der Bun­des­re­gie­rung.

Dar­auf ein­ge­gan­gen ist nur Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er. Der CDU-Po­li­ti­ker schlägt in sei­ner Mit­tel­stands­stra­te­gie vor, die Steu­er­be­las­tung auf 25 Pro­zent zu sen­ken, wenn Ge­win­ne im Un­ter­neh­men blei­ben. Nur ist für die Um­set­zung SPD-Fi­nanz­mi­nis­ter Olaf Scholz zu­stän­dig, und der zeigt sei­nem CDU-Kol­le­gen bis­her die kal­te Schul­ter.

Ei­ne schnel­le Ent­las­tung ist al­so un­wahr­schein­lich. Ei­ne Aus­nah­me wä­re bei den So­zi­al­ab­ga­ben mög­lich: Weil die Kas­sen der Bun­des­agen­tur für Ar­beit gut ge­füllt sind, soll­te der Bei­trags­satz zur Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung An­fang 2020 von 2,5 Pro­zent auf 2,2 oder gar 2,1 Pro­zent ge­senkt wer­den, for­dert Alt­mai­er. Doch dass er da beim zu­stän­di­gen Ar­beits­mi­nis­ter Hu­ber­tus Heil (SPD) Er­folg hat, ist eher un­wahr­schein­lich.

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