Ganz gro­ße Oper

Bietigheimer Zeitung - - Feuilleton -

Kul­tur­po­li­tik Die Grü­nen sind be­reit, für die Mo­der­ni­sie­rung der Staats­thea­ter in Stutt­gart ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro zu in­ves­tie­ren. Fin­den sie da­für Mehr­hei­ten? Von Ro­land Mu­schel

Es lohnt sich, für die­se In­ves­ti­ti­on mit Herz und Kopf zu kämp­fen.

Fritz Kuhn

Stutt­gar­ter Ober­bür­ger­meis­ter

Es ha­be sich heu­te ein Ge­fühl ein­ge­stellt, dass es nun los­ge­he, sagt Vic­tor Scho­ner, der In­ten­dant der Staats­oper Stutt­gart, am spä­ten Di­ens­tag­abend. Er klingt kurz eu­pho­risch, schiebt dann aber ei­nen Satz nach: Er hof­fe, dass die Ide­en der Pla­ner und Ma­cher nun nicht zer­malmt wür­den.

Der Wunsch bleibt un­er­füllt. Das Um­set­zungs­kon­zept und die Kos­ten­kal­ku­la­ti­on zur Mo­der­ni­sie­rung des Stutt­gar­ter Drei-Spar­ten-Hau­ses samt Be­kennt­nis zur mög­li­chen Mil­li­ar­den­in­ves­ti­ti­on, die der Stutt­gar­ter Ober­bür­ger­meis­ter Fritz Kuhn, Ba­den-Würt­tem­bergs Wis­sen­schafts­mi­nis­te­rin The­re­sia Bau­er und Fi­nanz-Staats­se­kre­tä­rin Gi­se­la Splett (al­le Grü­ne) dem Ver­wal­tungs­rat der Würt­tem­ber­gi­schen Staats­thea­ter prä­sen­tie­ren, fin­den zwar den Bei­fall der In­ten­dan­ten. Aber an­dern­tags wird au­gen­fäl­lig, dass für das Pro­jekt bis­lang we­der im Land­tag noch im Stutt­gar­ter Ge­mein­de­rat Mehr­hei­ten ab­seh­bar sind. Die Kri­ti­ker rei­ben sich an De­tails – und den Kos­ten.

Selbst die CDU, auf Lan­des­ebe­ne Ko­ali­ti­ons­part­ner der Grü­nen und in der Stadt zweit­stärks­te Frak­ti­on, zeigt sich skep­tisch bis ab­leh­nend. „Wir müs­sen uns als Land schon sehr ge­nau über­le­gen, ob wir uns die­sen Weg so leis­ten kön­nen“, sagt der Fi­nanz­ex­per­te der CDU-Land­tags­frak­ti­on, To­bi­as Wald am Mitt­woch. Noch deut­li­cher wird der Chef der CDU-Ge­mein­de­rats­frak­ti­on, Alex­an­der Kotz: „Ich kann mir nicht vor­stel­len, dass wir an­ge­sichts der Sum­me ein­fach ei­nen Ha­ken un­ter den Vor­schlag ma­chen.“

Die grü­nen Spit­zen­po­li­ti­ker in Stadt und Land ge­ben sich in­des nicht ge­schla­gen, sie wol­len Mehr­hei­ten für das vor­ge­stell­te Kon­zept or­ga­ni­sie­ren. Mit Oper und Bal­lett ha­be Stutt­gart ei­nen „wert­vol­len Schatz“von über­re­gio­na­ler Be­deu­tung und Aus­strah­lung, den es zu er­hal­ten gel­te, wirbt Kuhn. „Es lohnt sich, für die­se In­ves­ti­ti­on mit Herz und Kopf zu kämp­fen.“

