Ge­heim­nis um Mu­mie ei­nes Kin­des

For­schung Ein Münch­ner Pa­tho­lo­ge un­ter­sucht den ein­bal­sa­mier­ten Leich­nam ei­ner Zwei­jäh­ri­gen und stößt bei sei­nen Re­cher­chen auf ei­ne Ver­bin­dung zum Kö­nig: Der glaub­te, es wä­re sei­ne Toch­ter.

Bietigheimer Zeitung - - In Die Blick Welt - Chris­toph Ren­zi­kow­ski, kna

Der Pa­tho­lo­ge Andre­as Ner­lich hat schon viel er­lebt, aber das hat ihn doch ver­blüfft: Als sich im Herbst 2011 in der Fa­mi­li­en­gruft ei­nes aus­ge­stor­be­nen baye­ri­schen Adels­ge­schlechts süd­lich von In­gol­stadt der De­ckel ei­nes Kin­ders­ar­ges öff­net, blickt er ins Ge­sicht ei­nes vor 200 Jah­ren ge­stor­be­nen wu­sche­li­gen Blond­schop­fes, „als wä­re die Klei­ne so­eben aus dem Schlaf er­wacht und hät­te den Kopf ge­schüt­telt“. Ei­nen so per­fekt er­hal­te­nen und da­bei so al­ten klei­nen Men­schen­kör­per hat er noch nie ge­se­hen.

Der lan­ge Schnitt über dem Bauch zeigt dem Fach­mann: der Leich­nam wur­de pro­fes­sio­nell ein­bal­sa­miert. Aber war­um? Am Mitt­woch­abend prä­sen­tier­te Ner­lich an sei­nem Ar­beits­platz im Kran­ken­haus München-Schwa­bing vor ge­la­de­nen Gäs­ten sei­ne Er­kennt­nis­se aus acht Jah­ren akri­bi­scher For­schung. Der Weg in den Hör­saal führt durch ge­flies­te

Räu­me mit blitz­blan­ken Edel­stahl­ti­schen. Über der Tür ei­ne la­tei­ni­sche In­schrift: Der Tod mö­ge die Le­ben­den leh­ren.

Ner­lich hat schon mehr als 1800 Mu­mi­en auf dem Tisch ge­habt, vor­wie­gend al­te Ägyp­ter, auch den Glet­scher­mann „Öt­zi“. Ein aus­ge­fal­le­nes Hob­by, das nicht nur sei­ne gan­ze be­ruf­li­che Ex­per­ti­se er­for­dert, son­dern auch de­tek­ti­vi­schen Spür­sinn.

Frü­he Schä­di­gung der Nie­ren

Ca­ro­li­na von Jor­dan hat ih­ren zwei­ten Ge­burts­tag nicht er­lebt. Rönt­gen­un­ter­su­chun­gen, Com­pu­ter­to­mo­gra­phie und ein Kern­spin er­ge­ben ein un­re­gel­mä­ßi­ges Kno­chen­wachs­tum und frü­he Schä­di­gun­gen der Nie­ren. Die For­scher fin­den ei­nen Spul­wurm in den Ein­ge­wei­den, die „wie ges­tern erst ent­nom­men“in ei­nem Me­tall­ge­fäß am Fu­ßen­de ih­res Sar­ges in Al­ko­hol ein­ge­legt sind.

Ein Mi­kro­pa­ra­sit hat ih­re Ab­wehr­kräf­te zu­sätz­lich ge­schwächt. Ob­wohl gut er­nährt, wird die Ba­ro­ness am 24. Ju­li 1816 von ei­ner Lun­gen­ent­zün­dung da­hin­ge­rafft. In Nea­pel.

Weit­aus elek­tri­sie­ren­der als der me­di­zi­ni­sche Be­fund sind im

Zu­sam­men­hand mit der Kin­der­mu­mie die Er­geb­nis­se Ner­lichs his­to­ri­scher Re­cher­chen in Ar­chi­ven, Kir­chen­bü­chern und Brief­wech­seln. Da macht ein jun­ger, gut aus­se­hen­der pro­tes­tan­ti­scher Preu­ße im baye­ri­schen Mi­li­tär zur Zeit Na­po­le­ons ei­ne atem­be­rau­ben­de Kar­rie­re vom un­be­zahl­ten Un­ter­leut­nant zum Ge­ne­ral­ma­jor. Er er­wirbt sich die Gunst von Kö­nig Max I. Jo­seph, hei­ra­tet ei­ne Hof­da­me und bringt es rasch zu Wohl­stand. An Selbst­be­wusst­sein man­gelt es ihm nicht. „Der Mann muss ei­ne Rie­sen-Klap­pe ge­habt ha­ben“, er­zählt Ner­lich.

