Se­zier­tisch der Trost­lo­sig­keit

Urauf­füh­rung Der neue Re­si­denz­thea­ter-Chef Andre­as Beck star­tet mit Ewald Pal­mets­ho­fers „Die Ver­lo­re­nen“.

Bietigheimer Zeitung - - Feuilleton - Wolf­gang Nuß­bau­mer

Mar­tin Ku­se­js Nach­fol­ger Andre­as Beck kann mit sei­nem Start als In­ten­dant des Re­si­denz­thea­ters in Mün­chen zu­frie­den sein. Kaum war Sams­tag­abend der Vor­hang nach der Urau üh­rung des Schau­spiels „Die Ver­lo­re­nen“ge­fal­len, sorg­te das Pre­mie­ren­pu­bli­kum für ei­nen mi­nu­ten­lan­gen Ju­bel­sturm. Er galt der tie­fen­schar­fen Ins­ze­nie­rung von No­ra Sch­lo­cker mit ei­nem spiel­freu­di­gen En­sem­ble eben­so wie der kraft­voll epi­schen Text­vor­la­ge von Dra­ma­turg Ewald Pal­mets­ho­fer.

Was für ein Text, so ho nungs­voll trost­los – oder um­ge­kehrt. Ein Text, mit dem er ei­ne Tra­di­ti­on von So­pho­kles über Hei­ner Mül­ler bis zu Sa­mu­el Be­ckett und Tho­mas Bern­hard fort­schreibt. Sei­ne „Ver­lo­re­nen“kann man als un­er­bitt­li­che Zu­stands­be­schrei­bung ei­ner form­al­de­mo­kra­tisch or­ga­ni­sier­ten ka­pi­ta­lis­ti­schen Ge­sell­schaft le­sen, de­ren in­ne­rer Zu­sam­men­halt sich in ei­nem un­auf­halt­ba­ren Auf­lö­sungs­pro­zess be­fin­det.

Vor­der­grün­dig geht es um das Sor­ge­recht ei­nes ge­schie­de­nen Ehe­paa­res für sei­nen ein­zi­gen Sohn Flo­ren­tin (rot­zig ri­go­ros Fran­ces­co Wenz). Ge­nau­er dar­um, des­sen Zu­nei­gung zu er­rin­gen. Mit ei­ner ka­ta­stro­pha­len Fol­ge. Sei­ne Mut­ter Cla­ra stürzt aus dem Fens­ter und wird von ei­nem Zaun­pfahl auf­ge­spießt. Von ihm durch­bohrt, hängt sie dort an der wei­ßen Wand, von wo sie zu Be­ginn ein Kreuz ent­fernt hat.

Die As­so­zia­ti­on zum ge­kreu­zig­ten Je­sus als Er­lö­ser drängt sich auf. Hät­te Pal­merts­ho­fer sei­ne als Cla­ra mit nacht­wand­le­ri­scher Si­cher­heit zwi­schen Künst­lich­keit und Krea­tür­lich­keit chan­gie­ren­den My­ri­am Schrö­der – pars pro to­to – nicht mit dem Zu­satz „die Ver­lo­re­ne“ver­se­hen.

Mit Ho nung und Er­lö­sung hat die­ses Stück rein gar nichts am Hut. Die sich per­spek­ti­visch ver­jün­gen­de grell­wei­ße Guck­kas­ten­büh­ne von Iri­na Schi­cketanz ist der Se­zier­tisch für Sch­lo­ckers La­bor der Trost­lo­sig­keit. Auf ihm er­lischt so­gar Si­tua­ti­ons­ko­mik, wie sie einst nicht weit vom „Re­si“ent­fernt Karl Va­len­tin und Liesl Karl­stadt per­fek­tio­niert ha­ben, noch be­vor sich die Lip­pen ge­schlos­sen ha­ben. Der Ba­sel-Im­port von In­ten­dant, Dra­ma­turg, Stück und vor­züg­li­chen Mi­men tut der selbst­zu­frie­de­nen baye­ri­schen Kul­tur­me­tro­po­le si­cher gut.

Fo­to: Pe­ter Kn­ef­fel/dpa

Der neue In­ten­dant Andre­as Beck.

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