Re­li­gio­nen im Aus­tausch

Kirch­heim Se­bas­ti­an Ho­brak, Dirk Ku­bit­scheck und Gam­ze Gün­gör stell­ten die An­sich­ten und Be­son­der­hei­ten der drei gro­ßen mo­no­the­is­ti­schen Re­li­gio­nen, dem Ju­den­tum, dem Chris­ten­tum und dem Is­lam dar. Von Yan­nik Schus­ter

Bietigheimer Zeitung - - Bönnigheim Und Umgebung -

Mit ei­nem Zi­tat von Al­bert Ein­stein – „Al­les ist vor­her­be­stimmt“– be­grüß­te Bür­ger­meis­ter Uwe Sei­bold die Be­su­cher des Kirch­hei­mer Tria­logs der Re­li­gio­nen zum The­ma „Le­ben­s­an­fang in den Re­li­gio­nen“. Am Sonn­tag­abend fand die Ver­an­stal­tung im Kirch­hei­mer Rat­haus statt. Se­bas­ti­an Ho­brak, Dirk Ku­bit­scheck und Gam­ze Gün­gör stell­ten die An­sich­ten und Be­son­der­hei­ten der drei gro­ßen mo­no­the­is­ti­schen Re­li­gio­nen, dem Ju­den­tum, dem Chris­ten­tum und dem Is­lam, dar.

Ju­den­tum

Den An­fang mach­te Ho­brak mit ei­nem Vor­trag zum Ju­den­tum. Dar­in kon­zen­trier­te er sich vor al­lem auf die Fra­ge „Wann be­ginnt Le­ben?“. Im jü­di­schen Glau­ben ste­he das Le­ben für den Atem des Men­schen. Zu­dem sei das Le­ben an sich be­reits ein Wun­der. Le­ben zu schüt­zen sei die obers­te Auf­ga­be der Re­li­gi­on. Aus der äl­tes­ten jü­di­schen Schrift, der Bi­bel

las­se sich nur schwer ein Stand­punkt zum The­ma Ab­trei­bung ab­lei­ten, so Ho­brak. In ei­nem Be­ra­tungs­ge­spräch wür­de er aber eher die Ten­denz ver­fol­gen, von ei­nem Schwan­ger­schafts­ab­bruch ab­zu­ra­ten. Ho­brak be­ton­te, es gä­be kei­ne „jü­di­sche Ant­wort“, weil das Ju­den­tum mehr als nur ei­ne Re­li­gi­on sei. So kön­ne man auch die Re­li­gi­on ab­leh­nen und blei­be trotz­dem Ju­de. Au­ßer­dem müs­se sich das jü­di­sche Recht je­der­zeit dem Rechts­staat un­ter­ord­nen.

Chris­ten­tum

Auch dem evan­ge­li­schen Pfar­rer Dirk Ku­bit­scheck war es wich­tig zu be­to­nen, es ge­be nicht die ei­ne christ­li­che Re­li­gi­on. Im kon­ser­va­ti­ven Chris­ten­tum wer­de die Emp­fäng­nis als Be­ginn des Le­bens an­ge­se­hen. Je­der Mensch sei von Be­ginn an ein ge­lieb­tes Ge­schöpf Got­tes, oh­ne da­für et­was leis­ten zu müs­sen, führ­te er wei­ter aus. An­ders als et­wa im Ju­den­tum sei man al­ler­dings nicht christ­lich ge­bo­ren. Die Tau­fe die­ne hier­für als Glau­bens­be­kennt­nis und Auf­nah­me­ri­tu­al in die christ­li­che Kir­che. Die­se sei zum ei­nen ein Sym­bol für die Rei­ni­gung als auch für das Le­ben. An­schlie­ßend sei es die Auf­ga­be der El­tern das Kind christ­lich zu er­zie­hen. Die Kon­fir­ma­ti­on oder die Fir­mung kön­nen dann als frei­es Be­kennt­nis des In­di­vi­du­ums den Glau­ben be­kräf­ti­gen, so Ku­bit­scheck.