War­um aber ver­heim­licht das Paar sei­ne Hoch­zeit, war­um reist es zur Ge­burt des ers­ten Kin­des ins Aus­land und ver­schlei­ert auch noch den Ent­bin­dungs­ter­min? Wie im Kri­mi muss bei der Auf­lö­sung manch­mal „Kom­mis­sar Zu­fall“hel­fen. Bei der klei­nen Ca­ro­li­na sind es die Me­moi­ren des Hein­rich Le­vin Graf von Wint­zin­ge­ro­de (1778–1856), der zwi­schen 1809 und 1810 als Bot­schaf­ter Würt­tem­bergs in München weilt. Der Ge­sand­te schreibt von recht lo­cke­ren Sit­ten und dass auch Max I. Jo­seph kein Kind von Trau­rig­keit ge­we­sen sei.

Der Graf hat auch fest­ge­hal­ten, wie der Kö­nig sei­nem Ad­ju­tan­ten Wil­helm von Jor­dan ei­nes Ta­ges vor­hielt, ei­ner Hof­da­me ein Kind ge­macht zu ha­ben, wes­halb er sie nun hei­ra­ten müs­se. Jor­dan äu­ßer­te aber Zwei­fel an sei­ner Va­ter­schaft. Die be­zog der Mon­arch auf sich und be­teu­er­te nun sei­ner­seits, „daß er mit dem Fräu­lein län­ger als ein Jahr nichts mehr ge­habt ha­be“. Eh­ren­wort hin oder her – zu­min­dest kann der Kö­nig die Zeu­gung wohl nicht aus­schlie­ßen.

Aus die­sen Um­stän­den er­wächst ein Ge­schäft auf Ge­gen­sei­tig­keit: Wil­helm von Jor­dan ehe­licht Vio­lan­te von San­di­zell, die Af­fä­re des Kö­nigs, mit der von Jor­dan aber selbst schon seit vier Jah­ren verlobt ist. Er bringt die Schwan­ge­re post­wen­dend aus der Schuss­li­nie des hö­fi­schen Klat­sches und Trat­sches. Da­für er­hält er ei­nen baye­ri­schen Adels­ti­tel und ei­nen lu­kra­ti­ven Ge­richts­stand. Auch spä­ter greift der Mon­arch für Jord­ans Fa­mi­lie noch mehr­fach tief in die Kas­se.

Ein Spross des flot­ten O ziers

Das er­klärt für Ner­lich auch die kost­spie­li­ge Ein­bal­sa­mie­rung der Ba­ro­ness in Sü­dita­li­en samt um­ge­hen­der Rück­kehr nach Bay­ern. Nach dem un­er­war­te­ten Ver­lust ih­res „Faust­pfan­des“wol­len Wil­helm und Vio­lan­te den prä­pa­rier­ten Leich­nam als „Er­in­ne­rungs­hil­fe“im Fal­le fi­nan­zi­el­ler Not nut­zen. Als ei­ne Art Ren­ten­an­spruch al­so.

Viel­leicht war aber Max I. Jo­seph wirk­lich der Va­ter und die bei­den setz­ten ge­gen ihn – wenn auch mit un­ge­wöhn­li­chen Mit­teln – nur be­rech­tig­te An­sprü­che durch? Das kann der Pa­tho­lo­ge aus­schlie­ßen. Ein ge­richts­me­di­zi­ni­scher Ab­gleich des Gen­pro­fils al­ler in der Fa­mi­li­en­gruft Be­stat­te­ten zeigt: Die klei­ne Ca­ro­li­na war der Spross des flot­ten Gar­deo ziers, „zu 99,9997 Pro­zent“.

Die Schwan­ge­re aus der Schuss­li­nie des hö­fi­schen Trat­sches ge­nom­men.

Re­kon­struk­ti­on: Andre­as Ner­lich Foto: Andre­as Ner­lich

So könn­te das Mäd­chen dem Münch­ner Pa­tho­lo­gen zu­fol­ge aus­ge­se­hen ha­ben, als es ge­stor­ben ist. Die Mu­mie ist knapp 200 Jah­re alt.

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