Tau­send­sas­sa der Li­te­ra­tur

Schrift­stel­ler Der gro­ße deut­sche Nach­kriegs­au­tor Hans Magnus En­zens­ber­ger fei­ert sei­nen 90. Ge­burts­tag. Mit La­ko­nie nimmt er sein Al­ter an: Sein neu­es No­tiz­buch heißt „Fall­obst“.

Bietigheimer Zeitung - - Feuilleton - Wil­fried Mom­mert

Hans Magnus En­zens­ber­ger ist kein Mann der lei­sen Tö­ne. Po­in­tiert und ger­ne auch un­be­quem oder gar spöt­tisch mel­det er sich zu Wort. Ein Ly­ri­ker, In­tel­lek­tu­el­ler und po­li­ti­scher Den­ker, der ne­ben Gün­ter Grass, Mar­tin Wal­ser, Uwe John­son und Hein­rich Böll zu den prä­gen­den Au­to­ren der bun­des­deut­schen Nach­kriegs­li­te­ra­tur zählt. An die­sem Mon­tag wird En­zens­ber­ger nun 90 Jah­re alt. Fei­ern wol­le er im klei­nen Kreis, ließ er über sei­nen Ver­lag Suhr­kamp ver­kün­den. Sei­nen Le­sern macht er aber zu sei­nem Ge­burts­tag ein Ge­schenk: „Fall­obst“heißt sein neu­es Werk, ein „No­tiz­buch“mit Ge­dan­ken­split­tern, Be­ob­ach­tun­gen, Li­te­ra­turzi­ta­ten und Glos­sen.

Am 11. No­vem­ber 1929 wur­de En­zens­ber­ger in Kauf­beu­ren im All­gäu ge­bo­ren. Nach dem En­de des Zwei­ten Welt­krie­ges be­trieb er Schwarz­han­del, dol­metsch­te für die US-ame­ri­ka­ni­schen und bri­ti­schen Be­sat­zer und mach­te schließ­lich 1949 Abitur in Nörd­lin­gen. Von sei­ner Hei­mat war er des­il­lu­sio­niert. Das vier­ge­teil­te Deutsch­land emp­fand er als „mo­ra­li­sche Wüs­te“. Es sei „kein viel­ver­spre­chen­der Be­ruf, Deut­scher zu sein“, er­in­ner­te er sich, und in sei­ner „Ver­tei­di­gung ei­nes Agnos­ti­kers“no­tier­te er: „Ich woll­te lie­ber schrei­ben.“Der Nach­teil: Ein Ge­fühl, dass er „nir­gend­wo voll und ganz da­zu­ge­hört“.

Jun­ger Wil­der

Mit­ge­mischt hat der eins­ti­ge „jun­ge Wil­de“der Nach­kriegs­li­te­ra­tur den­noch, im le­gen­dä­ren Li­te­ra­tur­club der Bun­des­re­pu­blik „Grup­pe 47“oder bei den re­bel­li­schen 1968ern. Über sei­ne Zeit in der da­ma­li­gen Au­ßer­par­la­men­ta­ri­schen Op­po­si­ti­on (Apo) ge­gen die Gro­ße Ko­ali­ti­on in Bonn in den 60er Jah­ren gibt auch ei­nes sei­ner Er­in­ne­rungs­bü­cher mit dem viel­sa­gen­den Ti­tel „Tu­mult“Aus­kunft. In die­ser Zeit grün­de­te er 1965 das Kul­tur­ma­ga­zin „Kurs­buch“. Es wa­ren be­weg­te Jah­re, in de­nen En­zens­ber­ger vie­les aus­pro­bier­te. Er war Ver­lags­lek­tor bei Suhr­kamp in Frank­furt, ver­brach­te ei­ni­ge Zeit im so­zia­lis­ti­schen Ku­ba, leb­te in Nor­we­gen, Ita­li­en, Me­xi­ko, den USA und West-Ber­lin und kam schließ­lich 1979 nach Mün­chen.