Is­lam

Gam­ze Gün­gör er­klär­te im mus­li­mi­schen Glau­ben sei­en al­le See­len be­reits er­scha en und war­ten le­dig­lich auf ih­ren Ein­satz. Am 40. Tag nach der Zeu­gung be­kom­me das Kind Le­ben ein­ge­haucht, das ent­spre­che auch et­wa dem Zeit­punkt, an dem das Herz be­ginnt zu schla­gen. Grund­sätz­lich gilt al­ler­dings be­reits die Zeu­gung als Be­ginn des Le­bens. Die Ab­trei­bung sei da­her in den meis­ten Fäl­len ver­bo­ten. „Die Schwan­ger­schaft und Still­zeit gel­ten im Is­lam als be­son­ders schüt­zens­wer­te Pha­se“, so Gün­gör wei­ter.

Wis­sen­schaft­li­chen Me­tho­den zur Ver­hü­tung oder auch der Prä­na­tal­dia­gnos­tik ste­he der Is­lam o en ge­gen­über, es dür­fe je­doch kei­ne Gen­be­ein­flus­sung vor­ge­nom­men wer­den. Die Re­li­gi­ons­leh­re­rin nann­te zu­dem Bei­spie­le mus­li­mi­scher Ri­tua­le zur Ge­burt: So soll et­wa der Ver­zehr ei­ner be­stimm­ten Dat­tel­sor­te wäh­rend der Schwan­ger­schaft und der Ge­burt letz­te­re er­leich­tern. Ein wei­te­res Ri­tu­al sei das Ein­flüs­tern ei­nes Ge­bets durch den Va­ter an das Kind. Am sieb­ten Tag nach der Ge­burt sei es zu­dem üb­lich ein Tier­op­fer dar­zu­brin­gen und die Ge­burt des Kin­des zu fei­ern. Zu die­sem An­lass wer­den dem Kind die ers­ten Haa­re ge­schnit­ten, die­se in Gold auf­ge­wo­gen und als Geld­be­trag ge­spen­det.

Re­ge Fra­ge­run­de

Im An­schluss an die Ein­zel­vor­trä­ge hat­ten die rund 50 Be­su­cher die Mög­lich­keit, ih­re Fra­gen zu stel­len. Gün­gör wur­de et­wa ge­fragt, wie der Aus­tritt aus der Re­li­gi­on im Is­lam ge­re­gelt sei. Sie ant­wor­te­te dar­auf, ein Aus­tritt sei mög­lich. Au­ßer­dem kom­me man nicht als Mus­lim zur Welt: „Je­der kommt mit der Ei­gen­schaft auf die Welt, an den ei­nen wah­ren Gott zu glau­ben. Wel­cher Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft man sich dann an­schließt, bleibt je­dem selbst über­las­sen.“

Ei­ne wei­te­re Be­su­che­rin in­ter­es­sier­te, ob man zum Ju­den­tum kon­ver­tie­ren kön­ne. Ho­brak er­klär­te, grund­sätz­lich sei das mög­lich. Der Pro­zess kön­ne sich aber über lan­ge Zeit er­stre­cken. Man müs­se die jü­di­sche Ge­mein­de vor Ort über­zeu­gen, es ernst zu mei­nen. Auch die Fra­ge, wie im Is­lam mit kin­der­lo­sen Frau­en um­ge­gan­gen wer­de, blieb nicht un­be­ant­wor­tet. So­zi­al sei es für vie­le schwie­rig, ge­äch­tet wer­de dies je­doch nicht. Kin­der­los zu blei­ben sei kei­ne Stra­fe Got­tes, son­dern eher als Prü­fung zu ver­ste­hen.

In­fo Am Sonn­tag, 17. No­vem­ber, fin­det der zwei­te Tria­log im Rah­men der Ta­ge der Be­geg­nung statt. The­ma dann ist das „Le­bens­en­de in den Re­li­gio­nen“.

Fo­to: Hel­mut Pang­erl

Rund 50 Zu­hö­rer be­tei­lig­ten sich in Kirch­heim am Sonn­tag­abend am ers­ten Tag der Be­geg­nung bei dem ein Tria­log zum The­ma „Le­ben­s­an­fang in den Re­li­gio­nen“im Sit­zungs­saal des Rat­hau­ses ge­führt wur­de.

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