Frau Ba­er­bocks Ge­spür für Ba­lan­ce

An­na­le­na Ba­er­bock Sie führt die Grü­nen durch die schwie­ri­gen Ver­hand­lun­gen beim Kli­ma­schutz­pa­ket und be­wies bei den Ja­mai­ka-Son­die­run­gen viel Aus­dau­er. Im Schat­ten von Ro­bert Ha­beck steht die Par­tei­che­fin schon lan­ge nicht mehr. Von Micha­el Ga­bel

Bietigheimer Zeitung - - Porträt -

Als Ex­per­tin für Kli­ma­schutz be­setzt sie ein ur­grü­nes The­ma, das der­zeit bei­na­he al­le De­bat­ten über­la­gert.

Es sind nur zwei Sät­ze. Aber sie sit­zen. „Män­ner soll­ten nicht im­mer das letz­te Wort ha­ben“, pro­tes­tiert die Grü­nen-Vor­sit­zen­de An­na­le­na Ba­er­bock und meint da­mit ih­ren Co-Chef Ro­bert Ha­beck. Der hat sie beim Grund­satz­kon­vent der Par­tei in Berlin ge­ra­de recht un­char­mant ab­ge­würgt, weil er zum nächs­ten Ta­ges­ord­nungs­punkt über­lei­ten woll­te. Als Ha­beck sei­nen Fehl­tritt be­merkt und zu ei­ner Er­klä­rung an­set­zen will, fährt ihm sei­ne Mit­vor­sit­zen­de – halb im Scherz, halb im Ernst – über den Mund: „So, Ru­he jetzt!“Es gibt La­cher im Pu­bli­kum, auch Ap­plaus. Der gro­ße Ha­beck, von vie­len als kom­men­der Kanz­ler­kan­di­dat der Grü­nen ge­han­delt, steht da wie ein er­tapp­ter Schul­jun­ge. Und Ba­er­bock? Freut sich.

Ein hal­bes Jahr ist das her. Längst hat die 38-jäh­ri­ge Par­tei­che­fin, die lan­ge Zeit im Schat­ten des Um­fra­ge­kö­nigs Ha­beck stand, die Ver­hält­nis­se an der Grü­nen-Spit­ze ge­ra­de ge­rückt. Sie ist in­zwi­schen ge­nau so oft in Talk­shows prä­sent wie der 50-Jäh­ri­ge und gibt ihm auch mal ö ent­lich Con­tra. Mehr noch: Als Kli­ma­schutz-Ex­per­tin im Füh­rungs­duo be­setzt sie ein ur­grü­nes The­ma, das der­zeit bei­na­he al­le po­li­ti­schen De­bat­ten über­la­gert. Mit je­der „Fri­days for Fu­ture“-De­mons­tra­ti­on, mit je­dem Ver­such der Gro­ko, das dürf­ti­ge Er­geb­nis ih­res Kli­ma-Kom­pro­mis­ses zu er­läu­tern, nimmt Ba­er­bocks Be­deu­tung zu. So wird sie im­mer mehr zur zen­tra­len Fi­gur bei den Grü­nen.

Orts­ter­min in Il­men­au, kurz vor der Land­tags­wahl in Thü­rin­gen an die­sem Sonn­tag. In den „Fei­er­saal“der Franz-von-As­si­si-Schu­le sind et­wa 40 Leu­te ge­kom­men, um Ba­er­bock zu er­le­ben. Vie­le Jun­ge sind da­bei, von de­nen ei­ni­ge selbst die re­form­päd­ago­gi­sche Schu­le be­su­chen. Die sanft-grün ge­stri­che­nen Wän­de, die öko­lo­gi­sche Holz­bau­wei­se vie­ler Ge­bäu­de­tei­le ver­mit­teln den Ein­druck: In Il­men­au, der Uni­ver­si­täts­stadt am nörd­li­chen Rand des Thü­rin­ger Wal­des, ist man­ches an­ders als in an­de­ren thü­rin­gi­schen Ge­mein­den. Grü­ner.

Die Fra­gen der Zu­hö­rer, die im Halb­rund auf Holz­stüh­len Platz ge­nom­men ha­ben, fal­len denn auch ziem­lich un­kri­tisch aus. Wie be­ur­tei­len die Grü­nen den Ein­marsch der Tür­ken ins Kur­den­ge­biet? „Wir ver­ur­tei­len das.“Wie se­hen die grü­nen Ver­kehrs­plä­ne aus? „Bahn­stre­cken re­ak­ti­vie­ren, mehr Rad­we­ge.“Und so geht es wei­ter – über den Lehrer­man­gel bis zum Um­stieg auf öko­lo­gi­sche Land­wirt­schaft.

