In­ter­net ver­stärkt Schnäpp­chen-Jagd

Spar­fuchs Ger­hard Beck von der Ge­sell­schaft für Markt- und Ab­satz­for­schung in Lud­wigs­burg räumt im Ge­spräch mit der BZ un­ter an­de­rem mit dem Vor­ur­teil des gei­zi­gen Schwa­ben auf. Von Frank Rup­pert

Bietigheimer Zeitung - - Kreis Ludwigsbur­g -

Geiz ist geil“, ist nicht nur ein grif­fi­ger Wer­be­slo­gan, es scheint fast so et­was wie das Mot­to die­ser Zeit zu sein. Die BZ wid­met sich in ei­ner Schwer­punkt­aus­ga­be dem The­ma „Spar­füch­se“und zeigt, wo man im Kreis spa­ren kann und war­um es Spar­füch­sen gar nicht im­mer nur dar­um geht, we­ni­ger Geld aus­zu­ge­ben. Zum Auf­takt hat die BZ mit Ger­hard Beck ge­spro­chen. Er ist Pro­ku­rist der Ge­sell­schaft für Markt- und Ab­satz­for­schung, die ei­nen Sitz in Lud­wigs­burg hat.

Herr Beck, täuscht der Ein­druck, oder le­ben wir der­zeit in ei­ner Hoch­pha­se der Schnäpp­chen-Jä­ger? Ger­hard Beck:

Es gab schon im­mer den Blick auf güns­ti­ge An­ge­bo­te, aber seit wir das In­ter­net­zeit­al­ter ein­ge­läu­tet ha­ben, ist die Men­ta­li­tät stär­ker ver­brei­tet. Heu­te kann man noch so­fort im La­den die Ge­gen­pro­be bei Ama­zon ma­chen, des­halb ist man stär­ker auf den Preis fi­xiert. Heu­te kommt man sich ja fast blöd vor, wenn man zum re­gu­lä­ren Preis kauft, weil es im­mer ir­gend­wo ein Schnäpp­chen gibt. Ein Bei­spiel für die Men­ta­li­tät sind auch die­se Ben­zin­preis-Apps, we­gen de­nen Leu­te ki­lo­me­ter­weit fah­ren um den Sprit zwei Cent bil­li­ger zu be­kom­men.

Spie­len ge­stie­ge­ne Le­bens­hal­tungs­kos­ten kei­ne Rol­le bei den Schnäpp­chen­jä­gern?

Nein, das ist vor al­lem bei uns in der Re­gi­on nicht so. Wir ha­ben so­gar stei­gen­de Ein­kom­men und sta­gnie­ren­de Prei­se im Ein­zel­han­del. Aber na­tür­lich gibt es auch ei­nen Teil der Be­völ­ke­rung, der auf güns­ti­ge An­ge­bo­te an­ge­wie­sen ist. Die­ser Teil ist aber nicht für den Er­folg et­wa von Schnäpp­chen­märk­ten ver­ant­wort­lich.

Dem Schwa­ben sagt man ja ei­ne be­son­de­re Vor­lie­be zum Spa­ren – ja fast zum Geiz – nach. Gibt es in der Re­gi­on al­so mehr Spar­füch­se als an­ders­wo?

Auch das trifft nicht zu. In struk­tur­schwä­che­ren Re­gio­nen Deutsch­lands ist das Schnäpp­chen­the­ma im Stadt­bild noch viel prä­sen­ter, weil es dort tat­säch­lich mehr Men­schen gibt, die dar­auf an­ge­wie­sen sind. In ei­ni­gen Ge­gen­den im Os­ten Deutsch­lands oder im Ruhr­ge­biet sprin­gen die 1-Eu­ro-Lä­den und be­son­de­re An­ge­bo­te stär­ker ins

Au­ge. Wir le­ben ja qua­si auf ei­ner In­sel der Glück­se­li­gen hier.

Wel­che Rol­le spielt, dass Ein­kau­fen als Ak­ti­vi­tät heu­te grund­sätz­lich ei­ne ganz an­de­re Wer­tig­keit als frü­her hat? Es gibt so­gar TV-Sen­dun­gen zu dem The­ma.

Man ist kom­plett weg vom Ver­sor­gungs­kauf. Das macht man viel­leicht noch bei Le­bens­mit­teln.

