Als Ju­gend­rat in Po­li­tik mit­mi­schen

Kom­mu­nen Jun­ge Men­schen wol­len mit­ent­schei­den. Ein Gre­mi­um für 15- bis 18-Jäh­ri­ge in Stutt­gart macht das mög­lich – und bald sind wie­der Wah­len. Doch was ge­nau kön­nen sie dort über­haupt be­wir­ken?

Bietigheimer Zeitung - - Südwestums­chau - The­re­sa Rau mann

Man kann ja nichts ver­lie­ren, son­dern er­hält nur mehr Mög­lich­kei­ten.

Minh Thi Huynh

Mit­glied im Ju­gend­rat Stutt­gart

Statt frei­tags vor dem Rat­haus zu de­mons­trie­ren, sitzt die 17-jäh­ri­ge Minh Thi Huynh lie­ber im Rat­haus und re­det dort mit den Po­li­ti­kern auf Au­gen­hö­he. Das kann Huynh, weil sie Mit­glied im Ju­gend­rat Stutt­gart ist. „Al­les, was man um­set­zen will, kann man auch ma­chen“, sagt Huynh. Geld und Kon­tak­te sei­en da, man sei di­rekt am Ge­sche­hen und kön­ne „was ver­än­dern“. Grün­de ge­nug für Huynh, die seit 2018 im Ju­gend­rat im Be­zirk Möh­rin­gen ist, auch bei der kom­men­den Wahl wie­der zu kan­di­die­ren.

In Stutt­gart kön­nen sich Ju­gend­li­che noch bis die­sen Don­ners­tag als Kan­di­da­ten für den Ju­gend­rat auf­stel­len las­sen. Die Wah­len fin­den vom 13. bis zum 31. Ja­nu­ar 2020 statt. Kan­di­die­ren und wäh­len kön­nen Ju­gend­li­che, die zum letz­ten Wahl­tag äl­ter als 14, aber jün­ger als 19 Jah­re alt sind und seit min­des­tens drei Mo­na­ten in ei­nem Stutt­gar­ter Stadt­be­zirk woh­nen – un­ab­hän­gig von ih­rer Na­tio­na­li­tät.

Mehr Bio­an­teil am Schu­les­sen

Was der Stutt­gar­ter Ju­gend­rat so macht? Zu­letzt hat­te er zum Bei­spiel Was­ser­spen­der auf öf­fent­li­chen Plät­zen vor­an­ge­trie­ben und die Trans­port­ge­büh­ren der Stadt­bi­blio­thek ab­schaf­fen las­sen, wenn Bü­cher an Be­zirks­stand­or­ten zu­rück­ge­ge­ben wer­den. Au­ßer­dem hat er er­reicht, dass der Bio­an­teil an Schu­les­sen auf 25 Pro­zent ge­stie­gen ist.

193 Ju­gend­rats­plät­ze für zwei Jah­re sind zu be­set­zen, ge­wählt wird pro Stadt­be­zirk. Fin­det sich pro Be­zirk kei­ne aus­rei­chend ho­he Zahl an Kan­di­da­ten, fin­den dort kei­ne Wah­len statt. Statt­des­sen wer­den Pro­jekt­grup­pen mit den Kan­di­da­ten ein­ge­rich­tet, die von der Ver­wal­tung un­ter­stützt wer­den und die die­sel­ben Rech­te

ha­ben wie der ge­wähl­te Ju­gend­rat.

Bis­her hät­ten noch nicht ge­nug Ju­gend­li­che ih­re Kan­di­da­tur für die kom­men­de Amts­zeit an­ge­mel­det, sagt Ro­land Kelm von der Ko­or­di­nie­rungs­stel­le für die Be­tei­li­gung Ju­gend­li­cher am kom­mu­na­len Ge­sche­hen. Kelm be­rich­tet, dass das In­ter­es­se bei Vor­stel­lung des Ju­gend­rats in Schul­klas­sen hoch sei, die tat­säch­li­chen Be­wer­bun­gen blie­ben dann aber meist da­hin­ter zu­rück.

