Eh­ren­amt­li­che Be­glei­ter für den letz­ten Weg

Bietigheimer Zeitung - - Und Umgebung Sachsenhei­m -

Sach­sen­heim Die Ho­s­piz­grup­pe braucht neue Mit­glie­der. Des­halb bie­tet sie ei­nen Kurs an. Ho­s­piz­be­glei­ter Tho­mas Vei­gel be­rich­tet von sei­nen Er­fah­run­gen. Von Ma­thi­as Schmid

Man wird ge­er­det durch die Be­glei­tung und sieht, was ei­gent­lich wich­tig ist.

Ziel­stre­big geht Tho­mas Vei­gel auf die Da­me in ih­rem Bett im Se­nio­ren­zen­trum zu, setzt sich ihr ge­gen­über, gibt ihr die Hand, fragt: „Ist das so an­ge­nehm für Sie?“Und: „Wie geht es Ih­nen heu­te?“Was ei­gent­lich nur ei­ne ge­stell­te Sze­ne für das rechts zu se­hen­de Fo­to ist, zeigt dann doch ganz klar, wor­auf es als eh­ren­amt­li­cher Ho­s­piz­be­glei­ter an­kommt: Em­pa­thie, o ene Oh­ren, Ein­füh­lungs­ver­mö­gen. Doch in Sach­sen­heim en­ga­gie­ren sich laut Kirch­li­cher So­zi­al­sta­ti­on nicht ge­nü­gend Eh­ren­amt­li­che in der Ho­s­piz­ar­beit. Ein neu­er Kurs (sie­he In­fo­box) soll Ab­hil­fe scha en.

Im­mer mehr Men­schen ha­ben den Wunsch, zu Hau­se ster­ben zu dür­fen. Das ist die Er­fah­rung, die die Sach­sen­hei­mer Ho­s­piz­be­glei­ter-Ko­or­di­na­to­rin Bet­ti­na May­er und ih­re Kol­le­gen ma­chen. Um die­sem Wunsch schwer­kran­ker und ster­ben­der Men­schen und ih­rer An­ge­hö­ri­gen ge­recht zu wer­den, hat sich in Sach­sen­heim vor 20 Jah­ren un­ter dem Dach der Kirch­li­chen So­zi­al­sta­ti­on die am­bu­lan­te Ho­s­piz­grup­pe ge­grün­det. Eh­ren­amt­li­che Frau­en und Män­ner be­glei­ten schwer­kran­ke und ster­ben­de Men­schen und ih­re An­ge­hö­ri­gen zu Hau­se, im Heim oder auf Wunsch auch im Kran­ken­haus.

Ei­ner von ak­tu­ell 15 Ho­s­piz­be­glei­tern, dar­un­ter ins­ge­samt vier männ­li­che, ist Tho­mas Vei­gel. Schon vor zwei Jah­ren hat er am letz­ten Kurs der So­zi­al­sta­ti­on teil­ge­nom­men. Erst Mit­te die­ses Jah­res fand die jetzt ehe­ma­li­ge Füh­rungs­kraft bei ei­nem Au­to­mo­bil-Zu­lie­fe­rer aber die Zeit, sich ak­tiv ein­zu­brin­gen. „Ich war ei­ner der Schnell­le­bi­gen. Das hier hat ei­ne ganz an­de­re Fa­cet­te, die mir aber auch liegt“, sagt Vei­gel, der ak­tu­ell in sei­ner drit­ten Be­glei­tung ist. May­er be­stä­tigt: „Man wird ge­er­det durch die Be­glei­tung und sieht, was ei­gent­lich wich­tig ist.“