En­zens­ber­ger schrieb und schrieb, Ro­ma­ne, Es­says, An­ek­do­ten, Er­in­ne­run­gen und Dra­men, et­wa „Un­ter­gang der Ti­ta­nic“, 1980 von Ge­or­ge Ta­bo­ri in­sze­niert. Kin­dern woll­te er mit „Der Zah­len­teu­fel“die Ma­the­ma­tik nä­her brin­gen. Und den Ju­gend­li­chen wid­me­te er Bü­cher wie „Im­mer das Geld: Ein klei­ner Wirt­schafts­ro­man“oder „Ly­rik nervt“. Und na­tür­lich sei­ne Ge­dich­te. Schon mit sei­nem ers­ten Ly­rik­band „Ver­tei­di­gung der Wöl­fe“von 1957 er­reg­te er Auf­se­hen.

Dass En­zens­ber­ger auch mit 90 Jah­ren nicht mü­de wird, sich über „Gott und die Welt“Ge­dan­ken zu ma­chen, zeigt sein Buch „Fall­obst“mit Zeich­nun­gen des 2011 ge­stor­be­nen Il­lus­tra­tors Bernd Bex­te mit man­chen gu­ten und tref­fen­den Be­ob­ach­tun­gen, aber auch Läp­pi­schem. Und gleich­zei­tig no­tiert er un­ter der Über­schrift „Die Kunst des Schwur­belns“: „Im Kunst­be­trieb, im Jour­na­lis­mus und in der Kul­tur­po­li­tik ge­hört das Schwa­feln zu den ge­frag­tes­ten Ta­len­ten.“

In sei­nem neu­en Buch fin­den sich, wie so oft, Ge­dan­ken auf der Hö­he der Zeit, et­wa zum The­ma Mi­gra­ti­on. Oh­ne sie wür­de je­de mensch­li­che Ge­sell­schaft ver­öden, trotz al­ler Kon­flik­te und Schwie­rig­kei­ten, heißt es dar­in. Die USA nennt En­zens­ber­ger ein Land mit ei­ner „un­heim­li­chen Mi­schung von Gier und Ge­schmack­lo­sig­keit, pu­ri­ta­ni­scher Fas­sa­de und kras­sen Klas­sen­un­ter­schie­den“und ei­nem Prä­si­den­ten mit dem „tref­fen­den Na­men Do­nald“. Und er warnt vor „un­heil­vol­len Ver­bin­dun­gen von Ge­heim- und Nach­rich­ten­diens­ten und In­ter­net-Kon­zer­nen“.

Auch über den Le­bens­abend macht sich En­zens­ber­ger in sei­nem neu­en Werk Ge­dan­ken. „Jetzt glei­che ich ei­nem Au­to­rei­fen, aus dem lang­sam die Luft ent­weicht“, no­tiert er la­ko­nisch und spricht gleich­zei­tig von der „Kunst, sich lang­sam und mög­lichst un­auf­fäl­lig vom Le­ben zu ver­ab­schie­den“. So­gar an run­den Ge­burts­ta­gen will er sich lie­ber nicht in der Öf­fent­lich­keit her­vor­tun – das stell­te er schon vor gut 20 Jah­ren fest, nach sei­nem 70. Ge­burts­tag. „Lor­beer­bäum­chen, Talk­shows, In­ter­views ge­ben – das al­les mag ich nicht“, sag­te er da­mals dem „Süd­deut­sche Zei­tung Ma­ga­zin“. „Die­se nai­ve Ei­tel­keit, die man braucht, um sich auf ei­ner Büh­ne wohl zu füh­len, ist mir nicht ge­ge­ben.“

Viel lie­ber sei es ihm, wenn die Leu­te sei­ne Bü­cher öff­ne­ten. Und das ta­ten sie bis­lang im­mer, auch im Aus­land. In mehr als 40 Spra­chen wur­den sei­ne Wer­ke über­setzt. War­um er so er­folg­reich war? Da­zu nimmt der Münch­ner in „Fall­obst“Stel­lung: Er ha­be ein­fach mehr Glück ge­habt.

Fo­to: Andre­as Ge­bert/dpa

Schrift­stel­ler, Den­ker: Hans Magnus En­zens­ber­ger wird 90.

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