Die Zu­kunft der Welt liegt in un­se­ren Pfo­ten

Bietigheimer Zeitung - - Feuilleton -

Thea­ter Das Stutt­gar­ter Schau­spiel zeigt Micha­el En­des „Wunsch­punsch“-Ro­man als Fa­mi­li­en­stück für Leu­te ab 6.

Stutt­gart. Es ist Sil­ves­ter, fünf Uhr abends. Die feis­te Geld­he­xe Ty­ran­n­ja und der durch­ge­knall­te Um­welt­row­dy Prof. Irr­wit­zer krie­gen Stress. Denn be­vor das Neu­jahr be­ginnt, müs­sen sie noch ein Rie­sen­pen­sum an Übel­ta­ten er­le­di­gen: zehn Tier­ar­ten aus­rot­ten, fünf Flüs­se ver­gif­ten, ei­ne Seu­che samt Baum­ster­ben aus­lö­sen und das Kli­ma end­gül­tig schä­di­gen. Der Zeit­druck ist enorm. Doch ein Ge­bräu könn­te ih­nen da­bei hel­fen: „Der sa­tan­ar­chäolü­ge­ni­al­koh­öl­li­sche Wunsch­punsch“.

So heißt Micha­el En­des letz­ter Ro­man von an­no 1989, in dem Gut und Bö­se sehr klar ver­teilt sind. Bei Thea­tern ist die­ser Plot – al­ler­dings oh­ne die um­strit­te­ne Ne­ben­fi­gur des „Bü­chern­ör­ge­le“– hoch be­liebt. Vor al­lem, weil sich hier zwei schlecht be­han­del­te Haus­tie­re – ein mol­li­ger Ka­ter und ei­ne zer­rupf­te Krä­he – zu­sam­men­tun und ih­ren fie­sen Men­schen-Chefs das Hand­werk le­gen. „Die Zu­kunft der Welt liegt in un­se­ren Pfo­ten“, heißt die zen­tra­le Bot­schaft der auf­müp­fi­gen Tie­re auch in Stutt­gart, wo nun das Schau­spiel En­des Plot auf die Büh­ne ge­bracht hat. Am Sonn­tag war Pre­mie­re.

Pa­tri­cia Ben­ecke in­sze­niert das Mär­chen mit leich­ter Hand. Gar­niert mit schrä­gen Ko­s­tü­men (Gwen­d­o­lyn Bahr) und al­ler­hand feu­ri­gen Zau­ber­tricks. Aber auch mit läs­si­gen Songs, zu de­nen die aus­ge­stopf­ten Tier­köp­fe an der Wand im Swing­takt hin und her wa­ckeln. So­gar die Ne­on-Bü­cher der Bi­b­lio­thek be­gin­nen da wie Glüh­würm­chen zu tan­zen. Kurz, die gan­ze Al­che­mis­ten­kü­che (Büh­ne: Mo­ni­ka Frenz) spielt kom­plett ver­rückt. Und qualmt ge­wal­tig, wenn der Wunsch­punsch bro­delt.

Im gol­de­nen Fat Su­it

Rein­hard Mahl­berg gibt mit gift­grü­ner Guil­do-Horn-Fri­sur ei­nen quir­li­gen Irr­wit­zer, der auch schon mal „Du lie­bes Di­oxin­chen“flucht. Und Ga­b­rie­le Hin­ter­mai­ers Ty­ran­n­ja in gol­de­nem Fat Su­it wirft mit Geld­bün­deln nur so um sich. Ami­ra Me­rai stol­ziert als Ma­le­dic­tus Ma­de auf Leucht­schu­hen durchs Bild oder mar­kiert ei­ne schein­bar stei­ner­ne Hei­li­gen-Sta­tue, die sich dann – klei­ne Schreck­se­kun­de – plötz­lich zu be­we­gen be­ginnt. Die Re­gie bie­tet auch amü­san­te Prü­ge­lei­en und schafft es, dass das Gan­ze we­der in alt­klu­gem Er­zäh­ler­ton noch in über­kor­rek­ter Lan­ge­wei­le er­stickt. Prä­di­kat: se­hens­wert. Al­lein schon des­halb, weil der Saal ge­gen Schluss, il­lu­mi­niert mit Hun­der­ten von St­ab­lämp­chen, wie ein Ster­nen­him­mel überm Zu­schau­er­par­kett zu glim­men und fun­keln be­ginnt, dass es ei­ne Pracht ist.

Fo­to: Björn Klein

Rein­hard Mahl­berg (hin­ten mit grü­nen Haa­ren) und Jan­nik Müh­len­weg.

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