Ein­kau­fen ist ei­gent­lich ein Frei­zei­tevent ge­wor­den, es steht in Kon­kur­renz mit Sport­ver­an­stal­tun­gen und an­de­ren Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten. Man geht zum Shop­ping nicht mehr, weil man et­was braucht. Wenn man dann ein Schnäpp­chen er­wischt, ob­wohl man es nicht braucht, freut man sich. Für vie­le ist Shop­pen auch ei­ne Be­loh­nung für be­son­de­re Leis­tun­gen.

Bis auf die Men­schen, die Re­pair-Ca­fés nut­zen, ist es ei­gent­lich Usus, de­fek­te Ge­gen­stän­de weg­zu­schmei­ßen und sich neue zu kau­fen. Hängt das ge­än­der­te Ein­kauf­ver­hal­ten auch mit der Weg­werf­ge­sell­schaft zu­sam­men?

Das liegt eher am tech­no­lo­gi­schen Wan­del. Die Ge­rä­te sind heu­te so kom­pli­ziert und gleich­zei­tig ist die Her­stel­lung we­sent­lich güns­ti­ger ge­wor­den, dass man gar nicht mehr auf die Idee kommt, ein Smart­pho­ne zu re­pa­rie­ren. Dann kauft man halt ein neu­es. Die Re­pair-Ca­fés sind ei­ne schö­ne klei­ne Ni­sche, aber das ist bei der brei­ten Schicht der Be­völ­ke­rung nicht an­ge­kom­men.

Sie be­ra­ten Kom­mu­nen zum The­ma Ein­zel­han­del. Wie ge­hen die Kom­mu­nen mit dem ge­än­der­ten Ein­kauf­ver­hal­ten am bes­ten um?

Den grö­ße­ren Städ­ten wie Stuttgart und Lud­wigs­burg geht es über­wie­gend gut. De­nen hat der On­li­ne-Han­del nicht ge­scha­det, weil sie ne­ben dem Ein­zel­han­del an­de­re An­ge­bo­te ha­ben. Die sind so stark, dass sie un­ter dem Schnäpp­chen- und On­li­ne-Aspekt nicht lei­den. Aber es gibt ei­ne kla­re Ab­wärts­ent­wick­lung der Klein­städ­te. Der klas­si­sche Fach­han­del funk­tio­niert in den Klein­städ­ten oft nicht mehr. Da kommt in der Tat ein Pro­blem auf uns zu, wenn wir nicht um­steu­ern.

Was kann man da tun? Kön­nen Lä­den heut­zu­ta­ge noch mit Qua­li­tät punk­ten?

Qua­li­tät zieht schon noch. Vor al­lem Ser­vice ist aber das A und O für den Fach­han­del. Das Ein­kau­fen im Groß­han­del und das Wei­ter­ver­kau­fen an den Kun­den – da­mit kann man im In­ter­net­zeit­al­ter

kein Geld mehr ver­die­nen. Mit Ama­zon kön­nen Sie preis­lich nicht kon­kur­rie­ren. Es geht des­halb den Bran­chen gut, die über den ei­gent­li­chen Ver­kauf hin­aus Di­enst­leis­tun­gen an­bie­ten kön­nen. Et­wa ein Ju­we­lier, der ei­gent­lich ja ein Gold­schmied ist und kein Ein­zel­händ­ler. Ein an­de­res Bei­spiel sind Op­ti­ker, die auch ein

Hand­werk be­trei­ben. Die sind nicht nur auf das Pro­dukt re­du­ziert. Wer nur ver­kauft, hat kei­ne Zu­kunft. Am här­tes­ten be­trof­fen sind tra­di­tio­nel­le Spar­ten wie et­wa Klei­dungs- und Schuh­ge­schäf­te.

Wel­che Fol­gen hat das?

In Klein­städ­ten fin­det man heu­te schon man­che Bran­chen gar nicht mehr. Da funk­tio­niert al­ler­dings der Le­bens­mit­tel­ein­zel­han­del in den letz­ten Jah­ren im­mer bes­ser, weil man die Le­bens­mit­tel­märk­te

wie­der nah am Kun­den ha­ben will. Als Bei­spiel fällt mir Freu­den­tal ein. Für den Ort ha­ben wir jah­re­lang ver­geb­lich ei­nen Le­bens­mit­tel­markt ge­sucht. Nie­mand woll­te da hin, weil es ein­fach zu klein ist und jetzt hat man es tat­säch­lich ge­schafft, dort wie­der ei­nen an­zu­sie­deln.

