West­deut­sche müs­sen sich be­we­gen

Bietigheimer Zeitung - - Debatte -

In die­sem Herbst kommt nie­mand am Os­ten vor­bei. Wah­len in Sach­sen, Bran­den­burg und Thü­rin­gen, Ein­heits­tag und dann auch noch Mau­er­fall­ju­bi­lä­um: Wohl noch nie hat das wie­der­ver­ei­nig­te Deutsch­land so in­ten­siv auf die Be­woh­ner der neu­en Län­der ge­schaut. Vie­le sind über­sät­tigt, selbst vom Jam­mer-Os­si ist wie­der die Re­de. Da­bei jam­mern die meis­ten Ost­deut­schen gar nicht. Sie ver­schaf­fen sich nur Ge­hör und ma­chen klar: Der Os­ten ist an­ders.

Um das zu ver­ste­hen, muss man be­rück­sich­ti­gen, dass Ost­deutsch­land mit der Wie­der­ver­ei­ni­gung nicht en­de­te, son­dern ei­gent­lich erst be­gann. Wäh­rend es im Wes­ten in den 90ern ru­hig blieb, muss­ten die Ost­deut­schen zu­se­hen, wie ih­re Wirt­schaft, ih­re Ge­sell­schaft und ih­re Kul­tur in Win­des­ei­le kol­la­bier­ten. Eben noch hat­ten sie die SED-Dik­ta­tur hin­weg­ge­fegt, nun wa­ren sie zum Zu­se­hen ver­dammt.

Nir­gends sonst im Ost­block brach die Wirt­schaft so stark ein wie in den neu­en Bun­des­län­dern, nir­gends sonst stürz­te die Ge­bur­ten­ra­te der­art ab. Nied­ri­ger war sie nur noch im Va­ti­kan. Zu­sätz­lich sorg­te die Ab­wan­de­rung für ein de­mo­gra­fi­sches Umpflü­gen der Re­gio­nen öst­lich der El­be, wie es sonst nur durch Krie­ge aus­ge­löst wird. Fast ein Vier­tel der Ost­deut­schen hat seit 1990 die Hei­mat Rich­tung Wes­ten ver­las­sen. Und die, die blie­ben, wa­ren oft ge­nug ver­sehrt und ver­un­si­chert von den neu­en Ver­hält­nis­sen.

Um das zu fas­sen, spre­chen Po­li­ti­ker dann von der „An­er­ken­nung ost­deut­scher Le­bens­leis­tun­gen“. Und ob­wohl sich die­se Flos­kel jetzt schon mod­rig an­fühlt, steckt et­was Wah­res in ihr. Die Ost­deut­schen ha­ben ei­ne un­ge­heu­re An­pas­sungs­leis­tung voll­bracht. Es wird Zeit, sie zu wür­di­gen.

Das gilt, ob­wohl das spe­zi­fisch Ost­deut­sche auf den ers­ten Blick gar nicht mehr sicht­bar ist. Die 2,5 Bil­lio­nen Eu­ro, die in den Os­ten ge­flos­sen sein sol­len, blie­ben ja nicht wir­kungs­los. Die Städ­te und Stra­ßen zwi­schen Ost­see und Erz­ge­bir­ge sind auf­ge­hüb­scht wie man­cher­orts im Wes­ten nicht. Pots­dam und Greifs­wald, Wei­mar und Dres­den sind zum Ver­rückt­wer­den schön­sa­niert – und auf samt­glat­ten Au­to­bah­nen in Win­des­ei­le er­reich­bar.

Doch das ist nur die Fas­sa­de. Die sa­nier­ten Städ­te ge­hö­ren den Ost­deut­schen nicht. In den hüb­schen Rat­häu­sern ha­ben oft nicht sie das Sa­gen. Egal ob in Po­li­tik, Un­ter­neh­men, Kul­tur oder Me­di­en – al­le Be­rei­che des öf­fent­li­chen Le­bens wer­den von West­deut­schen do­mi­niert. Es kann doch kein Zu­fall sein, dass nicht ei­ne ein­zi­ge Hoch­schu­le in den neu­en Län­dern von ei­nem Ost­deut­schen ge­lei­tet wird, dass zwei Drit­tel der Ost-Fir­men nicht von Ost­deut­schen ge­lenkt wer­den.

Die wirt­schaft­li­chen, kul­tu­rel­len, so­zia­len und auch men­ta­len Un­ter­schie­de zwi­schen Ost und West sind al­so rie­sig. Und sie wer­den

Die Ost­deut­schen ha­ben ei­ne un­ge­heu­re An­pas­sungs­leis­tung voll­bracht. Es wird Zeit, sie zu wür­di­gen.

noch jahr­zehn­te­lang groß blei­ben. We­der die Eh­ren­amts­stif­tung in Neu­stre­litz noch der ICE-An­schluss in Chem­nitz wer­den sie ein­eb­nen. Wer an­de­res be­haup­tet, macht sich et­was vor.

Die Fra­ge ist jetzt, wie mit die­sen Un­ter­schie­den um­ge­gan­gen wird. Man kann na­tür­lich ein­fach so wei­ter­ma­chen. Die Er­zäh­lun­gen der West­deut­schen blei­ben dann eben das Maß der Din­ge, von dem die Ge­schich­ten der Ost­deut­schen ab­wei­chen. Der Preis da­für ist, dass sich die Deut­schen in den neu­en Bun­des­län­dern wei­ter als Bür­ger zwei­ter Klas­se füh­len. Sie sind es ja auch.

Man kann aber auch die Igno­ranz über­win­den und den Ge­schich­ten, die die Ost­deut­schen seit ei­ni­ger Zeit im­mer selbst­be­wuss­ter er­zäh­len, zu­hö­ren, sie ernst neh­men und als Teil der ge­samt­deut­schen Ge­schich­te ak­zep­tie­ren. Ge­lingt das, hat man ei­nen ge­mein­sa­men Aus­gangs­punkt, um zu­ver­sicht­lich und auf Au­gen­hö­he nach vorn zu bli­cken. Doch da­für müs­sen sich auch die West­deut­schen be­we­gen – geo­gra­fisch und ge­dank­lich. Wer den Ost­deut­schen ein­fach Ge­jam­mer vor­wirft, der macht es sich zu be­quem.

Ma­thi­as Pud­dig (34) wuchs auf Rü­gen auf und lebt heu­te in Ber­lin. Als Ost­deut­scher fühlt er sich erst, seit er ein­mal mit zwei West­deut­schen ei­ne WG teil­te.

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