Der ru­he­lo­se Mah­ner

Bietigheimer Zeitung - - Wirtschaft -

SPD Einst galt Er­hard Epp­ler in sei­ner Par­tei als Un­ru­he­stif­ter. Doch ei­ni­ges von dem, was der Vor­den­ker sag­te, be­wahr­hei­te­te sich spä­ter. Ein Nach­ruf. Von Gun­ther Hart­wig

Ei­ne Wo­che, be­vor Alt-Kanz­ler Hel­mut Schmidt im No­vem­ber 2015 starb, stell­te Er­hard Epp­ler im Ber­li­ner Wil­ly-Brand­tHaus sei­ne Au­to­bio­gra­fie vor: „Links Le­ben. Er­in­ne­run­gen ei­nes Wert­kon­ser­va­ti­ven.“In die­sem Buch be­schrieb er auch sein kom­pli­zier­tes Ver­hält­nis zu Schmidt aus­führ­lich, und an­ders als mit vie­len sei­ner Zeit­ge­nos­sen ging der Schwa­be mit dem Han­sea­ten selbst im ho­hen Al­ter noch höchst un­gnä­dig um, was Pro­fes­sor Pe­ter Brandt, His­to­ri­ker und Sohn des frü­he­ren SPD-Pa­tri­ar­chen, im Dia­log mit dem Au­tor un­ver­blümt an­sprach.

Es stimmt ja, er­wi­der­te Epp­ler, in den Jah­ren ih­rer po­li­ti­schen Ri­va­li­tät hät­ten ihn im­mer zwei Din­ge an Schmidt ge­stört: „Sein Ma­cher-Pa­thos und der Un­wil­le, kon­trä­re Po­si­tio­nen über­haupt zu er­ken­nen, ge­schwei­ge denn zu ak­zep­tie­ren.“Bis zum Schluss blie­ben die bei­den So­zi­al­de­mo­kra­ten nicht bloß An­ti­po­den im pro­gram­ma­ti­schen Spek­trum ih­rer Par­tei – hier der Ver­ant­wor­tungs­ethi­ker und Macht­mensch aus Ham­burg, dort der Ge­sin­nungs­ethi­ker und Vi­sio­när aus Schwä­bisch Hall. Epp­ler stieß sich zu­gleich an dem bis­wei­len ins Au­to­ri­tä­re kip­pen­den Füh­rungs­stil sei­nes vor­ma­li­gen Re­gie­rungs­chefs.

Dass sich Epp­ler mit Schmidt nie aus­söh­nen konn­te, las­te­te auf ihm. Da­bei gab es in den spä­ten Jah­ren durch­aus Über­ein­stim­mun­gen zwi­schen dem lin­ken Frie­dens­po­li­ti­ker und dem welt­weit ge­ach­te­ten El­der Sta­tes­man, wie Epp­ler bei der Prä­sen­ta­ti­on sei­ner Me­moi­ren in der SPD-Zen­tra­le be­ton­te. Be­frie­digt ha­be er zur Kennt­nis ge­nom­men, dass er mit Hel­mut Schmidt und dem eins­ti­gen Au­ßen­mi­nis­ter Hans-Dietrich Gen­scher (FDP) ei­nig dar­in sei, wie sträf­lich der Wes­ten – auch Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) – die Be­zie­hun­gen zu Russ­land und Wla­di­mir Pu­tin ver­nach­läs­sigt ha­be.

Noch En­de Ju­li die­ses Jah­res trieb Epp­ler die Sor­ge um die Ukrai­ne-Kri­se so sehr um, dass er sich mit ei­ner Er­klä­rung an die Ö ent­lich­keit wand­te, die ei­ne für ihn un­ge­wöhn­lich dra­ma­ti­sche Über­schrift trugt: „So nicht!“Dar­in setz­te er sich kri­tisch mit den vom Wes­ten ge­gen Mos­kau ver­häng­ten Sank­tio­nen aus­ein­an­der und mach­te gel­tend, dass ge­ra­de die Deut­schen sich da­vor hü­ten soll­ten, Russ­land für ei­nen „Rechts­ver­stoß zu be­stra­fen, bei dem kein ein­zi­ger Mensch zu To­de kam“. Das war ei­ne der letz­ten Wort­mel­dun­gen aus Epp­lers El­tern­haus am Frie­dens­hang in Schwä­bisch Hall, in das er vor bald drei Jahr­zehn­ten ge­zo­gen war, aber kei­nes­wegs die ein­zi­ge.