Nach viel Klein­klein aus der thü­rin­gi­schen Lan­des­po­li­tik geht es dann end­lich um Kli­ma­schutz. Ba­er­bock lä­chelt zu­frie­den, als die Re­de auf ihr Spe­zi­al­the­ma kommt. Ob es wirk­lich nö­tig sei, so vie­le Wind­rä­der auf­zu­stel­len, will je­mand wis­sen, auch im Thü­rin­ger Wald? „Das ist ein hoch­e­mo­tio­na­les The­ma, ge­ra­de für die Grü­nen“, sagt sie. Vie­les sei noch zu klä­ren: et­wa der Vo­gel­schutz, „der uns Grü­nen be­son­ders wich­tig ist“, und die Fra­ge, in wel­chen Ge­gen­den Wind­rä­der auf­ge­stellt wer­den dür­fen und in wel­chen nicht.

Der per­sön­li­che Kon­takt liegt ihr

Da tritt er o en zu­ta­ge, der Grund­satz­kon­flikt für Um­welt­schüt­zer im All­ge­mei­nen und die Grü­nen im Be­son­de­ren: Wel­che Prio­ri­tä­ten gilt es zu set­zen beim Ziel, die Welt zu ret­ten? Darf man wei­te Tei­le des Na­tur­raums mit Wind­rä­dern zu­bau­en, um so die flä­chen­de­cken­de Ver­sor­gung mit sau­be­rer Ener­gie hin­zu­be­kom­men? Und vor al­lem: Wie vie­le Vö­gel darf man der Wind­kraft op­fern, oh­ne dass sich das Tier­schutz­ge­wis­sen regt? Al­ler­dings ver­folgt Ba­er­bock die­se Ge­dan­ken nicht wei­ter. Auch hakt aus dem Pu­bli­kum kei­ner nach.

Statt­des­sen weicht die Grü­nen-Che­fin auf ei­nen an­de­ren Schau­platz aus und fragt: „Was sol­len die Al­ter­na­ti­ven sein: Wei­te­rer Koh­le­ab­bau? Oder Atom­kraft­wer­ke?“Die Ant­wort gibt sie selbst: „All das wol­len wir na­tür­lich nicht“– zu­stim­men­des Ni­cken im Pu­bli­kum.

Sol­che klei­nen Run­den schei­nen der Grü­nen-Che­fin be­son­ders gut zu lie­gen. Sie blickt die Fra­ge­stel­ler freund­lich an, hält Blick­kon­takt. Auch muss sie mit ih­rer Stim­me nicht so hoch­ge­hen, wie es ihr ge­le­gent­lich pas­siert, wenn sie vor ei­nem gro­ßen Hal­len­pu­bli­kum spricht.

Ba­er­bock ist in Nie­der­sach­sen auf­ge­wach­sen, hat in Ham­burg und Lon­don stu­diert und lebt in­zwi­schen in Potsdam. Die Kar­rie­re der Grü­nen-Po­li­ti­ke­rin, die im Ja­nu­ar 2018 mit Ha­beck an die Par­tei­spit­ze ge­wählt wur­de, voll­zog sich in ei­nem atem­be­rau­ben­dem Tem­po. Vor zehn Jah­ren, da war sie 28 und erst vier Jah­re lang Par­tei­mit­glied, wähl­te man die stu­dier­te Po­li­tik­wis­sen­schaft­le­rin schon zur Vor­sit­zen­den des bran­den­bur­gi­schen Lan­des­ver­ban­des. 2013 kam sie über die Lan­des­lis­te in den Bun­des­tag. Über­re­gio­nal so rich­tig be­kannt wur­de die ver­hei­ra­te­te Mut­ter zwei­er Mäd­chen aber erst vor zwei Jah­ren als hart­nä­cki­ge Ver­hand­le­rin bei den Ja­mai­ka-Ge­sprä­chen. Schon da­mals war das Welt­kli­ma ei­ner ih­rer Schwer­punk­te.

Har­te Ver­hand­lun­gen ste­hen Ba­er­bock und ih­rer Par­tei nun er­neut be­vor. Denn das von den Grü­nen so hef­tig kri­ti­sier­te Kli­ma­pa­ket der gro­ßen Ko­ali­ti­on soll in gro­ßen Tei­len noch in die­sem Jahr durch den Bun­des­rat. Dort aber muss die Öko­par­tei, die in neun Bun­des­län­dern mit­re­giert, die Grund­satz­fra­ge be­ant­wor­ten: Will man die Gro­ko mit ih­rem Kli­ma­schutz­pa­ket schei­tern las­sen, um den Preis, dass noch nicht ein­mal mi­ni­ma­le Fort­schrit­te er­zielt wer­den? Oder ver­han­delt man am­bi­tio­nier­te­re Zie­le in das Pa­ket hin­ein und stimmt dann am En­de zu – mit dem Er­geb­nis, dass sich bis­he­ri­ge Sym­pa­thi­san­ten, et­wa von „Fri­days for Fu­ture“, ab­wen­den, weil sie die Grü­nen dann mit­ver­ant­wort­lich da­für ma­chen, dass beim Kli­ma­schutz viel zu we­nig er­reicht wur­de?

