Ma­ge­re Zei­ten für Spar­schwei­ne

Welt­spar­tag Im­mer mehr Bür­ger hal­ten Ak­ti­en für ei­ne in­ter­es­san­te An­la­ge. Doch das meis­te Geld liegt im­mer noch un­ver­zinst auf dem Girokonto. Von Die­ter Kel­ler

Bietigheimer Zeitung - - Wirtschaft -

Aus­ge­rech­net am heu­ti­gen Welt­spar­tag, den die Spar­kas­sen seit 1925 jähr­lich fei­ern, wä­ren Ne­ga­tiv­zin­sen auch für klei­ne Spa­rer ei­ne denk­bar schlech­te Nach­richt. Doch der Prä­si­dent des Deut­schen Spar­kas­sen- und Gi­ro­ver­ban­des (DSGV), Hel­mut Schle­weis, kann sie nicht aus­schlie­ßen. Er hält sie zwar für „nicht wün­schens­wert“. Aber ob die Ne­ga­tiv­zin­sen, die die In­sti­tu­te an die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank (EZB) zah­len müs­sen, auch bei Pri­vat­leu­ten an­kom­men, „wird man se­hen müs­sen“.

Zu­vor war ein Rund­schrei­ben des Bun­des­ver­bands der Deut­schen Volks- und Rai ei­sen­ban­ken an sei­ne Mit­glieds­in­sti­tu­te be­kannt ge­wor­den. Nach ei­nem Be­richt des „Han­dels­blatts“wer­den dar­in nicht nur die recht­li­chen Mög­lich­kei­ten dar­ge­legt, son­dern auch Stra­te­gi­en auf­ge­zeigt, wie die In­sti­tu­te ih­re Kun­den auf Ne­ga­tiv­zin­sen ein­stim­men soll­ten.

Klar ist, dass sie zu­nächst nur für neue Kun­den zu­läs­sig sind. Von Be­stands­kun­den brau­chen sie die Zu­stim­mung zur Än­de­rung der All­ge­mei­nen Ge­schäfts­be­din­gun­gen. Al­ler­dings könn­ten die Ban­ken da­mit dro­hen, oh­ne die­se die Kon­ten zu kün­di­gen.

Ähn­li­che Hand­rei­chun­gen gibt es laut Schle­weis bei den Spar­kas­sen nicht. Doch auch sie in­for­mie­ren ih­re Mit­glie­der be­reits über den recht­li­chen Rah­men.

Bis­her ver­lan­gen 35 Ban­ken und Spar­kas­sen von ih­ren Pri­vat­kun­den Ne­ga­tiv­zin­sen, al­ler­dings erst ab Gut­ha­ben von min­des­tens 100 000 € bis 1 Mio. €, zeigt ei­ne Über­sicht des Ver­gleich­spor­tals bi­al­lo.de. Ge­schäfts­kun­den wer­den deut­lich häu­fi­ger zur Kas­se ge­be­ten.

Es ist aber im­mer ei­ne Ein­zel­ver­ein­ba­rung nö­tig. Da ei­gent­lich kei­ne Ne­ga­tiv­zin­sen zu­läs­sig sind, wer­den die­se teil­wei­se als „Ver­wahr­ge­bühr“de­kla­riert.

Die Spar­kas­sen ver­such­ten, ih­re Kun­den „so lan­ge es geht“vor Ne­ga­tiv­zin­sen zu schüt­zen, sag­te Schle­weis. Sie hät­ten den öf­fent­li­chen Auf­trag, das Spa­ren der Be­völ­ke­rung zu stär­ken. „Aber wenn sich die Spiel­re­geln to­tal än­dern, ist die Fra­ge, wie lan­ge sie sich dem ent­zie­hen kön­nen.“

Der­zeit müs­sen Kre­dit­in­sti­tu­te für Ein­la­gen bei der EZB 0,5 Pro­zent Ne­ga­tiv­zins im Jahr zah­len. Ob und wie sie das an ih­re Kun­den wei­ter­ge­ben, hän­ge auch vom Wett­be­werb ab. Noch im­mer bie­ten laut bi­al­lo.de 40 Ban­ken kos­ten­lo­se Gi­ro­kon­ten oh­ne Min­dest­geld­ein­gang an.

Auf das Spar­ver­hal­ten der Deut­schen ha­ben sich die Ne­ga­tiv­zin­sen bis­her nicht ne­ga­tiv aus­ge­wirkt: 2018 lag die Spar­quo­te der pri­va­ten Haus­hal­te bei 10,4 Pro­zent ih­res ver­füg­ba­ren Ein­kom­mens. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren ist sie deut­lich ge­stie­gen. Für die­ses und nächs­tes Jahr rech­nen die Volks­wir­te der Spar­kas­sen mit 10,5 Pro­zent.

Da das nor­ma­le Spar­buch kaum noch Zin­sen ab­wirft, sucht fast die Hälf­te der Men­schen in Deutsch­land nach An­la­ge­pro­duk­ten, die mehr Ge­winn ver­spre­chen, er­gab ei­ne re­prä­sen­ta­ti­ve Um­fra­ge des DSGV un­ter 5800 Per­so­nen. Da­bei ha­ben Ak­ti­en den ers­ten Platz er­obert und Im­mo­bi­li­en so­wie Fonds über­holt.

Je­der fünf­te ist be­reit, für ei­ne hö­he­re Ver­zin­sung et­was mehr Ri­si­ko ein­zu­ge­hen – zu­min­dest in der Theo­rie. Doch die Pra­xis zeigt ein ganz an­de­res Bild: „Im Mo­ment sind 63 Pro­zent der pri­va­ten Kun­den­ein­la­gen bei Spar­kas­sen, al­so 480 Mrd. €, täg­lich fäl­li­ge Gel­der, die sich kaum noch über den Zins ver­meh­ren und der In­fla­ti­on aus­ge­setzt sind“, wun­dert sich Schle­weis. „Der Wunsch, je­der­zeit auf das Er­spar­te zu­grei­fen zu kön­nen, ist auch in die­sem Jahr o en­bar hö­her als der Wunsch nach Ren­di­te.“Die täg­lich fäl­li­gen Gel­der ha­ben bei den Spar­kas­sen von Ja­nu­ar bis Au­gust 2019 um über 6 Pro­zent zu­ge­legt, wäh­rend et­was hö­her ver­zins­te An­la­gen ab­ge­nom­men ha­ben.

Über­zo­ge­ne Er­war­tun­gen

Das könn­te da­ran lie­gen, dass vie­le Spa­rer die Hö­he ih­rer Zin­s­er­trä­ge falsch ein­schät­zen. Nach ei­ner Um­fra­ge der Post­bank hat je­der Drit­te kei­ner­lei Vor­stel­lun­gen, wie hoch die Ren­di­te ist. Nur je­der Vier­te ist sich be­wusst, dass ih­re An­la­gen kei­ne Ge­win­ne ab­wer­fen. Vor al­lem jun­ge Men­schen rech­nen mit ei­ner völ­lig un­rea­lis­tisch ho­hen Ver­zin­sung: Je­der Sieb­te zwi­schen 16 und 39 er­war­tet mehr als 10 Pro­zent – mit dem Spar­buch nie zu er­rei­chen.

Vie­le Spa­rer schät­zen die Hö­he ih­rer Zin­s­er­trä­ge falsch ein.

Foto: Da­ni­el Naupold/dpa

Viel hei­ße Luft, we­nig Ren­di­te im Spar­schwein. Ob­wohl sich Spa­ren mit Spar­buch und Girokonto nicht lohnt, ist es im­mer noch be­liebt.

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