Mos­kau stellt Netz un­ter staat­li­che Kon­trol­le

Bietigheimer Zeitung - - Themen Des Tages / Politik - Ste­fan Scholl

Zen­sur Das neue Ge­setz zur Iso­lie­rung des rus­si­schen In­ter­nets funk­tio­niert nur auf dem Pa­pier. Aber ein Teil des vir­tu­el­len Russ­lands sucht schon Zuflucht vor dem ei­ge­nen Staat.

Am Frei­tag ist in Russ­land das hef­tig um­strit­te­ne Ge­setz über das „Sou­ve­rä­ne In­ter­net“in Kraft ge­tre­ten. Sei­ne Be­für­wor­ter ver­si­chern, es wer­de die rus­si­schen Nut­zer vor Cy­ber­at­ta­cken und Ab­schalt­ver­su­chen aus dem Aus­land schüt­zen. Kri­ti­ker da­ge­gen glau­ben, es die­ne dem Staat da­zu, miss­lie­bi­ge Da­ten­strö­me vor al­lem aus dem Wes­ten zu kap­pen, und das vir­tu­el­le Russ­land zu iso­lie­ren. Bis­her aber funk­tio­niert das Ge­setz nur auf dem Pa­pier.

Wenn der Kreml das glo­ba­le Netz wirk­lich ab­schal­te, wür­den al­le Goog­le-Di­ens­te, au­ßer­dem Face­book, Ins­ta­gram und Twit­ter aus­fal­len. „Das Smart­pho­ne stellt dann ein nutz­lo­ses Stück Plas­tik dar“, warnt der IT-Ex­per­te Ale­xei Tschu­wa­schow im Wirt­schafts­por­tal for­bes.ru. „Aber zu­erst ein­mal pas­siert gar nichts.“

Das Ge­setz be­fugt die Auf­sichts­be­hör­de Ros­kom­nad­sor, im Ge­fah­ren­fall das rus­si­sche In­ter­net und sei­ne In­for­ma­ti­ons­strö­me zen­tral zu steu­ern. Es sieht au­ßer­dem vor, al­le Punk­te in ei­nem Re­gis­ter zu er­fas­sen, an de­nen das rus­si­sche und das glo­ba­le Netz In­for­ma­ti­ons­strö­me aus­tau­schen. Und es ver­pflich­tet die Pro­vi­der, sich mit DPI-Fil­ter­tech­nik aus­zu­rüs­ten, die den ge­sam­ten Da­ten­ver­kehr nach dem Prin­zip „Deep Pa­cket In­spec­tion“kon­trol­lie­ren und nach Be­darf blo­ckie­ren kann.

Aber die­ses Ge­rät ist bis­her of­fen­bar nur be­schränkt ein­satz­be­reit, wie Dmi­tri Pes­kow, Prä­si­den­ten­be­ra­ter für In­for­ma­ti­ons­tech­no­lo­gi­en, der Zei­tung „No­wa­ja Ga­se­ta“ge­stand: „Tech­nisch ist das Land noch nicht so weit.“

Laut dem Wirt­schafts­por­tal rbc.ru wird in­zwi­schen Fil­ter­tech­nik der Fir­ma RDP.RU von gro­ßen Mo­bil­funk­an­bie­tern in der Ural-Re­gi­on ge­tes­tet. „Aber das be­wegt sich al­les auf der Ebe­ne von Ge­rüch­ten“, sagt Alex­an­der Is­saw­nin von der NGO „Ge­sell­schaft zum Schutz des In­ter­nets“. Wie die Op­po­si­ti­ons­zei­tung „No­wa­ja Ga­se­ta“schreibt, hat der Ein­satz der DPI-Fil­ter im Ural sein Haupt­ziel, die Blo­cka­de des miss­lie­bi­gen Mes­sen­ger­ka­nals Te­le­gram, ver­fehlt. Und die Nut­zer dort hät­ten mit­tels ei­nes VPN-Pro­gramms auch wei­ter­hin Zu­gang auf al­le von Ros­kom­nad­sor ge­sperr­ten Por­ta­le.

„Noch ste­hen nicht ein­mal die Pfäh­le für den St­a­chel­draht­zaun um das rus­si­sche In­ter­net“, spot­tet Is­saw­nin. Aber der Staat ha­be sich die Mög­lich­keit ge­schaf­fen, die Frei­heit im rus­si­schen Netz sehr weit­ge­hend ab­zu­schaf­fen.

Bür­ger­recht­ler be­fürch­ten, wenn das Fil­tern schei­te­re, wer­de die Ob­rig­keit das In­ter­net ein­fach ab­schal­ten, wie in In­gu­sche­ti­en, wo be­reits zwei Mal an­ge­sichts von Mas­sen­pro­tes­ten das mo­bi­le Netz ta­ge­lang aus­fiel. Vie­le Nut­zer aber glau­ben, das In­ter­net wer­de schlech­ter und teu­rer. Ge­schäfts­leu­te kal­ku­lie­ren mit Ver­lus­ten. Und zahl­rei­che rus­si­sche On­li­ne­shops nut­zen aus­län­di­sche Ser­ver.

Foto: Mar­cus Brandt/dpa

Ei­ne Frau schaut im rus­si­schen Saransk auf ihr Smart­pho­ne. Nun ver­stärkt der Staat die Kon­trol­le. Kri­ti­ker be­fürch­ten Zen­sur.

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