Nein, Er­hard Epp­ler gab kei­ne Ru­he. Er blieb sei­nen Über­zeu­gun­gen treu, sei­nen Maß­stä­ben und Wer­ten. Das ver­scha te ihm auf der ei­nen Sei­te ei­ne ho­he mo­ra­li­sche Glaub­wür­dig­keit, mach­te es auf der an­de­ren Sei­te vie­len Weg­ge­fähr­ten leicht, ihn nicht als Vor- und Qu­er­den­ker zu se­hen, son­dern als Stö­ren­fried.

Her­bert Weh­ner hat die­se Sei­te an Epp­ler einst mit dem eben­so pla­ka­ti­ven wie bis­si­gen Wort vom „Piet­cong“zum Aus­druck ge­bracht – ei­ne An­spie­lung, die so­wohl den pie­tis­ti­schen Pro­tes­tan­tis­mus wie den kämp­fe­ri­schen Ri­go­ris­mus des un­ge­lieb­ten Par­tei­freunds aufs Korn nahm.

Ge­si­ne Schwan, die sich der­zeit um das wie­der mal va­kan­te

Spit­zen­amt in der SPD be­wirbt, hat Epp­ler zum 90. Ge­burts­tag durch­aus wohl­wol­lend als „Kas­san­dra“be­zeich­net und an­ge­merkt: „An ihm kann man se­hen, dass man in der Sa­che Recht be­hal­ten kann, auch wenn man kei­ne Mehr­hei­ten be­kom­men hat.“

So war es tat­säch­lich, und Epp­ler dank­te den Ge­nos­sen an­läss­lich sei­nes Aus­schei­dens aus der ak­ti­ven Po­li­tik, dass sie ihn so lan­ge er­tra­gen hät­ten, oh­ne sei­ne Mei­nung im­mer zu tei­len. Er war oft ein Au­ßen­sei­ter, aber nie ei­ne Rand­fi­gur.

Dass die Ju­gend der Welt in die­sen Wo­chen zu Mil­lio­nen auf die Stra­ße geht, um den Po­li­ti­kern die Le­vi­ten zu le­sen, muss ihn be­wegt ha­ben. Epp­ler for­der­te schon vor über 40 Jah­ren so et­was wie ei­ne Ener­gie­wen­de, nicht nur in Deutsch­land. Da­her darf man Gre­ta Thun­berg füg­lich ei­ne po­li­ti­sche Uren­ke­lin des öko­lo­gi­schen Pre­di­gers der ers­ten St­un­de nen­nen. Hät­ten Hel­mut Schmidt und an­de­re auf ihn ge­hört, wä­re es wo­mög­lich nicht zum Sie­ges­zug der Grü­nen ge­kom­men – und zur exis­ten­zi­el­len Ge­fähr­dung der SPD. Zu­sam­men mit Hans-Jo­chen Vo­gel er­mahn­te er die So­zis vor gut ei­nem Jahr, ih­rer Ver­ant­wor­tung vor al­lem für drei The­men ge­recht zu wer­den, näm­lich „der dro­hen­den Zer­stö­rung der Na­tur, der sich stän­dig er­wei­tern­den so­zia­len Kluft und der Zäh­mung des neo­li­be­ra­len Ka­pi­ta­lis­mus“.

Auch in der um­strit­te­nen Fra­ge, ob die SPD in der Gro­ßen Ko­ali­ti­on

gut auf­ge­ho­ben sei, war Epp­ler glas­klar. „Es stimmt nicht“, schrieb er den Ju­sos und al­len Par­tei­lin­ken ins Stamm­buch, die mög­lichst noch heu­te aus der ge­mein­sa­men Re­gie­rung mit der Union aus­schei­den wol­len, „dass die So­zi­al­de­mo­kra­tie nach je­der Gro­ßen Ko­ali­ti­on von den Wäh­lern be­straft wor­den wä­re.“Wil­ly Brandt als Vi­ze un­ter CDUKanz­ler Kurt Ge­org Kie­sin­ger ha­be 1969 schließ­lich das Ge­gen­teil be­wie­sen. Des­halb warb und stimm­te er An­fang 2018 für Schwarz-Rot – al­so da­für, „Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men“.