Der Be­darf ist hoch

Das Pro­blem: Die ak­tu­el­le Zahl an Eh­ren­amt­li­chen reicht für das Zu­stän­dig­keits­ge­biet – ganz Sach­sen­heim plus Sers­heim – bei Wei­tem nicht aus. Des­halb will die So­zi­al­sta­ti­on mit­hil­fe ei­nes Kur­ses im neu­en Jahr wei­te­re Frei­wil­li­ge hin­zu­ge­win­nen. „Wir bräuch­ten noch mal zehn bis 15 Leu­te, um al­les gut be­wäl­ti­gen zu kön­nen“, meint May­er. Denn durch das neue Haus am Son­nen­feld ist der Be­darf eher an­ge­stie­gen. Dort sit­zen So­zi­al­sta­ti­on und das neue Pfle­ge­heim un­ter ei­nem Dach – und ar­bei­ten eng zu­sam­men. „Die Ko­ope­ra­ti­on läuft sehr gut. wenn zum Bei­spiel ein Pa­ti­ent mit ei­ner ent­spre­chen­den Dia­gno­se ein­zieht, wer­den wir so­fort be­nach­rich­tigt.“

Wei­te­re Grün­de, die Vei­gel für sein En­ga­ge­ment vor­bringt, sind laut Ko­or­di­na­to­rin May­er häu­fi­ge. „Ich konn­te nicht da­bei sein, als mei­ne El­tern star­ben“, sagt er.

Das ha­be in ihm et­was aus­ge­löst: das Ge­fühl für an­de­re da sein zu wol­len. „Ich ha­be bei den Be­su­chen mei­ner El­tern im Heim auch ge­se­hen, dass vie­le Men­schen kaum Be­such ha­ben. Es ist mir wich­tig, für sol­che Men­schen, da zu sein, die nie­man­den ha­ben.“

Was ein Ho­s­piz­be­glei­ter mit­brin­gen soll­te, ist ein mög­lichst ho­hes Maß an Fle­xi­bi­li­tät. Denn: „Man weiß nie, wann ein An­ruf kommt. Oft ist es auch sehr kurz­fris­tig, dass wir ge­ru­fen wer­den“, be­rich­tet May­er. Vie­le An­ge­hö­ri­ge wür­den sehr lan­ge war­ten, ehe sie sich an die So­zi­al­sta­ti­on wen­den. „Für vie­le hat das et­was von ‚ich scha e das nicht mehr al­lei­ne’. Das wol­len sie sich nicht ein­ge­ste­hen. Au­ßer­dem hat man ei­nen Frem­den im Haus.“

Was auf die Eh­ren­amt­li­chen zu­kommt, kann ganz un­ter­schied­lich sein: ein­fach nur am Bett sit­zen, zu­hö­ren, et­was vor­le­sen oder die Hand des Ge­gen­übers hal­ten. „Wir be­glei­ten sehr oft auch die An­ge­hö­ri­gen mit. Die möch­ten auch ein­fach mal je­man­den zum Re­den ha­ben“, be­tont May­er. Ab­ge­schreckt hät­ten Vei­gel die zen­tra­len The­men Tod und Ster­ben nicht. „In der Aus­bil­dung zum Ho­s­piz­be­glei­ter ha­ben wir uns auch viel mit uns selbst und der Fra­ge be­schäf­tigt: Wie ge­hen wir mit dem Tod um?“, be­rich­tet der 60-Jäh­ri­ge. Für ihn ist wich­tig: „Wir wer­den nicht mit der Si­tua­ti­on al­lein ge­las­sen.“Ne­ben ei­nem mo­nat­li­chen Grup­pent­re en sei­en die Ko­or­di­na­to­rin­nen May­er und Ma­ria Chor im­mer er­reich­bar. „Das ist wich­tig, denn die Ar­beit kann ei­nen schon auch be­las­ten“, be­tont der Ho­s­piz­be­glei­ter.

Fo­to: Mar­tin Kalb

Tho­mas Vei­gel hält ei­ner Be­woh­ne­rin des P ege­heims Son­nen­feld die Hand. Die So­zi­al­sta­ti­on Sach­sen­heim sitzt im neu­en Haus am Son­nen­feld un­ter ei­nem Dach mit dem P ege­heim und ko­ope­riert mit die­sem.

Fo­to: Ma­thi­as Schmid

Ko­or­di­na­to­rin Bet­ti­na May­er

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