Auch Huynh hat vor zwei Jah­ren in der Schu­le vom Ju­gend­rat er­fah­ren. Zwei Ju­gend­rä­te hät­ten das Kon­zept in ih­rer Klas­se im Wil­helms-Gym­na­si­um in De­ger­loch vor­ge­stellt. Sie war be­geis­tert und ließ sich zu­sam­men mit ei­nem Freund für das Amt auf­stel­len. „Man kann ja nichts ver­lie­ren, son­dern er­hält nur mehr Mög­lich­kei­ten“, er­läu­tert sie ih­re Mo­ti­va­ti­on von da­mals. Den Ju­gend­rat be­schreibt sie als „Sprach­rohr al­ler Ju­gend­li­cher“, das noch wir­kungs­vol­ler sei als die Fri­days-for-Fu­ture-Pro­tes­te, mit de­ren Mit­glie­dern der Ju­gend­rat je­doch ko­ope­rie­re.

Die Be­zirks­ju­gend­rä­te in den Stutt­gar­ter Stadt­tei­len kön­nen Vor­schlä­ge ein­brin­gen, an Sit­zun­gen teil­neh­men und ha­ben ein Re­de­recht. Der ge­samt­städ­ti­sche Ju­gend­rat, in den Ver­tre­ter der Be­zirks­ju­gend­rä­te ge­wählt wer­den, hat ein An­fra­ge- und An­trags­recht wie der nor­ma­le Ge­mein­de­rat.

Ein Ju­gend­rat ist ei­ne spe­zi­el­le Form der Be­tei­li­gung von Kin­dern und Ju­gend­li­chen auf kom­mu­na­ler Ebe­ne. In Ba­denWürt­tem­berg gibt es ei­ne Viel­zahl sol­cher An­ge­bo­te, die aber nicht al­le ge­bün­delt un­ter dem Na­men „Ju­gend­rat“lau­fen, son­dern un­ter­schied­lich hei­ßen. So gibt es in Biberach und Weil am Rhein (Kreis Lör­rach) bei­spiels­wei­se ein Ju­gend­par­la­ment, in Wein­heim (Rhein-Neckar-Kreis) kön­nen sich Ju­gend­li­che im Ju­gend­ge­mein­de­rat en­ga­gie­ren.

Un­ter­schie­de in Ge­mein­den

Auch die Rech­te der Ju­gend­li­chen bei den Be­tei­li­gungs­for­men un­ter­schei­den sich von Ge­mein­de zu Ge­mein­de. Gut die Hälf­te al­ler 1101 Ge­mein­den in Ba­denWürt­tem­berg bie­tet ei­ne Form der Ju­gend­be­tei­li­gung an, wie ei­ne Stu­die der Lan­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung Ba­denWürt­tem­berg von 2018 her­aus­fand. Der Ju­gend­rat in Stutt­gart ist mit Ab­stand der größ­te, in man­chen klei­ne­ren Kom­mu­nen sind we­ni­ger als zehn Plät­ze im Ju­gend­rat zu ver­ge­ben.

Der Frei­bur­ger Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Ul­rich Eith be­grüßt prin­zi­pi­ell je­de Form der kom­mu­na­len Be­tei­li­gung von Ju­gend­li­chen. So kön­ne die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on ih­re In­ter­es­sen ein­brin­gen, Er­fah­run­gen in der Po­li­tik sam­meln und die De­mo­kra­tie für sich neu ent­de­cken. Wich­tig da­bei sei es al­ler­dings, dass die Po­si­tio­nen der Ju­gend­li­chen ernst­haft dis­ku­tiert wer­den und ei­ni­ge Pro­jek­te auch durch­ge­setzt wer­den. Dass nicht al­le For­de­run­gen rea­li­siert wer­den kön­nen, sei aber nor­mal. Die Zwölft­kläss­le­rin Huynh kann ei­ne Kan­di­da­tur je­dem emp­feh­len, der et­was ver­än­dern will. Das Amt er­öff­ne vie­le Mög­lich­kei­ten und ma­che zu­dem „ver­dammt viel Spaß“.

Fo­to: Tom Wel­ler/dpa

Die Zwölft­kläss­le­rin Minh Thi Huynh, Mit­glied des Stutt­gar­ter Ju­gend­rats, emp ehlt je­dem, da­für zu kan­di­die­ren.

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