Spie­len bei Le­bens­mit­teln Schnäpp­chen ei­ne Rol­le? Fah­ren Kun­den auch mal in den nächs­ten Ort, um das Hack eisch bil­li­ger zu kau­fen?

Das ma­chen im­mer we­ni­ger Men­schen. Das zei­gen un­se­re Ver­brau­cher­be­fra­gun­gen. Da­nach ist es den Men­schen vor al­lem wich­tig, dass die Le­bens­mit­tel frisch und nah sind. Die Leu­te sind nicht mehr be­reit, gro­ße Dis­tan­zen zu­rück­zu­le­gen. Sie kau­fen auch häu­fi­ger ein als frü­her. In Kirch­heim als Bei­spiel ist man frü­her am Frei­tag oder Sams­tag zum Re­al oder Mul­ti­markt ge­fah­ren für ei­nen Groß­ein­kauf. Das macht heu­te kei­ner mehr. Da geht man zum Le­bens­mit­tel­markt, der nah ist. Das ist ei­ne Chan­ce für klei­ne Ge­mein­den wie Freu­den­tal oder Mun­dels­heim. Dort gibt es prak­tisch kei­nen Ein­zel­han­del mehr, aber es gibt noch ei­nen Net­to.

Wel­chen Rat wür­den Sie denn ge­ra­de den ge­fähr­de­ten Bran­chen wie Klei­dungs­ge­schäf­ten ge­ben? Müs­sen die ihr An­ge­bot auch on­li­ne be­reit­stel­len?

Selbst­stän­dig kön­nen die­se Lä­den oh­ne­hin nicht on­li­ne ver­kau­fen. Wenn, dann geht das ei­gent­lich nur, in­dem man sich ein­klinkt, et­wa bei Ama­zon-Mar­ket­place oder bei ei­ner Ver­bund­grup­pe. Viel wich­ti­ger ist, dass die­se Lä­den on­li­ne über­haupt sicht­bar sind und dass sie dort in­for­mie­ren, et­wa über Schnäpp­chen-Ak­tio­nen, und so die Leu­ten in den La­den be­kommt.

In Bie­tig­heim gibt es der­zeit ei­ni­ge Leer­stän­de in der In­nen­stadt. Wie kann man als Stadt­ver­wal­tung da­zu bei­tra­gen, dass die Qua­li­tät des Ein­zel­han­dels er­hal­ten bleibt?

Als Stadt kann man nur die Rah­men­be­din­gun­gen lie­fern. Dar­un­ter fällt un­ter an­de­rem die Er­reich­bar­keit und die ist in Bie­tig­heim mit den Park­plät­zen oh­ne Ge­büh­ren vor­bild­lich ge­löst. Au­ßer­dem gibt es sehr vie­le Fes­te und Ak­tio­nen in der Ein­kaufs­stra­ße. Die Stadt kann die Ge­schäf­te nicht selbst be­trei­ben aber die Kon­zen­tra­ti­on för­dern. Bei funk­tio­nie­ren­den In­nen­städ­ten wie Bie­tig­heim sind die Lä­den al­le sehr kom­pakt am Zen­trum auf­ge­reiht.

Wie se­hen sie den der­zei­ti­gen Trend zu Un­ver­packt- und Se­cond­hand-Lä­den?

Das ist ein su­per An­satz, ge­ra­de in Zei­ten des Kli­ma­wan­dels, aber es ist nur et­was für ei­ne klei­ne Ziel­grup­pe. Bei den Un­ver­packt-Lä­den liegt das an der Preis­struk­tur. Da tut sich Ot­to-Nor­mal-Ver­brau­cher schwer.

Wer nur ver­kauft, hat kei­ne Zu­kunft mehr.

Foto: Hel­mut Pang­erl

Ger­hard Beck von der Ge­sell­schaft für Markt- und Ab­satz­for­schung in Lud­wigs­burg hat mit der BZ über die Schnäpp­chen-Men­ta­li­tät und ih­re Fol­gen ge­spro­chen.

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