Das hat vie­le in der Par­tei ir­ri­tiert, aber schon Jah­re zu­vor hat­te Epp­ler ge­zeigt, dass er eben kein Fun­da­men­ta­list war, we­der in Fra­gen der Frie­dens­si­che­rung noch im pro­fa­ne­ren Streit um so­zia­le Ge­rech­tig­keit. 1999 sprang der ver­meint­li­che Pa­zi­fist dem be­dräng­ten SPD-Kanz­ler Ger­hard Schrö­der auf je­nem Par­tei­tag zur Sei­te, der über den Ko­so­vo-Ein­satz der Bun­des­wehr ab­zu­stim­men hat­te. 2003 hielt Epp­ler dem „Ge­nos­sen der Bos­se“so­gar bei des­sen „Agen­da 2010“die Stan­ge, be­kann­te in­des Jah­re spä­ter, dass ihm da­mals „noch nicht klar war, was das für den Ein­zel­nen für Fol­gen ha­ben kann“.

Er­hard Epp­ler ist sei­nem Ge­wis­sen und sei­nen Prin­zi­pi­en ge­folgt, das hat die­sen as­ke­ti­schen Mann für sei­ne Um­ge­bung un­be­quem ge­macht, aber eben­so her­aus­ge­ho­ben aus ei­ner Po­li­ti­ker­schar, die dem ober­fläch­li­chen Ef­fekt von Bil­dern, Flos­keln und Ri­tua­len mehr Be­deu­tung bei­misst als dem Aus­tausch von Ar­gu­men­ten und dem Fest­hal­ten an sorg­fäl­tig be­grün­de­ten Po­si­tio­nen.

In­so­fern war er als Be­rufs­po­li­ti­ker ein Uni­kum, auch wenn er sich in gro­ßen Mo­men­ten der Zu­stim­mung von Zig­tau­sen­den er­freu­te – bei der Mas­sen­de­mons­tra­ti­on ge­gen die Nato-Nach­rüs­tung 1981 in Bonn, bei der Ra­ke­ten-Blo­cka­de 1983 in Mut­lan­gen.

So wie sich Hel­mut Schmidt dar­über be­kla­gen durf­te, dass ihm die ei­ge­ne Par­tei im ent­schei­den­den Mo­ment die Ge­folg­schaft ver­sag­te, hat­te auch Epp­ler al­len An­lass, mit sei­nen Par­tei­freun­den in Bonn und Stutt­gart zu ha­dern – um­ge­kehrt gilt das al­ler­dings eben­falls. Der ak­tu­el­le Zu­stand der SPD, der er seit 1956 an­ge­hör­te, be­un­ru­hig­te ihn sehr. Nun nimmt er die Sor­ge um die Zu­kunft sei­ner Par­tei mit ins Gr­ab.

Man kann in der Sa­che Recht be­hal­ten, auch wenn man kei­ne Mehr­hei­ten hat.

Ge­si­ne Schwan

SPD-Po­li­ti­ke­rin

Fo­to: Uli Deck/dpa Fo­tos: Klaus Ro­se/ima­go, Nor­bert Förs­ter­ling/dpa, Maria Müs­sig

Er­hard Epp­ler 2007 in Bühl beim SPD-Lan­des­par­tei­tag. Er­hard Epp­ler, der Mann oh­ne Be­rüh­rungs­ängs­te. Fo­to 1: Wäh­rend ei­nes SPD-Lan­des­par­tei­tags in Ulm trifft Epp­ler CDU-Po­li­ti­ker: den Ul­mer OB Hans Lo­r­en­ser und den Land­tags­vi­ze­prä­si­den­ten Wal­ter Krau­se (von links). Fo­to 2 zeigt ihn bei ei­ner Frie­dens­de­mons­tra­ti­on 1981 zwi­schen Hein­rich Böll und Uta Ran­ke-Hei­ne­mann. Fo­to 3: Er­hard Epp­ler, SPD-Lan­des­vor­sit­zen­der, un­ter­hält sich auf ei­ner SPD-Veranstalt­ung in Crails­heim mit Bun­des­kanz­ler Hel­mut Schmidt.

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