Wie glatt der Bo­den im Bun­des­rat ist, hat Ba­er­bock schon ler­nen müs­sen. Ih­ren voll­mun­di­gen Spruch, die Grü­nen wür­den beim Kli­ma­pa­ket in der Län­der­kam­mer kräf­tig „nach­steu­ern“, kas­sier­te sie schnell wie­der ein. Ih­re neue For­mel lau­tet: „Selbst der Bun­des­rat kann bei ei­nem Ge­setz, in dem nichts drin­steht, die­se Lü­cke nicht fül­len.“Die­se Hal­tung hat den Vor­teil, dass sie die Er­war­tun­gen an die Grü­nen senkt. Wenn sich die Par­tei in dem Län­der­gre­mi­um nun viel­leicht doch nicht völ­lig quer­le­gen soll­te, lie­ße sich das leich­ter mit Ver­weis auf die kaum vor­han­de­nen Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten er­klä­ren.

Klar ist: Der Grü­nen-Bei­trag zum Kli­ma­pa­ket wird ein Ba­lan­ce­akt. Da tri t es sich gut, dass die An­füh­re­rin ei­nen gro­ßen Teil ih­rer Ju­gend dar­auf ver­wen­det hat, ge­nau die­ses Ba­lan­ce­ge­fühl zu trai­nie­ren. Denn Ba­er­bock war einst ei­ne lei­den­schaft­li­che Tram­po­lin-Tur­ne­rin.

Micha­el Bro­sig, Tram­po­lin­ex­per­te beim Deut­schen Tur­ner­bund, führt noch ei­ne gan­ze Rei­he wei­te­rer Fä­hig­kei­ten an, die sich Tram­po­lin-Tur­ner im Lau­fe der

Jah­re an­eig­nen. „Die Be­we­gungs­ab­läu­fe se­hen zwar ein­fach aus, aber man braucht viel Aus­dau­er, Kör­per­span­nung und auch ei­ne ge­wis­se Ele­ganz“, sagt er. Wer so schein­bar leicht durch die Luft flie­ge, müs­se vor al­lem Selbst­dis­zi­plin mit­brin­gen. „Das Selbst­be­wusst­sein, auch mal grö­ße­re Sprün­ge zu wa­gen, kommt dann mit der Zeit.“

Gro­ße Sprün­ge, Flie­gen? Bro­sig ist über­zeugt, dass das, was man beim Tram­po­lin­sprin­gen lernt, auch spä­ter bei der be­ruf­li­chen Kar­rie­re hel­fen kann. Aus­dau­er bringt Ba­er­bock je­den­falls reich­lich mit; so half sie zum Bei­spiel ent­schei­dend da­bei, den lan­gen par­tei­in­ter­nen Flü­gel­streit beim The­ma si­che­re Her­kunfts­län­der für Flücht­lin­ge bei­zu­le­gen. Und Selbst­dis­zi­plin be­wies sie un­ter an­de­rem in zahl­rei­chen Ja­mai­ka-Nacht­sit­zun­gen.

Lob auch von der Kon­kur­renz

Wer Grü­ne oder Groß­ko­ali­tio­nä­re da­nach fragt, wie groß die Chan­cen sind, dass Ba­er­bock ih­re Par­tei un­be­scha­det durch die an­ste­hen­den Ver­hand­lun­gen zum Kli­ma­pa­ket bringt, hört im­mer die glei­che Ant­wort: Sie wird das wohl schaf­fen. Die Vi­ze-Che­fin der Grü­nen-Bun­des­tags­frak­ti­on, Kat­ja Dör­ner, be­tont, es wer­de nicht ein­fach sein, im Bun­des­rat aus dem schwa­chen Kli­ma­pa­ket mehr Kli­ma­schutz raus­zu­ho­len. Ba­er­bock als Kli­ma­ex­per­tin sei da be­son­ders ge­fragt. „Aber ich bin op­ti­mis­tisch, dass sie das gut steu­ern wird.“Der SPD-Um­welt­ex­per­te Klaus Min­drup be­tont, er ha­be „die Kol­le­gin als je­man­den er­lebt, der auch in der Op­po­si­ti­on im­mer so denkt, als wä­re man in Re­gie­rungs­ver­ant­wor­tung“. Des­halb sei er da­von über­zeugt, dass man die Grü­nen am En­de wer­de „ein­bin­den“kön­nen, sagt er.

Das Lob des SPD-Ab­ge­ord­ne­ten mag zum Teil tak­tisch mo­ti­viert sein. Aber es zeigt, dass die Grü­nen-Po­li­ti­ke­rin auch bei der Kon­kur­renz Ver­trau­en ge­nießt. Vor al­lem aber macht es deut­lich: Man ist auf Ba­er­bock an­ge­wie­sen; oh­ne sie geht gar nichts.

Ba­den-Würt­tem­bergs grü­ner Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann scheint der Par­tei­vor­sit­zen­den so­gar ei­nen hö­he­ren Pos­ten zu­zu­trau­en. Er hal­te nach der nächs­ten Bun­des­tags­wahl ei­nen grü­nen Kanz­ler für mög­lich, sagt er. Oder, fügt er hin­zu, ei­ne „grü­ne Kanz­le­rin“.

Foto: Gor­don Wel­ters/laif

Sie wird im­mer mehr zur zen­tra­len Fi­gur bei den Grü­nen: Par­tei­che­fin An­na­le­na Ba­er­bock.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.