Für den heu­ti­gen Don­ners­tag hat er die Chefs der Rats­frak­tio­nen zum Ge­spräch ge­be­ten, im zwei­ten Quar­tal 2020 will er im Ge­mein­de­rat ei­nen Be­schluss her­bei­füh­ren. Wis­sen­schafts­mi­nis­te­rin Bau­er sagt, sie glau­be, dass man für das Vor­ha­ben „er­folg­reich“Über­zeu­gungs­ar­beit leis­ten kön­ne. Die Zah­len sei­en zwar „har­te Kost“, aber ehr­lich. „Wir hö­ren auf mit der Po­li­tik frü­he­rer Jah­re, sich mit ge­schön­ten Zah­len bil­lig in so ein Pro­jekt ein­zu­schlei­chen.“

Die Zah­len, die nun vor­lie­gen, sind je­den­falls hö­her als von vie­len er­war­tet. Sa­nie­rung und Er­wei­te­rung der Würt­tem­ber­gi­schen Staats­thea­ter könn­ten dem­nach mit 740 bis 960 Mil­lio­nen Eu­ro zu Bu­che schla­gen, so die Grob­kos­ten­schät­zung der Staat­li­chen Ver­mö­gens- und Hoch­bau­ver­wal­tung. Ab­ge­deckt wä­re da­mit die Sa­nie­rung des Opern­ge­bäu­des, des his­to­ri­schen Litt­mann-Baus im Her­zen der Stadt, so­wie ein neu­es und grö­ße­res Ku­lis­sen­ge­bäu­de und die Neu­struk­tu­rie­rung von Ver­wal­tungs­bau und Schau­spiel­haus.

Hin­zu kom­men Bau­ten für ei­ne Er­satz­spiel­stät­te für die auf min­des­tens sie­ben Jah­re an­ge­setz­ten Sa­nie­rungs­maß­nah­men. Da­für wer­den wei­te­re 104 Mil­lio­nen Eu­ro ver­an­schlagt. An­ders als in den bis­he­ri­gen Pla­nun­gen vor­ge­se­hen, sol­len die In­te­rims­bau­ten spä­ter für an­de­re Zwe­cke wei­ter­ge­nutzt wer­den. Staats­se­kre­tä­rin Splett weist Kri­ti­ker dar­auf hin, dass der Litt­mann-Bau so oder so sa­niert wer­den müs­se. „Nichts­tun ist kei­ne Al­ter­na­ti­ve.“Das Ge­gen­teil sei der Fall: „Je län­ger wir war­ten, des­to teu­rer wird es.“

Da­ge­gen wirft der Ver­ein „Auf­bruch“um den frü­he­ren TV-Mo­de­ra­tor Wie­land Ba­ckes den Ver­ant­wort­li­chen vor, Al­ter­na­ti­ven nie ernst­haft ge­prüft zu ha­ben. Statt­des­sen fin­de an den Bür­gern vor­bei ein „Mil­li­ar­den­spiel“statt. Die Kos­ten sto­ßen auch dem SPD-Frak­ti­ons­vi­ze im Land­tag, Mar­tin Ri­voir, der auch Mit­glied im Ver­wal­tungs­aus­schuss der Staats­thea­ter ist, sau­er auf: „Mei­ne Frak­ti­on hat bei die­ser Sum­me schwe­re Be­den­ken. Für deut­lich we­ni­ger Geld wer­den in an­de­ren Städ­ten kom­plet­te neue Opern­häu­ser ge­baut.“

Der SPD-Frak­ti­ons­chef im Ge­mein­de­rat, Mar­tin Kör­ner, sieht die Plä­ne aus an­de­ren Grün­den kri­tisch: „Wir fin­den das Ge­samt­kon­zept bis­her städ­te­bau­lich nicht über­zeu­gend.“Kuhn, Bau­er und Co. steht of­fen­bar noch viel Über­zeu­gungs­ar­beit be­vor.

Fo­to: Bernd Weiß­brod/dpa

Das Opern­haus in Stutt­gart, das ge­ne­ral­sa­niert und er­wei­tert wer­den soll.

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